|
||
|---|---|---|
Gazette: Neue Musik in NRW von Petra Hedler - Ausgabe August 2002 |
||
| (möchten Sie diese Gazette monatlich neu per e-mail erhalten? Dann senden Sie bitte eine mail an redaktion-nrw@kulturserver.de mit dem Betreff: Neue Musik)
Düsseldorf, 29.07.2002, 12:27, von Petra Hedler, homepage, , Rubrik: Alle
|
||
| Ausstellung: Kagels Lesewelten in Düsseldorf, Köln und Gütersloh
Angekündigt: Margaret Leng Tan in Bochum - Scelsi und Antheil in Essen - Didjeridoo und Kehlkopfgesang im Klangraum - 2 X Stockhausen Bereits seit Juni und noch bis zum 4. August wird im Heinrich-Heine-Institut in Düsseldorf eine kleine Ausstellung gezeigt, die sich mit Mauricio Kagels Verhältnis zur Literatur befasst. Anschließend zieht sie weiter nach Köln (ins Historische Archiv vom 19.9. bis zum 17.10.) und dann nach Gütersloh (in die Galerie im Theater vom 1.11. bis 31.12.). Kurator ist Werner Klüppelholz, der bereits mehrere Bücher über Kagel veröffentlichte und vor kurzem den Band Mauricio Kagel. Dialoge, Monologe herausgegeben hat. Darin sind, als Resultat dreijähriger Zusammenarbeit, Gespräche bzw. Monologe enthalten, die Kagel mit bzw. für Klüppelholz gehalten hat. Kagel, als Sohn russischer Emigranten in Argentinien geboren und mit 26 Jahren seinerseits nach Deutschland emigriert, hat Zeit seines Lebens alle möglichen und unmöglichen Einflüsse in sich aufgesogen und auf eigenwillige Weise verarbeitet. Kagel ist kein Elfenbeinturmkünstler, seine Musik ist nie selbstgenügsam, sie sucht Kontakt zu den Zuhörern, zu den Musikern, zu anderen Künsten und vor allem zur Geschichte. Man könnte ihn wie Schönberg, von dem Kagel gerne unterrichtet worden wäre, einen konservativen Revolutionär nennen; denn so avantgardistisch er oft agiert, stets nimmt er Bezug auf Vorhandenes, sei es Musik, Kunst, Film oder eben, wie die Ausstellung dokumentiert, Literatur. In Kagels Herkunftsfamilie wurde exzessiv gelesen. Sein Vater, von Beruf Buchdrucker, las "sogar unter der Dusche" und Kagel selbst hat Literatur und Philosophie unter anderem bei Jorge Luis Borges studiert. Kontakte gab es auch zu dem Schriftsteller Witold Gombrowicz, den es von Polen nach Buenos Aires verschlagen hatte (www.wanat.de/gombrowicz/). Es gibt kaum ein Werk von Kagel, in dem nicht irgendein Textbezug vorkommt. Allerdings hat er niemals, und darauf muss Wert gelegt werden, Literatur im herkömmlichen Sinne vertont. Dazu war sein Respekt vor dem Geschriebenen viel zu groß, denn "Musik kann Literatur nur verhunzen", so seine Erkenntnis. Die Kagelschen Wege sind daher Um- und Abwege, die sich allerdings oftmals als Abkürzungen entpuppen, denn sein Motto lautet: "Streichen statt schreiben." Es ist also ein weites Feld, das die Ausstellung zu beackern versucht. Sie tut es etwas trocken mit Hilfe der üblichen Vitrinen voller Bücher sowie einiger Plakate, Skizzen und Fotos. Wer nicht gerade in einer Klüppelholz-Führung landet, sollte einiges Vorwissen und viel Phantasie mitbringen, um das Ganze zum Leben zu erwecken. Am besten gelingt es natürlich in einem Kagelkonzert; so zum Beispiel am 14.7. als Pit Therre vom Krefelder TAM das Bandoneon-Stück Pandorasbox und Der mündliche Verrat mal wieder kongenial vortrug. Der