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Gazette: Neue Musik in NRW von Petra Hedler - Ausgabe Juli 2002 |
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Düsseldorf, 01.07.2002, 14:14, von Petra Hedler, homepage, , Rubrik: Alle
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| Gewesen: Bauckholt in Köln - Alzheimer in Bonn - Reis&Brot in Duisburg
Angekündigt: Kagel und Klangraum in Düsseldorf - Paik in Duisburg - Poesie in Wuppertal Zunächst in Aachen im Rahmen des Rheinischen Musikfestes und dann als Gastspiel an der Kölner Oper wurden zwei kleine Musiktheaterwerke von Carola Bauckholt gespielt. Besonders das erste, Stachel der Empfindlichkeit für zwei Stimmen, drei Celli und vier Schlagzeuger, ein Auftragswerk des Kultursekretariats NRW für das Stadttheater Bielefeld von 1997, hat mir gut gefallen. Auf der Bühne befinden sich, neben den Musikern, zwei wartende Personen, merkwürdig altertümlich gekleidet, mit schwarzen Locken und Kleidern und weißgeschminktem Gesicht, fremd wie aus einer anderen Zeit und Welt. Sie warten - die eine im Zug, die andere an einer Bushaltestelle, die eine wartend auf die Abfahrt, die andere auf die Ankunft - unabhängig voneinander und doch auf geheimnisvolle Weise aneinander gekettet. Während die eine nervös auf und ab schreitet und ihre Unruhe gestikulierend und artikulierend von sich abzuschütteln versucht, ist die andere zunächst stumm, auf Haltung bedacht, kontrolliert und kontrollierend. Dazu erklingt eine gespenstische Klanglandschaft aus mal düsteren, mal schabenden, mal krächzenden Celloklängen begleitet von dumpf trommelndem oder nervös schwirrendem Schlagzeug. Die Musik schwillt an, wird immer dichter, bedrohlicher, aggressiver, spitzt sich zu, von irgendwo ertönt Hundegebell. Dann plötzlich ein Bruch. Die spärlichen Kulissen schweben in die Höhe, die Umwelt verschwindet, die Musik ebbt ab und die Personen beginnen sich wahrzunehmen und aufeinander zu reagieren. Die Musik wird ruhiger, fast schwermütig und elegisch. Zum Schluss ist alles wie am Anfang: Zwei Personen warten, wir wissen nicht worauf, vielleicht wissen sie es selbst nicht. Carola Bauckholt erzählt keine linearen Geschichten. "Meine Begeisterung ziehe ich aus Einzelereignissen.", sagt sie. "Mein Kriterium für eine günstige Umgebung ist zunächst die Vermeidung von hierarchischen Entwicklungen, sodass sich Elemente selbständig entsprechend ihrer Neigung Platz schaffen können." Auch dem Zuhörer wird auf diese Weise viel Freiraum eingeräumt für eigene Assoziationen und Phantasien. Eine ganz andere Stimmung vermittelt das zweite Stück Es wird sich zeigen....Gespielt wurde die Uraufführung der Neufassung von 2001 (ursprünglich ein Auftragswerk der Musikbiennale Berlin 1998). Das Assoziationsfeld ist diesmal eine Turnhalle in der vier Darsteller und vier Instrumentalisten (das Rubin Streichquartett) auf vielfältige Weise agieren. Diesmal wird mehr auf Witz und Spiel gesetzt, aber die Intensität des ersten Stückes wird nicht erreicht. Leider enttäuschend fand ich Alzheimer 2000 - Toter Trakt, eine Originaltonoper (?) von Andreas Ammer und FM Einheit (dem ehemaligen Schlagzeuger der Einstürzenden Neubauten), gespielt an der Oper Bonn im Rahmen der Reihe Bonn Chance!Experimentelles Musiktheater. Es geht um Ulrike Meinhof. Mit Andreas Baader als lebendige Leiche ins Altersheim versetzt erinnert sie sich - an seine roten, knallengen Samthosen und seinen auberginefarbenen Porsche, an bürgerliche Fotzen und revolutionäre Schwänze. Die ganze RAF-Historie erscheint als seichte Revoluzzeroper, Eifersuchtsdrama inklusive. Meinhof und Baader werden auf Bonnie und Clyde-Format zusammengeschrumpelt - wie Backobst. Da wirkt auch die hehre Anklage der Isolationsfolter samt Klagelied und Trauermarsch aufgesetzt. Die Musik kann nicht viel retten. Vor allem die Gesangspartien bewegen sich auf simpelstem Musicalniveau. Ein paar gute Momente gibt es, wenn Einheit sich seiner Wurzeln besinnt und Lärm und Schlagzeug die Oberhand gewinnen. Die letzten Worte lauten "vergiss es" - damit ist wohl das Stück gemeint und nicht die Geschichte. (www.oper.bonn.de) Im Rahmen der Duisburger Akzente, die dieses Jahr unter dem Motto das Eigene und das Fremde standen, veranstalteten die beiden Duisburger Komponisten Kunsu Shim und Gerhard Stäbler die Veranstaltungsreihe REIS&BROT. Eingeladen waren vom 21.