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Gazette: Neue Musik in NRW von Petra Hedler - Ausgabe Juni 2002 |
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Düsseldorf, 31.05.2002, 12:01, von Petra Hedler, homepage, , Rubrik: Alle
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| Gewesen: Madame la Peste - Inselfestival in Hombroich - Neue Musik aus Israel in Essen
Angekündigt: Globokar in Bielefeld - "American Music" beim Klavierfestival Ruhr - REIS&BROT in Duisburg - Kagel in Düsseldorf - Alzheimer 2000 in Bonn Bereits Ende April hatte Gerhard Stäblers neue Oper Madame La Peste in Duisburg Premiere. Inzwischen ist die Inszenierung nach Düsseldorf gewandert, wo sie im Juni noch zu sehen sein wird. Ich gestehe, dass mich die Aufführung mit sehr gemischten Gefühlen zurückgelassen hat, eindrucksvolle Momente wechselten mit Verwirrung. Doch zunächst ein paar Informationen zum Inhaltlichen: Das Libretto von Matthias Kaiser (Operndirektor und Regisseur am Saarländischen Staatstheater) destilliert aus dem futuristischen Roman Pest über Paris von Bruno Jasienski und der Erzählung Der Untergang des Hauses Usher von E. A. Poe vier weitgehend unabhängige Bilder. Im Prolog trifft der Revolutionär P'an auf Madame la Peste, eine stumme Rolle, die von der Tänzerin Hannele Järvinen verkörpert wird. Das zweite Bild zeigt das unter Pestquarantäne stehende Paris, in dem die verschiedensten Gruppierungen durch utopische Heilsversprechen und Machtspiele ums Überleben kämpfen. Diesem sozialen Chaos setzt das dritte Bild die Beziehungspest der Usher-Geschwister entgegen. Den Abschluss bildet ein Tribunal, in dem die Protagonisten des zweiten Bildes beschuldigt werden, Hoffnung gesät zu haben. Die Richter wollen eine Welt der Tabula rasa, in der selbst das Hoffnungsgift ausgemerzt ist. Aber auch die Befreiung vom Utopismus ist nur eine Form des Utopischen und so bleibt das Ende mehrdeutig. Madame La Peste, Täterin und Opfer zugleich, tanzt auf den Trümmern. Ihr unartikulierter Schrei wird von Chorgesang aus den Lautsprechern übertönt. Ein neuer Hoffnungsschimmer? Was sich zunächst ganz interessant anhört, sorgt auf der Bühne vor allem für Irritation. Schuld daran ist meiner Meinung nach in erster Linie das Libretto. Kaiser hat zuviel hineingepackt und dann auch noch so verkompliziert, dass es schon als Sprechtext schwer verdaulich wäre. Wer Chaos darstellen will, darf nicht noch zusätzliches produzieren. Stäbler versucht gegenzusteuern, indem er in seiner Musik mit Hunde- und Ratten-Rhythmen, einem Pestakkord und Anklängen an Debussy Struktur und Haltepunkte zu erzeugen versucht. Aber auch das gelingt nur teilweise. Bleibt noch die Inszenierung. Sie funktioniert dann, wenn sie sich um einfache Bilder bemüht. Sie scheitert, wenn sie versucht noch zusätzliche eigene Ideen aufzupfropfen (wie vor allem im Usher-Bild). Gut gefielen mir die Chorszenen, zum Beispiel der Anfang als die Sänger von allen Seiten aus dem Nichts auftauchen und auf der Bühne ein gespenstisches Gruppenbild formieren, in das die Pest einbricht. Auch die Idee, zum Schluss die Angeklagten ins Publikum zu versetzen, war stimmig. Aber der Gesamteindruck bleibt zwiespältig. Vielleicht könnte eine Inszenierung, die sich mehr mit der Musik als mit dem abstrusen Text verbündet, mehr herausholen! (www.deutsche-oper-am-rhein.de/cgi-local/templatedd00.pl?id=0001 ) Bereits zum 9. Mal fand im Mai das Inselfestival in Hombroich ( www.inselhombroich.de ) bei Neuss statt. Das auf dem Museumsareal erlebbare Zusammenspiel von Kunst und Natur wird alle zwei Jahre zu Pfingsten noch um Musik und Literatur bereichert. Dieses einzigartige Ambiente macht den besonderen Reiz des Festivals aus. Mit von der Partie sind regelmäßig hochkarätige Künstler wie das Arditti-Quartett, das ensemble recherche und die musikFabrik, die diesmal an insgesamt