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Gazette: Neue Musik in NRW von Petra Hedler - Ausgabe Dezember 2002 |
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Düsseldorf, 28.11.2002, 10:50, von Petra Hedler, homepage, , Rubrik: Alle
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| Gewesen: novembermusic in Essen - María Cecilia Villanueva beim DLF in Köln
Angekündigt: open systems - Neue Musik an den Musikhochschulen Das Festival novembermusic entspringt einer grenzüberschreitenden Zusammenarbeit zwischen Leuten aus Flandern, den Niederlanden und Deutschland (konkret: Folkwang-Hochschule Essen). Das merkt man am Ergebnis, denn es geht stets über das hierzulande bei Neue Musik-Festivals Präsentierte hinaus. Das diesjährige Motto see the sound hear the space, das auf eine Verbindung von Visuellem und Akustischem abzielt, kann in besonderer Weise als Leitmotiv für modulator, das neue Projekt des Theaters der Klänge, gelten. www.theater-der-klaenge.de Die Truppe um Jörg Lensing und Thomas Neuhaus befasst sich schon seit längerem mit Interaktionsmöglichkeiten zwischen Musik, Bild und Bewegung. Während frühere Versuche teilweise an der noch nicht beherrschbaren Technik scheiterten, gab es diesmal diesbezüglich keine nennenswerten Ausfälle. Auf der Bühne montierte Mikros und Kameras zeichnen die Bewegungen und Geräusche der Tänzer und Darsteller auf und verwandeln sie in Steuerungsparameter, durch die das Ausgangsmaterial wiederum moduliert wird. Was so simpel klingt, bedarf eines enormen Aufwands an Programmier- und Entwicklungsarbeit und genau darin liegt die Crux, denn im Vergleich mit dieser komplizierten Vorleistung ist das akustische Ergebnis eher banal. Teilweise wirken die Bühnengeräusche (elektronisch verzerrt) lediglich verdoppelt, teilweise verselbständigen sie sich und münden in den üblichen rhythmisch geprägten Elektroniksound. Am spannendsten ist noch der Kanalwechsel z.B. wenn Bewegungen Klänge erzeugen. Alles in allem entsteht der Eindruck, dass hier ein interessantes Instrument vorliegt, mit dem große Kunst zu produzieren aber noch gelernt sein will. Als hätte man selber der Tragfähigkeit des Ansatzes (noch) nicht getraut, waren kleine Szenen eingestreut, in denen sich ein Schauspieler auf mäßig witzige Art mit dem Thema Maß und Mensch beschäftigte. Aufhänger ist Corbusiers titelgebendes Modulorsystem, mit dem er den idealen Menschen zum Maß aller Dinge machen wollte. Also: als experimenteller Ansatz interessant, aber sicher ausbaufähig. Ab Januar ist das Stück im Düsseldorfer FFT zu sehen. www.forum-freies-theater.de Ein weiterer Gast in Essen war Christian Marclay, der bereits seit Jahrzehnten die Plattenspieler in Schwingung versetzt. Das Besondere war diesmal die Zusammenarbeit mit verschiedenen Neue-Musik- bzw. Improvisationsensembles. Interessanterweise kamen dabei sehr unterschiedliche Klangresultate zum Vorschein. Das niederländische Asko Ensemble brachte Marclay-Vorlagen, sogenannte Grafitti-Kompositionen, zum Klingen. Dabei tauchen wie beim Turntablespiel Melodiesplitter auf, die wieder untergehen oder überlagert werden, gewürzt mit den gängigen avantgardistischen Instrumentalspielweisen. Die Dichte des Originals wird aber nicht ganz erreicht. Stimmiger war da schon die Elektronikvariante des E-Rax Ensembles inkl. E-Gitarre und Thomas Lehn an einem wunderbaren Synthesizer der ersten Stunde. Das fiepte und schrillte herrlich überdreht und kam richtig in Schwung. Ganz anders dann das Schlussstück mit Marclay am Plattenspieler plus Klavier und Computerequipment. Es entstand ein angenehm entspannter Klangteppich, auf dem man abheben konnte ohne die seichten Gefilde psychedelischer Softsounds zu streifen! Den Abschluss des Festivals lieferte Manos Tsangaris www.tsangaris.de mit einer Neubearbeitung seines Stücks Nachtstück mit Fenster interpretiert von Beth Griffith und dem Ensemble MusikFabrik. Auf einer dunklen Bühne entstehen mit Hilfe von Spots, Taschenlampen u. ä. Lichtfenster. Ähnlich tauchen Klänge, Laute und Szenen aus dem Nichts auf, um bald wieder zu verschwinden. Sicht- und hörbar