-23.6. Gäste der Korean Society of the 21st Century Music, die in Konzerten und Workshops zu erleben waren. Bemerkenswert fand ich den großen Anteil an weiblichen Komponistinnen. Die Erklärung, die ich erhielt, war allerdings ernüchternd. Musikstudium und Komponistenberuf gelten in Korea mehr als Freizeitbeschäftigung, denn als ernstzunehmender Brotberuf. Für die Söhne wünscht man sich etwas solideres. Trotzdem, ein Frauenanteil von 80\\\% Prozent schafft Fakten. Die koreanischen Repräsentantinnen machten auch in keiner Weise den Anschein von höheren Töchtern bei der Beschäftigungstherapie, sondern zeigten sich in ihrem Auftreten und ihrer Musik sehr selbstbewusst und auf der Höhe der Zeit. Lose mit den Duisburger Aktivitäten verbunden war ein nächtliches Wandelkonzert in der Düsseldorfer Oper mit Musik von Stäbler. Geleitet von den Belfast Breakfast Songs, die von Markus Butter im Stadtstreicheroutfit eindrucksvoll vorgetragen wurden, bewegten sich die Besucher durch die hohen Hallen. Dabei gab es viel zu hören und zu sehen: ein Blockflötentrio mit gymnastischen Einlagen (eilig, dressiert), szenisch dargebotene Gesänge auf Gedichte von Wondratschek (Secrets), dann wieder ganz seriöse Mussorgski-Lieder usw. Die Düsseldorfer Oper ist wohl selten derartig auf den Kopf gestellt worden! (www.duisburger-akzente.de/web/index.html und www.gerhard-staebler.de ) Zum Abschluss ein paar Tipps, um über den Sommer zum kommen: Die Ausstellung über Mauricio Kagels Verhältnis zur Literatur im Düsseldorfer Heinrich-Heine-Institut läuft noch bis zum 4.8. (Bericht folgt) und wird im Juli von zwei Konzerten begleitet: Am 14.7. präsentiert Pit Therre vom Krefelder TAM ein Kagel-Programm und am 19.7. sind Teodoro Anzelotti (Akkordeon) und Harry Sparnay (Bassklarinette) zu Gast. www.duesseldorf.de/kultur/heineinstitut/fraset16.htm Apropos TAM: In der Vergangenheit habe ich bereits mehrfach darüber berichtet. Wegen Sicherheitsmängeln am Gebäude und fehlenden Mitteln für die Sanierung stand das Theater am Marienplatz in Krefeld-Fischeln kurz vor dem Aus. In letzter Minute machten Stadt und Land dann doch noch Gelder locker. Inzwischen sind Taten zu sehen: Das Gebäude ist eingerüstet und die Renovierungsarbeiten haben begonnen. Wenn alles gut geht, erleben wir in diesem Jahr noch die Wiedereröffnung. Hoffentlich ist das gute, alte TAM dann noch zu erkennen! Im Kunstraum Düsseldorf wird im Rahmen der Klangraum-Konzerte im Juli wieder ein besonderes Projekt veranstaltet. Eine Woche lang, vom 22.7. bis zum 29.7., gibt es täglich um 19.30 Uhr das buch der träume und weiten, elektronische Klänge von Jürg Frey, und 8 religionen, geschrieben und aufgelöst, eine Fussbodeninstallation von Mauser, zu sehen und zu hören. Am 31.7. wird ein weiteres Kapitel von Antoine Beugers Emily Dickinson-Bearbeitungen aufgeschlagen: "es gibt ein so seitliches licht" für Stimme und Violine. www.timescraper.de www.duesseldorf.de/kultur/kunstraum Im Duisburger Wilhelm-Lehmbruck Museum läuft zur Zeit (noch bis 25.8.) eine Nam June Paik-Ausstellung. Paik ist als "Vater der Videoskulptur" in die Kunstgeschichte eingegangen. Vor allem in seinen Anfängen hat er sich aber auch als Komponist betätigt. In Zeiten von Fluxus und Neo-Dada waren die Grenzen sowieso fließend. Ein besonderes Anliegen war es ihm, den unterentwickelten Parameter Sex in der ernsten Musik zu etablieren. Unvergessen der Skandal bei der Premiere seiner Opera Sextronique, die mit Polizeieinsatz und Verhaftungen endete. Ganz so spektakulär wird es am 14.7. sicher nicht werden. Geplant ist eine Nam June Paik-Nacht mit Videos und Performances von Nam June Paik und seinem Umkreis sowie Kompositionen von zeitgenössischen Musikern mit Beziehung zum Werk Paiks. www.lehmbruckmuseum.de/deutsch/uberblick/paikbegleit.htm Wenn wir schon mal beim Grenzüberschreiten sind: Am 5.7. findet in der Immanuelskirche in Wuppertal unter dem Titel Circus Vocalis eine lange Sommernacht der konkreten Poesie mit "Sprachkunststücken und musikalischen Drahtseilakten" statt. Mit dabei ist unter anderem Eugen Gomringer.(www.immanuelskirche.de/willkommen/willkommen.htm Das Inhaltsverzeichnis aller bisher erschienenen Gazetten zur neuen Musik finden Sie hier, aktuelle Musiktermine in unserem Kalender. |
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