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Gazette: Neue Musik in NRW von Petra Hedler - Ausgabe September 2002 |
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Düsseldorf, 28.08.2002, 13:26, von Petra Hedler, homepage, , Rubrik: Alle
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Besprochen: KlavierFestivalRuhr Angekündigt: Dialoge mit Peter Eötvös beim WDR - Theater Bielefeld- Düsseldorfer Altstadtherbst - RuhrTriennale Am 17.8.02 ging das KlavierFestivalRuhr (www.klavierfestival.de) im Essener Zollverein mit einem Doppelkonzert zu Ende. Wegen der immensen Nachfrage wurden die Highlights des 20-Uhr-Programms um 23 Uhr vor vollem Haus wiederholt. Es war George Antheils Ballet pour Instruments Mécaniques et Percussion, das die Massen strömen ließ. Bereits in den 20er Jahren sorgte dieses Werk für Aufruhr. In Paris wurde es gefeiert und anschließend mit gleichem Enthusiasmus in New York verrissen. Wahrscheinlich waren u.a. ungeschickte Werbung und technische Schwierigkeiten bei der Aufführung für das amerikanische Fiasko verantwortlich. In Essen gab es keine Probleme. Das Festival ist inzwischen so gut etabliert, dass die Leute auch dann kommen, wenn kein Beethoven auf dem Programm steht, und für das aufführungspraktische Gelingen sorgte der Meister der Pianolas, Jürgen Hocker (www.playerpianokonzerte.de). Er zauberte eine Fassung für zwei originale Ampico-Selbstspielklaviere und 14 elektromagnetisch betriebene Disklaviere auf die Bühne. Hinzu kamen vier leibhaftige Pianisten und der berüchtigte Schlagzeugapparat inklusive Propeller, Klingeln und Sirene. In dieser von Antheil gewünschten aber damals nicht realisierbaren Version eine Uraufführung! Antheil wollte "dem Zeitalter, in dem ich lebte, sowohl die Schönheit wie auch die Gefahr seiner unbewussten mechanischen Philosophie und Ästhetik klarmachen." Unsere Zeit birgt andere Fallstricke und so ist das gewaltige Getöse für unsere Ohren ein zwar lustvolles aber letztlich doch historisches Vergnügen. Man kann sich fragen, ob das musikalische Ergebnis den enormen Aufwand rechtfertigt (drei Jahre Vorbereitungszeit vor allem für die Computerprogrammierung, die die Synchronisierung der Pianolas ermöglicht), aber ich will mal nicht kleinlich sein. Sich nach einem heißen Tag zu nächtlicher Stunde kopfüber in ein rasantes Klangmeer zu stürzen, ist durchaus erfrischend und der Anblick der von Geisterhand zum Wahnsinn getriebenen Instrumente immer wieder faszinierend. Eher enttäuschend fand ich Scelsis Rotativa für zwei Klaviere und einen ebenfalls überbordenden Perkussionsapparat. Das nicht genau datierbare Frühwerk hat nichts von der Sensibilität und Vielschichtigkeit späterer Werke, sondern erschöpft sich in der ermüdenden Wiederholung simpler melodisch-rhythmischer Floskeln, zu allem Überfluss pathetisch aufbereitet. Nach der Sommerpause eine etwas ausführlichere Vorschau auf den September: Der WDR führt im Rahmen seiner Reihe Musik der Zeit am 13. und 14.9. einen Dialog mit Peter Eötvös (www.wdr.de/radio/neue_musik/konzert_neu.html). Zum Auftakt wird Judith Keles preisgekrönter Dokumentarfilm Die siebente Tür gezeigt. Eötvös Mutter wünschte sich einen Sohn, der ein großer Musiker werden, dabei aber lustig und bescheiden bleiben sollte. So seltsam, geradezu naiv dieser Wunsch anmuten mag, wenn man Keles Film sieht, entsteht der Eindruck, er ist in Erfüllung gegangen. Mit hellwachen Sinnen und unendlicher Geduld begegnet Eötvös der Musik, seiner eigenen genauso wie der anderer. Er selbst bezeichnet sich als ewigen Wanderer und von Transsilvanien hat ihn sein Weg in die ganze Welt geführt. Vielleicht gerade deshalb ist er, ohne Traditionalist zu sein, der Musik seiner Heimat stets verbunden geblieben. Besondere Nähe besteht zu Bartók, auf dessen Oper Herzog Blaubarts Burg auch der Filmtitel anspielt. Eötvös hat sich als Komponist und Dirigent gleichermaßen hervorgetan. Gleiches gilt von seinem Schüler und Mitarbeiter, dem Litauer Vykintas Baltakas. Dieser hat sich etwas besonderes einfallen lassen, um nicht in Rollenkonflikte zu geraten: Er tritt unter zwei Namen in Erscheinung. Als Dirigent nennt er sich Vykintas Bieliauskas (so noch im Mai mit der MusikFabrik beim Inselfestival in Hombroich), als Komponist Vykintas Baltakas (http://www.mic.lt/03_05.htm und http://hometown.aol.com/baltakas/). Ob das nun für Klärung sorgt oder eher neue Verwirrung stiftet, sei dahingestellt. Auf alle Fälle sind in