wird eine fragmentierte Traumwelt, inkohärent und doch stimmig, skurrile Szenen, wie sie nur die Nacht gebiert, Sätze, die zerbröckeln, Worte, die die Dingwelt nicht mehr erreichen, und Klänge, von traumwandlerisch elegisch bis alptraumhaft schrill. Schön! Fragmentarisch bleibt auch mein Bericht, denn ich kann nicht auf alle Beiträge eingehen. Also auf die Website schauen www.novembermusic.net oder nächstes Jahr selber hingehen. Am 17.11.02 gab es in Köln beim Deutschlandfunk die Gelegenheit, die Argentinische Komponistin María Cecilia Villanueva http://members.surfeu.de/home/mcv/index.html näher kennen zu lernen ( im Rahmen eines Konzerts der Reihe Frau Musica (nova) mit dem Thürmchen Ensemble http://www.thuermchen.de ). Während sie in ihrem Heimatland nach eigener Aussage als Komponistin kaum präsent ist, ist sie in Europa, speziell in Deutschland, keine Unbekannte mehr. Bereits 1989 war sie beim Forum Junger Komponisten des WDR zu hören. Trotzdem klingt ihre Musik immer noch ungewöhnlich. Klänge, Klangobjekte, Klangfarben und ihre Verschmelzung spielen für ihr Musikdenken eine wichtige Rolle. Typisch sind linear-melodische Muster, die aber nicht einer zielstrebigen Entwicklung unterworfen werden, sondern eher statischen Charakter annehmen. Oft dominiert eine ruhige, traumwandlerische Klangwelt, die sich erst bei genauem Hinhören in ihrem Facettenreichtum erschließt. Im Eröffnungsstück en el gris breiten zwei Schlagzeuger (vorrangig Vibra- und Marimbaphon) einen watteweichen, fast süßlichen Klangteppich aus, der aber durch kleine Variationen und Brüche einen besonderen Reiz gewinnt. Tulipanes negros, schwarze Tulpen, für Kontrabass und Bassklarinette lässt die tiefen Instrumente in hohe Register vordringen, wodurch der melancholisch gefärbte Melodiestrom brüchig, stolpernd und schmutzig wird. Intonso wurde von Koranrezitationen und mittelalterlicher Musik inspiriert. Wieder überwiegt der lineare Duktus, wobei sich dem Fagott als Hauptstimme der Kontrabass und, hinter einem Vorhang, Flöte und Klarinette schattenhaft hinzugesellen. Einen etwas anderen Charakter haben Travesía und En línea, in denen auch vertikale Strukturen von Bedeutung sind. Travesía setzt ein mit harten Klavierakkorden und knallig angerissenen Cellosaiten, dem die Klarinette ruhige gehaltene Töne entgegensetzt, bis sich die Musik immer mehr verflüssigt. Dieser Prozess vom Vertikalen zum Horizontalen bestimmt auch En línea. Aus der anfänglich dichten Klangmasse brechen einzelne Instrumente melodiös hervor. Eine eigenartige Musik, die mir zunächst zu weich, zu soft, zu flüssig vorkam. Aber genau dadurch entstand eine Irritation, die mich genauer hinhören ließ, bis ich mich (fast gegen meinen Willen) einer Faszination nicht entziehen konnte. TIPPS: Der Dezember bringt vom 5. bis 8.12. open systems, das Festival für aktuelle Musik und Kunst im Ruhrgebiet. In diesem Jahr ist es dem kürzlich viel zu früh verstorbenen Wuppertaler Musiker Peter Kowald www.kowald.de gewidmet. Austragungsorte sind Dortmund, Herne, Essen und Bochum. Das Programm ist so vielfältig, dass es mir schwer fällt einzelnes herauszupicken. Wie immer spielen Grenzgänge zu Tanz, Improvisation etc. eine wichtige Rolle. www.festival-open-systems.de Wer wissen möchte, was der Nachwuchs an den Musikhochschulen so treibt, hat dazu im Dezember gleich mehrfach Gelegenheit: Am 9.12. ist in Köln ein Konzert mit neuen Kompositionen von Studierenden der Klasse Fritsch zu hören und am 6.12. spielt das Ensemble für Improvisation der Hochschule für Musik Köln unter der Leitung von Paolo Alvares neue Kammermusik. www.mhs-koeln.de Der Wuppertaler Ableger der Hochschule präsentiert am 2.12. ein Improvisationskonzert mit dem Quartett Cauldron und dem Café Gomringer. www.mhs-wuppertal.de An der Düsseldorfer Robert-Schumann-Hochschule gibt es am 14.12.02 Meilensteine der Musik des XX. Jahrhunderts zu hören. www.rsh-duesseldorf.de Das Inhaltsverzeichnis aller bisher erschienenen Gazetten zur neuen Musik finden Sie hier, aktuelle Musiktermine in unserem Kalender. |
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