zwei Wochenenden 13 Uraufführungen präsentierten Besonders spannend fand ich die neue Idee der öffentlichen Proben in Anwesenheit der Komponisten. Sie boten die Möglichkeit, den Musikern im wahrsten Sinne des Wortes über die Schultern zu schauen und die Werke im Entstehungsprozess zu erleben. Drei Komponisten der mittleren Generation, Christoph Staude (*1965), Thomas Bruttger (*1954) und Michael Reudenbach (*1956) standen im Zentrum des Interesses und waren jeweils persönlich und mit mehreren Werken vertreten. Am besten gefiel mir Michael Reudenbach, der vor kurzem auch in Witten zu hören war. In seinem Stück Faltung müssen die Musiker (Quartett Avance) vier sehr unterschiedliche, in verschiedenen Varianten vorliegende Klangereignisse selbst zu einem Ganzen zusammenfügen. Zwei der möglichen Fassungen wurden zu Gehör gebracht. Da die Bausteine gut identifizierbar sind, bewegt man sich bald auf bekanntem Gelände und weiß doch nicht, was als nächstes kommt. Dieses Vermeiden von Geradlinigkeit macht auch Stück für Stück für neun Instrumente aus. Zu Beginn wechseln monotones Tröpfeln und heftige kurze Attacken, dann folgen ruhigere Passagen, die immer wieder umgelenkt und abgebrochen werden. Christoph Staude gehört sozusagen zum Hombroicher Inventar. Bereits seit 1995 ist er auf der angegliederten Raketenstation ansässig und seitdem bei jedem Inselfestival vertreten. Staude scheut nicht vor kraftvollen, auftrumpfenden Passagen zurück (z.B. in Ortung) und versteht sich auf raffinierte Motivverflechtungen und wirkungsvolle Spannungsverläufe. Trotzdem empfinde ich seine Musik oft als zu effekthaft, handwerklich gut gemacht aber ohne Nachwirkung. Am meisten sagte mir Interior Zone zu, bei dem Klavier und Schlagzeug kräftige, aber nie aggressive Akzente auf einen Grund ruhiger, fahler Klänge setzen. Auch Thomas Bruttger aus Viersen mag es gerne kraftvoll. In twiglight lässt die große Pauke das Zwerchfell heftig vibrieren, Motivfetzen schwirren von Instrument zu Instrument und die Flöte steuert höchste, schrille Töne bei. Überhaupt hatte das in Witten kultivierte Leise und Zurückgenommene in Hombroich wenig Chance! Trotz dieses Kraftaufwands lässt sich feststellen, dass die genannten Komponisten eine eher konventionelle Musiksprache pflegen. Das zeigt sich vor allem im unmittelbaren Vergleich mit Leuten wie Adriana Hölsky. Ihr verrücktes Stück Avance - Impulsions mécaniques wirkte wahrhaft erfrischend. Besonders Euphonium und Bassklarinette bekamen ordentlich Gelegenheit, dem Publikum die Ohren durchzupusten. Unterschiedliche Aufnahme fand Rolf Riehms Hawking für Klavier, große Trommel und Ensemble. Die Musiker sind rund ums Publikum verteilt und knüpfen mal schattenhaft, mal schrill, mal bedrohlich untereinander Fäden, die sich wie ein Netz über die Zuhörer legen. Die nicht enden wollenden Soli des Klaviers und der großen Trommel, die zum Schluss den ganzen Raum zum Beben brachte, waren allerdings etwas ausufernd. Mit Rihm, Zender und Spahlinger waren weiter Altmeister vertreten. Kurz berichten möchte ich noch von einem Austauschprojekt der Gesellschaft für Neue Musik e.V., das israelische Musiker und Komponisten nach Deutschland und umgekehrt Deutsche nach Israel führt. Das Konzert mit den Israel Contemporary Players war am 24.5. in der Alten Synagoge in Essen zu hören. Fasziniert hat mich die bezüglich Herkunft und Musiksprache große Verschiedenheit der Komponisten. Josef Bardanashvili (*1948) zum Beispiel hatte in Georgien bereits eine gesicherte Position als er 1995 beschloss, in Israel noch einmal von vorne anzufangen. Sein Yellow Blues verknüpft auf spielerische Weise unterschiedliche individuelle Linien, die sich ablösen, überlagern, ins Wort fallen und doch zusammenwirken. Saed Haddad (*1973) ist Jordanier, hat christliche Theologie und Philosophie u.a. in Belgien studiert und sich dann