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Gazette: Neue Musik in NRW von Petra Hedler - Ausgabe März 2003 |
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| (möchten Sie diese Gazette monatlich neu per e-mail erhalten?
Dann senden Sie bitte eine mail an redaktion-nrw@kulturserver.de mit dem Betreff: Neue Musik) Düsseldorf, 28.02.2003, 14:33, von Petra Hedler, homepage, , Rubrik: Alle
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Gewesen: TAM wieder da - Oedipus in MG - Boxoper in Bonn Angekündigt: musikFabrik in Düsseldorf - Marc André beim WDR - ensemble modern in Köln - Forum neuer Musik beim DLF - Neues Musiktheater in Münster und Köln Aufruf: Wettbewerb www.sound-art-net-work.de [ TAM wieder da ] Nach fast zweijähriger Spielpause wurde am 14.2. das TAM, Theater am Marienplatz in Krefeld-Fischeln wiedereröffnet - komplettsaniert und generalüberholt. Das Haus war voll wie noch nie (und wahrscheinlich auch nie wieder), Honoratioren über Honoratioren. Das Land NRW, das den Hauptanteil der Sanierungskosten übernommen und das TAM damit gerettet hatte, war durch einen Staatssekretär vertreten, der freimütig zugab, vorher noch nie von dieser Spielstätte gehört zu haben. Es sei ihm verziehen. Zum Auftakt wurde Bestiarium von Mauricio Kagel wiederaufgeführt. Ein Stück für Gummi- und Plastiktiere, Lockpfeifen und viel skurrilen Humor, das bereits als Fernsehproduktion des WDR vorliegt. Auch ansonsten war das TAM durchaus wiederzuerkennen. Die Renovierungsarbeiten sind unter dem wachsamen Auge von Pit Therre sehr behutsam ausgefallen. Etwas Patina ist zwangsläufig auf der Strecke geblieben, aber die kann nachwachsen. Ab März gibt es nach alter Tradition wieder jeden Freitag um 22 Uhr Aufführungen. Als nächstes steht Ernst Jandl auf dem Programm, denn der wusste bereits: Aber bald ist alles ganz anders Aber bald ist alles wieder beim alten Aber bald ist alles wieder beim alten ganz anders Aber bald ist alles ganz anders wieder beim alten. (Infos unter Tel: 02151/305273) [ Oedipus in MG ] Im Theater Mönchengladbach ist erstmals nach der Berliner Uraufführung von 1987 Wolfgang Rihms Musiktheater Oedipus szenisch aufgeführt worden. An der Musik kann die bisherige Zurückhaltung nicht liegen, denn die ist wie fast immer bei Rihm spannend. Auf Streicher verzichtend (bis auf die Blendungszene), herb, schneidend, bohrend legt sie den Finger in die Wunde und deckt sie gerade dadurch zu, kommt nicht vom Fleck und spiegelt so den stockenden, mühsamen und qualvollen Prozess der Wahrheitssuche. In den Szenen des Erkennens wird sie daher zurückgenommen oder setzt ganz aus. Die Niederrheinischen Sinfoniker unter Kenneth Duryea und vor allem die Sänger lassen keine Wünsche offen, so dass sich bereits deswegen ein Besuch lohnt. Schwieriger ist die szenische Umsetzung, denn bei allem inneren Aufruhr passiert auf der Handlungsebene ziemlich wenig. Der Regisseur Gregor Horres entgeht der Versuchung, dies durch überbordende Regieeinfälle zu kompensieren, und bespielt als Einheitsbühne einen Raum im Raum, der durch maßvoll eingesetzte Lichteffekte variiert wird (z.B. Bildprojektionen bei den von Rihm in die Hölderlinübersetzung interpolierten Texte von Heiner Müller und Nietzsche). Die Oedipusfigur wird verdoppelt und erscheint einmal als agierender, nach Erkenntnis ringender und gleichzeitig vor ihr zurückschreckender Mensch in Gestalt des Sängerdarstellers (Johannes Köster) und als stummer, auf seinem Thron erstarrter König und Machtmensch, der, als nichts mehr zu retten ist, hilf- und orientierungslos die Bühne umkreist. Insgesamt eine akzeptable Inszenierung. In die Musik versunken, vom Text aufgrund der operntypischen mangelnden Verständlichkeit nicht abgelenkt und angesichts der überwiegend in modernem Outfit agierenden Darsteller tat sich vor mir zusätzlich eine gar nicht tragische und hehre sondern ganz banale und alltägliche Lesart des alten Mythos auf: Das bekannte Szenario heißt "etwas ist faul im Staat"; für Politiker ergeben sich daraus zwei bewährte Optionen: aussitzen oder brutalst möglich aufklären. Zugegeben wird nur, was unumgänglich ist. Sollte wider Erwarten das Belastungsmaterial so erdrückend werden, dass selbst ein Blinder mit Krückstock nicht mehr zu täuschen ist, folgt der geordnete, aber theatralisch inszenierte Rückzug: Eindrücklich bekundetes Bedauern, obwohl man genau besehen natürlich unschuldig ist, denn vermasselt hat es wiedereinmal der Hirte, der (Geld-) Bote oder sonst ein Subalterner. Blindheit und Rückzug aus der Verantwortung werden als Weisheit und Wohltat für den Staat verkauft. Letzterem ist dadurch allerdings am allerwenigsten geholfen. Auch in Theben ging es nach Oedipus' Abgang bekanntermaßen erst richtig los, mit Brudermord und allem was dazu gehört. Weitere Aufführungen gibt es in Mönchengladbach im März und April. Im Mai zieht Oedipus dann im Theater