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Gazette: Neue Musik in NRW von Petra Hedler - Ausgabe Oktober 2002 |
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Düsseldorf, 03.10.2002, 15:01, von Petra Hedler, homepage, , Rubrik: Alle
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| Gewesen: Triennale - Marathonkonzert in Essen - Musikwettbewerb Düsseldorf
Angekündigt: Neue Musik und Sprache bei der gnmr - Frauenförderinitiative des Landesmusikrates - wandelweiser in residence 5 - Cage in der Kunststation St. Peter Die RuhrTriennale fällt in dieser Saison eigentlich nicht in mein Ressort, da wie erwähnt Neue Musik dort kaum vorkommt (www.ruhrtriennale.de/de/). Einer der wenigen noch lebenden Komponisten, die vertreten waren, ist Philip Glass. Gespielt wurde seine Symphonie Nr. 5, die als Hymne auf das neue Millennium 1999 von den Salzburger Festspielen in Auftrag gegeben wurde. Was von Glass zu erwarten ist, ist bekannt. Ich kann also nicht sagen, ich hätte es nicht gewusst. Sein Anspruch ist enorm. Nicht weniger als die gesamte Menschheitsgeschichte von der Schöpfung bis zum Jüngsten Gericht inklusive Happy End im Paradies wird abgehandelt. Religiöse Texte aus aller Herren Länder müssen herhalten und Glass scheut sich auch nicht, sich auf Beethovens Neunte zu berufen. Zu hören ist allerdings ein schier unendlicher Klangbrei ohne besondere Höhepunkte, eintönige Melodien, jedweder Verzicht auf nuancierten Einsatz des gewaltigen Orchester- und Chorapparats, Pathos in seiner einfältigsten Form. Auch von dem Drive und der Sogwirkung der früheren Minimalstücke ist nicht das Geringste übrig geblieben. Nie habe ich mich in einem Konzert derartig gelangweilt! Der einzig positive Effekt ist, dass anschließend die Ohren in der Lage sind, mit umso größerem Genuss, geradezu erleichtert, Musik der anderen Art aufzunehmen. Diese Wirkung erlebte ich beim 11. Marathonkonzert am 28.9. in Essen. Es stand unter dem Motto Ahorn & Eiche, womit auf die vorrangige Präsentation kanadischer und deutscher Komponisten und Interpreten Bezug genommen wurde. Am eindrucksvollsten für mich waren allerdings die Stücke von Kunsu Shim, einem Komponisten aus Korea, der aber bereits seit langem in Duisburg lebt und gemeinsam mit Gerhard Stäbler für die Organisation der Marathonkonzerte sowie vieler anderer Aktivitäten im Ruhrgebiet verantwortlich ist. Kunsu Shims Stücke sind von unnachahmlicher Einfachheit. Ich kenne keine andere Musik, die derartig schlicht, unspektakulär und unprätentiös ist. Häufig an den Rändern des Hörbaren angesiedelt und von Stille durchsetzt strahlt sie gerade nicht das stillen Stücken manchmal anhaftende Weihevolle und Ehrfurchtgebietende aus - und berührt gerade dadurch umso mehr. Häufig lässt er sich von Alltagssituationen inspirieren, so zum Beispiel in 5 schalen - aus 100 pesetas, einem Stück für fünf Teeschalen. 100 pesetas wiederum bezeichnet in Spanien billige Alltagsware. Aus dem scheinbar Unscheinbaren werden Momente voller Humor und Poesie destilliert und wo andere Stunden benötigen, genügen Kunsu Shim manchmal Sekunden. Auf einer CD des Ensemble Q - O 2 gibt es zum Beispiel ein Stück von ihm, das nur 4 Sekunden (!) dauert und damit sicher eines der kürzesten der Musikgeschichte ist. Etwas ausgedehnter ist sein Streichquartett wäre ich ein vogel, ein wasser und ein wind, das anlässlich des 90sten Geburtstags des amerikanischen Komponisten Henry Brant geschrieben und in Essen uraufgeführt wurde. Eine knappe halbe Stunden lang lässt er die Instrumentalisten feinste Klanggewebe spinnen. Direkt im Anschluss war Gerhard Stäblers Stück beats zu hören. Während sich der Tonvorrat der Streicher unter Vermeidung vordergründiger Zitate aus einer Rossini-Sonate rekrutiert, setzt das Schlagzeug (vor allem Gong, große Trommel und Holzblock) Akzente, die im Kontrast zur vorhergehenden ruhigen Musik um so eindringlicher wirkten. Die kanadische Seite war vertreten durch den deutschstämmigen Michael Oesterle (Daydream Mechanics V: repetitive Verläufe, die ab und zu die Spur wechseln und vom Flüstern der Musiker durchsetzt sind), André Ristic (Allegretto für Bongos und Handys; in Essen in einem Aufzug gespielt, der sich nach verschiedenen Seiten öffnete, wodurch sich ein interessanter raumakustischer Effekt ergab) und Claude Vivier. Sein ursprünglich für ein