Köln seine Werke Poussala (als Uraufführung) und Pasaka zu hören. Weitere Uraufführungen steuern László Tihanyi, Pedro Amaral und Bruno Mantovani bei. Ein besonderes Projekt präsentiert am 20.9. das Theater Bielefeld (www.bielefeld.de/de/kf/theater/theater_bi/spielplan/). Bereits mit der Aufführung von Vinko Globokars L'armonia drammatica machten die Bielefelder von sich reden. Ich habe die Inszenierung leider nicht gesehen, aber von der Kritik wurde den Bielefeldern trotz zwiespältiger Eindrücke (die Rede ist von verstörender Maßlosigkeit) immerhin Mut bescheinigt (Raoul Mörchen in den MusikTexten 94). Jetzt also ein weiteres Projekt, das mit gleich drei Uraufführungen aufhorchen lässt. Die Komponisten sind für ihre Experimentierlust bekannt und auch die Spielorte lassen Ungewöhnliches erwarten. Als übergeordnete Klammer muss Orpheus herhalten, aber schon bei Iris ter Schiphorst (http://home.snafu.de/iris.terschiphorst/), die vor allem durch ihre gemeinsamen Arbeiten mit Helmut Oehring auf sich aufmerksam gemacht hat, kommt Orpheus gar nicht vor. Stattdessen wendet sie sich der sonst stets im Schatten stehenden Eurydike zu. Ihr gleichnamiges Stück macht den Auftakt im Theater am alten Markt. In einem Hochbunker ist orpheusarchipel von Georg Nussbaumer zu erleben (http://members.aon.at/georgnussbaumer/). Der Österreicher ist bekannt für seine eindrucksvollen Installationsopern. Mit Manos Tsangaris geht es schließlich in den Untergrund. Sein Orpheus, Zwischenspiele, spielt nämlich in der Stadtbahn-Station "Rudolf-Oetker-Halle". Tsangaris (www.tsangaris.de) ist von wahrhaft erstaunlicher Vielfältigkeit. Er komponiert, zeichnet, schreibt Gedichte und macht selbst Musik, z. B. als Schlagzeuger bei Drums Off Chaos. Diese Vielfalt zeigt sich auch in seinen Stücken, die immer wieder neue Perspektiven eröffnen oder alte verrücken. Humor, Entdeckerfreude und Spaß am Hintergründigen im scheinbar Vordergründigen zeichnen seine Arbeiten aus. Im September ist Tsangaris noch ein weiteres mal zu erleben und zwar am 26.9. im tanzhaus nrw im Rahmen des Düsseldorfer Altstadtherbstes mit dem Stück tafel n, das er gemeinsam mit der AG Neue Musik des Leininger-Gymnasiums in Grünstadt entwickelt hat. Der Düsseldorfer Altstadtherbst nennt sich Festival für junge Kultur und bietet vom 18.9. bis zum 3.10. ein buntes Sammelsurium mehr oder weniger spektakulärer Produktionen aus dem weiten Bereich Theater, Tanz und Musik. Neue Musik im engeren Sinne ist dabei nur am Rande zu hören. Unter dem Stichwort Stimmen gibt es insgesamt sieben Konzerte mit Stimmwundern aus aller Welt, von den Neuen Vocalsolisten Stuttgart über David Moss bis zu Preziosen aus der Sparte Weltmusik. Das Ensemble leitundlause unter der Leitung von Matthias Rebstock zeigt eine szenische Fassung der Récitations von Georges Aperghis sowie SOS von Jaques Demierre. Vom 23.9. bis zum 28.9. findet der inzwischen 8. Internationale Wettbewerb für junge Kultur statt und wer Überraschungen liebt, kann sich im gleichen Zeitraum jeweils zu später Stunde in Flingern in den Kaiser Wellen, dem Atelier von Marcus Kaiser und Andreas Wellen, zum Blinddate einstellen.. Also einfach mal reinklicken: www.altstadtherbst.de. Seit langem schon beherrscht die Ruhrtriennale die Schlagzeilen. Jetzt endlich geht es los. In punkto zeitgenössische Musik müssen wir uns allerdings noch gedulden. Furrer und Birtwistle sind erst für die nächste Saison anvisiert. Vorerst gibt es Neues mehr für die Augen als für die Ohren, zum Beispiel als Übernahme der Salzburger Festspiele Schönbergs Pierrot Lunaire und Messiaens Quatuor pour la fin du temps in einer Inszenierung von Marthaler/Viebrock (übrigens auch mit der umjubelten Züricher Inszenierung der Schönen Müllerin vertreten). Das niederländische Ensemble Zuidelijk Toneel Hollandia mit dem Regissseur Johan Simons bringt unter dem Titel Der Fall der Götter eine Adaptation von Viscontis Film Die Verdammten auf die Bühne. Die Musik dazu stammt u.a. von Heiner Goebbels. Als Neuproduktion schließlich setzt sich Schorsch Kamerun (von der Hamburger Band Die Goldenen Zitronen) mit Eislers Hollywood Elegien auseinander. Die Inszenierung findet in der Salzfabrik der Kokerei Essen Zollverein statt. (http://www.ruhrtriennale.de/de/) Das Inhaltsverzeichnis aller bisher erschienenen Gazetten zur neuen Musik finden Sie hier, aktuelle Musiktermine in unserem Kalender. |
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