Krefeld ein. www.theater-krefeld-moenchengladbach.de/ Zu Oedipus: www.theater-krefeld-moenchengladbach.de/Spielzeit_2002_2003/Musiktheater0203/Oedipus/oedipus.html [ Boxoper in Bonn ] Für allgemeine Irritation sorgte die sogenannte Boxoper, die in der Bundeskunsthalle in der Reihe bonn chance! aufgeführt wurde (Konzept und Inszenierung von Jean Michel Bruyère, Musik von Kasper T. Toeplitz und Thierry Arredondo). Angekündigt war eine Oper über den Boxer Louis Baye Siki Phall genannt Battling Siki, der als erster Schwarzer Weltmeister im Halbschwergewicht wurde, massiven rassistischen Attacken ausgesetzt war und unter mysteriösen Umständen 1925 in New York ermordet wurde. Weder von Battling Siki noch von Oper war viel zu merken. Bereits beim Betreten des Aufführungsraumes herrschte Dunkelheit, die sich auch die folgenden eineinhalb Stunden nicht lichtete. Über mehrerer Videoleinwände flimmerten Texte und Gestalten. Fast eine halbe Stunde lang war das Video eines Boxers zu sehen, der durch reduzierten Bildausschnitt und Nahsicht sinnlich-nah und ästhetisierend-fern zugleich wirkte. Das zog sich endlos hin und wurde von amorpher, monotoner Musik begleitet, meist laut bis zur Schmerzgrenze. Auf der Bühne schälten sich vereinzelte Aktionen undeutlich aus dem Dunkel. Bezüge zu Afrikaklischees ließen sich ausmachen (Rituale, Masken, Kolonialismus). Irgendwann war es dann vorbei. Beim Publikum, das nicht einmal in der Lage war, sich zu gemeinsamen Applaus- oder Buhbekundungen zu formieren, und nur zögerlich den nach wie vor dunklen Saal verließ, herrschte allgemeine Rat- und Hilflosigkeit. Die Kritiker, inzwischen mit Abstand zum Geschehen und am heimischen PC wieder auf sicherem Terrain, produzierten in seltener Einmütigkeit Verrisse. Von einem ästhetischen Genuss konnte tatsächlich nicht die Rede sein. Stattdessen wurden ständig Erwartungen aufgebaut, die unerfüllt blieben und dadurch je nach persönlicher Verfassung Verwirrung oder Unmut auslösten (Hat es schon angefangen? Kommt da noch was? Was soll das bedeuten? Das kann doch nicht alles gewesen sein?). Ein Zuschauer glaubte gar, rassistische Tendenzen auszumachen, aber diese waren nicht auf der Bühne sondern höchstens in unseren scheinbar aufgeklärten, vorurteilslosen Köpfen, z.B. wenn in Riesengröße das Gesicht eines schwarzen Boxers erschien, das, schwitzend, animalisch, bedrohlich, spontan Unbehagen auslöste. Dazu trug eine Frau in fremder Sprache einen Text über das so ganz andersartige Welt- und Zeitempfinden der Zecke vor. Schon bei Battling Siki, dem Championzee (aus champion und chimpanzee= Schimpanse), waren sich die Zeitgenossen nicht ganz im Klaren über den Grad seines Menschseins. Und während die Versatzstücke auf der Bühne sich zum Ärger der Kritiker partout nicht zum Ganzen fügen wollten, stört es keinen, dass unser Afrikabild mit nicht viel mehr Informationsfetzen auskommt und trotzdem unhinterfragt, weil selten reflektiert zu funktionieren scheint. Es ging also vor allem um unsere Bilder vom und unsere Grenzen zum Fremden und da ist etwas Irritation durchaus erlaubt. Wie gesagt: kein kulinarisches Highlight für Opernfreunde, aber in Kombination mit den Publikums- und Kritikerreaktionen doch interessant. www.oper.bonn.de/premieren/opr.html#battling [ Tipps für den Vorfrühling ] - In der Tonhalle in Düsseldorf ist am 6.3. die musikFabrik (www.musikFabriknrw.de) mit einem Programm für Streicher und elektronische Klangerzeuger zu Gast. www.tonhalle-duesseldorf.de/ - Am 7.3. widmet der WDR Mark André ein Porträtkonzert. www.wdr.de/radio/neue_musik/konzert_neu.html - Das ensemble modern (www.ensemble-modern.com) macht am 8.3. unter der Leitung von Georg Benjamin einen Abstecher in die Kölner Philharmonie. www.koelnmusik.de/index_set.htm - Am darauffolgenden Wochenende vom 14. 3. bis 16.3. lädt der Deutschlandfunk zum Forum neuer Musik. Je ein Konzert stellt Musik von Maria de Alvear, Jacob ter Veldhuis (www.xs4all.nl/~jtv1/) und Juliane Klein (www.editionjulianeklein.de/index.htm) vor. Hinzu kommt ein Klavierrecital mit Katia Tchemberdji. www.dradio.de - Aus dem Fonds Neues Musiktheater bedienen sich diesmal die Bühnen Münster und Köln. Uraufgeführt werden am 7.3. Senja von Azio Corghi (www.theater.muenster.org/detail.cfm?id=senja) und am 22.3. Limonen aus Sizilien von Manfred Trojahn (www.buehnenkoeln.de/) [ Aufruf ] Zum Schluss noch ein Hinweis auf einen vom Landesverband der Musikschulen in NRW ausgerichteten Wettbewerb, der sich an Komponisten jeden Alters wendet, die ihre Werke auf dem elektronischen Wege mit Hilfe eines PC herstellen. Bis zum 28.3. müssen die Ergebnisse ins Netz gestellt werden. Einzelheiten s. u.: www.sound-art-net-work.de/ Das Inhaltsverzeichnis aller bisher erschienenen Gazetten zur neuen Musik finden Sie hier, aktuelle Musiktermine in unserem Kalender. |
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