Schlagzeugensemble komponiertes Stück Pulau Dewata wurde in einer von Oesterle für Streichquartett bearbeiten Version vorgetragen. Überraschend interessant fand ich diesmal den Internationalen Musikwettbewerb, der wie in jedem Jahr im Rahmen des Düsseldorfer Altstadtherbstes stattfand. In den vergangenen Jahren waren einige Beiträge wenig überzeugend, so dass ich die Veranstaltung gar nicht recht ernst nehmen konnte. Dieses Jahr waren nach anfänglich schleppendem Verlauf insgesamt 30 Bewerbungen eingegangen. Daraus wählte die Jury unter dem Vorsitz des Musikjournalisten Raoul Mörchen 10 Teilnehmer aus, von denen ich wiederum die Hälfte gehört habe. Es waren durchweg junge Ensembles, an denen die Entwicklung der neuen Musik im letzten Jahrhundert nicht spurlos vorbeigegangen ist, die aber auch mit manchmal originellen und humorvollen Ideen eigene Akzente setzen und vor allem Spaß am Improvisieren und Experimentieren haben. Trigger aus Essen kreiert kleine Klangszenarien, in denen elektronische bzw. elektronisch bearbeitete Klänge in einen Dialog mit Alltagsdingen und -geräuschen treten. Daraus entstehen mal skurrile, mal witzige Situationen: ein unberechenbarer Toaster kommuniziert mit Elektronik und Mundharmonika, eine Zimmerpflanze wird über Fadenfernsteuerung belebt usw. Café Gomringer präsentierte eine neue Interpretation der Ursonate. Schwitters versuchte das Lautmaterial aller Bedeutung zu entkleiden und einer rein musikalischen Bearbeitung zu unterziehen. Dem scheint die Truppe nicht ganz zu trauen, da durch den Vortragsstil (verteilte Rollen, Mimik, Betonung) Semantik und Rhetorik durch die Hintertür wieder eingeführt werden, was mich nicht ganz überzeugt hat. Hinter dem Namen Herbal Essence aus Bonn verbergen sich die Cellistin Sue Schlotte und der Akkordeonist Florian Stadler. Sie boten kurze, improvisierte Szenen, mal ausgedünnt und filigran, sozusagen in homöopathischer Dosis, mal schrill und wuchernd, immer mit äußerster Konzentration und ganzem Einsatz. Die namengebenden Kräuter waren optisch und olfaktorisch sowie in eingestreuten kurzen Texten präsent. Das Berliner Ensemble Mayas/Nutters/Olsen hat sich nach eigenen Angaben in punkto Geräuscherzeugung einiges bei Lachenmann u. a. abgelauscht, dieses wird allerdings in herkömmlicher Improvisationsmanier dargeboten. Am interessantesten fand ich den Schlagzeuger, der seinem Material akribisch alle möglichen und unmöglichen Geräusche entlockte und hin und wieder für energetische Zuspitzung sorgte. Immerhin hat es für den dritten Platz gereicht. Schließlich nahm auch das Erste Wiener Gemüseorchester teil, das vor kurzem bereits im Rahmen der Ausstellung hell-grün aufgetreten ist. Alle Instrumente werden aus Gemüse gefertigt, das nach Gebrauch gekocht und anschließend verzehrt wird! Der erste Preis ging an Cliquetis Creux und der zweite an Snaut, die ich aber leider beide verpasst habe. www.altstadtherbst.de/2002/wettbewerb/ Jetzt endlich der Blick nach vorn: Unter dem Motto Conversations - Neue Musik und Sprache veranstaltet die Gesellschaft für Neue Musik Ruhr eine Reihe mit 6 Konzerten, die im Oktober startet. Musik und Sprache wird am 11.10. in der Katholischen Akademie Schwerte thematisiert (u.a. mit Streichquartetten von Lachenmann und Xenakis). Am 3.10 präsentieren die Stuttgarter Vocalsolisten im Museum Folkwang Essen Frauenstimmen (www.gnmr.de). Einen Tag vorher sind sie mit einem anderen Programm in Düsseldorf im Rahmen des Altstadtherbstes zu erleben. www.altstadtherbst.de/2002/programm/programm.htm Das Essener Konzert ist gleichzeitig Teil einer Initiative des Landesmusikrates, die der Förderung von Mädchen und Frauen im Musikbereich dient. Außer insgesamt 17 Konzerten findet auch ein Kompositionsworkshop für Mädchen und junge Frauen statt. www.sps3.de/lmr/lmrg/start_frames.html Vom 12. bis 14.10. kann man sich im Düsseldorfer Klangraum auf Wandelweiser-Spuren begeben. Gespielt werden diesmal Werke von Eva Maria Houben, Antoine Beuger und Radu Malfatti. www.timescraper.de Die Kunststation St. Peter ehrt vom 25.10.bis 27.10. John Cage mit Werken von und über ihn. www.kunst-station.de/musik/konzert/index.html Das Inhaltsverzeichnis aller bisher erschienenen Gazetten zur neuen Musik finden Sie hier, aktuelle Musiktermine in unserem Kalender. |
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