mündliche Verrat ist ein Werk für Musiktheater, in dem Kagel, angeregt durch das Buch Les Évangiles du diable von Claude Seignolle, alle möglichen Mythen und Sagen, die sich um den Teufel ranken, verarbeitet. Pit Therre hat daraus ein Ein-Personen-Stück in plattdeutscher Mundart destilliert, bei dem er normalerweise inmitten eines imposanten Arrangements von Geräusch- und sonstigen Instrumenten agiert. In Düsseldorf war jetzt eine abermals reduzierte Version zu hören, für die nur ein Flügel und einige Requisiten benötigt werden (zudem überwiegend in Hochdeutsch; ich gestehe, dass ich einige Details erstmals vollkommen verstanden habe). Vor allem die Klaviermusik kommt in dieser Fassung gut zur Geltung. Kagel macht, wie so oft, einen Ritt durch die Musikgeschichte. In seinen Konzertstücken, vor allem denen neueren Datums, ist mir das oft zu traditionalistisch, allen Raffinessen zum Trotz, hier aber passt es zum Thema und es stimmt jeder Ton. ( www.duesseldorf.de/kultur/heineinstitut/veran/06kagel.htm ) Biographische Infos über Kagel: www.edition-peters.de/presse/kagel_bio.html Wie immer im Sommer sind die Konzerttermine etwas dünner gesät, aber ganz still wird es natürlich nicht: Im Rahmen des KlavierFestivalRuhr findet am 7.8. im Museum Bochum ein ganz besonderes Klavierkonzert statt. Margaret Leng Tan, als "Hohepristerin der Avantgarde" betitelt, entführt in die Welt des Spielzeugklaviers und präsentiert The Art of Toy Piano und eine Hommage à John Cage.(www.klavierfestival.de/cgi-bin/detail.php3?id=56) Auch das Abschlusskonzert am 17.8. in Essen in der Zeche Zollverein bietet noch einmal Ungewöhnliches. Zu hören gibt es George Antheils Skandalstück aus den 20er Jahren Ballet Pour Instruments Mécaniques et Percussion in der Originalversion. Konkret bedeutet das, dass zwölf selbstspielende Klaviere, vier leibhaftige Pianisten und ein Schlagzeugapparat aufgeboten werden. Das Hauptkonzert ist bereits ausverkauft. Um 23 Uhr werden aber die Highlights, besagtes Antheil-Stück und Giacinto Scelsis Rotativa für zwei Klaviere und Percussionisten, wiederholt. (www.klavierfestival.de/cgi-bin/detail.php3?id=68 ) Ungewöhnliche Klangerzeugung auch im Düsseldorfer Klangraum: Am 4.8. finden zwei Konzerte mit Musik von Andrè O. Möller statt, zuerst (um 15 Uhr) für Didjeridoos und anschließend (um 19 Uhr) ist Möller selbst mit Kehlkopfgesang zu hören. (www.timescraper.de/ und www.duesseldorf.de/kultur/kunstraum/) Wer überprüfen will, wie weit im Hause Stockhausen die Äpfel von den Bäumen fallen, hat im Umkreis Köln hierzu mal wieder Gelegenheit. In Kürten finden wie üblich die Sommerkurse von Karl-Heinz Stockhausen statt. Teilnehmer aus aller Welt scharen sich vom 27.7. bis 4.8. um den Meister, der immer noch an seinem Licht-Zyklus bastelt. (www.stockhausen.org/faculty_concerts.html) Sohn Markus Stockhausen beschallt bereits seit einiger Zeit im Kölner Süden regelmäßig die Kirche St. Maternus mit seiner intuitiven Musik, das nächste Mal am 25. 8.02. (www.aktivraum.de/). Der Hang zum Spirituellen scheint also in der Familie zu liegen. Das Inhaltsverzeichnis aller bisher erschienenen Gazetten zur neuen Musik finden Sie hier, aktuelle Musiktermine in unserem Kalender. |
|
|