in Amman und Jerusalem einem Musikstudium gewidmet. Sein Stück Transsubstantiation ist zwar ziemlich effekthaft, aber gekonnt gemacht und trotz skeptisch stimmender Programmatik mehr als seichter Religionskitsch. Außerdem waren noch Arie Shapira, Dan Yuhas und Ruben Seroussi vertreten. (ausführliche Informationen unter www.dlmusik.nvo.com/projekt/gnm-schaufenster/ ) Im Juni gibt es noch keine Anzeichen von einem Sommerloch: Am 15.6.02 hat in Bielefeld Vinko Globokars L'armonia drammatica, ein Musikdrama für sieben Stimmen, Chor und Orchester Premiere. Nachdem eine geplante Aufführung in Paris nicht zustande kam und auch der "Aufführungsversuch" in Lublijana in Kompromissen stecken blieb, handelt es sich nach Aussage des Komponisten in Bielefeld um die "eigentliche Uraufführung". Zur Einstimmung gibt es am 9. 6. eine Einführungsmatinee und am 11.6. die Soloperformance mit Globokar Mein Körper ist eine Posaune geworden. (www.bielefeld.de/de/kf/theater/theater_bi/ ) Im Rahmen des Klavierfestival Ruhr findet vom 28.6.- 30.6. in Essen, Zeche Zollverein ein Wochenend-Projekt "American Music" statt. Für die Konzeption ist Siegfried Mauser verantwortlich, der auch als Pianist und Moderator dabei ist. Das Spektrum reicht von Copland und Ives bis Feldman und Cage. www.klavierfestival.de Die Duisburger Akzente haben für Neue Musik-Liebhaber das dreitägige Veranstaltungskonzept REIS&BROT im Programm, das von den im Duisburger Innenhafen lebenden Komponisten Gerhard Stäbler und Kunsu Shim entwickelt wurde. Es findet vom 21.6- 23.6.02 statt und umfasst neben Konzerten und Workshops auch eine Kulturexkursion durch das nächtliche Ruhrgebiet. (www.duisburger-akzente.de/web/index.html und www.gerhard-staebler.de ) In Düsseldorf wird am 9.6.02 im Heinrich-Heine-Institut eine Ausstellung eröffnet, die sich mit Mauricio Kagels intensivem Verhältnis zur Literatur beschäftigt. (www.duesseldorf.de/kultur/heineinstitut/fraset16.htm Begleitend ist u.a. am 9.6. ein Kagel-Konzerte in der Tonhalle zu hören (www.tonhalle-duesseldorf.de/) In Bonn gibt es wieder einmal eine Veranstaltung im Rahmen der spannenden Reihe bonn!chance, die regelmäßig zeitgenössisches Musiktheater vorstellt. Diesmal wird am 26., 27. und 28.6.02 Alzheimer 2000, ein Projekt von Andreas Ammer und FM Einheit zu sehen und zu hören sein. (www.oper.bonn.de) Da ich im Internet wenig dazu gefunden habe, hänge ich hier den Werbetext an: Alzheimer 2000 Toter Trakt Originaltonoper von Andreas Ammer und FM Einheit Aus ihrer O-Ton-Collage ULRIKE MEINHOF PARADISE entwickeln Andreas Ammer und FM Einheit als Auftragswerk für die Oper Bonn und das Festival Theater der Welt ihr experimentelles Musiktheater ALZHEIMER 2000. TOTER TRAKT. Das multimediale Projekt mit Schauspielern, Sängern, Musikern und dokumentarischem Material erzählt entgegen seinem verstörenden Titel nicht von pathologischen Krankheitsbildern, sondern das Leben der Ex-Journalistin und RAF-Terroristin. Mit der Originaltonoper ALZHEIMER 2000. TOTER TRAKT begibt sich das Erfolgsduo Ammer / Einheit, das für sein Hörspiel CRASHING AEROPLANES gerade zum zweiten Mal mit dem begehrten Hörspielpreis der Kriegsblinden der Filmstiftung Nordrhein-Westfalen ausgezeichnet wurde, auf ein Experimentierfeld zwischen Pop und Oper. Als Baader / Meinhof sind die bekannten Schauspieler Jennifer Minetti und Günter Rüger zu erleben, und auch das Terroristen-Orchester ist mit ehemaligen Mitgliedern der Einstürzenden Neubauten sowie der finnischen Elektronik-Formation Pan sonic erstklassig besetzt. Premiere am 26. Juni 2002, 20 Uhr, Opernhaus Weitere Vorstellungen am 27. / 28. Juni 2002 Bonn Chance! Experimentelles Musiktheaterv Das Inhaltsverzeichnis aller bisher erschienenen Gazetten zur neuen Musik finden Sie hier, aktuelle Musiktermine in unserem Kalender. |
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