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Gazette: Neue Musik in NRW von Petra Hedler - Ausgabe Juni 2003 |
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| (möchten Sie diese Gazette monatlich neu per e-mail erhalten?
Dann senden Sie bitte eine mail an redaktion-nrw@kulturserver.de mit dem Betreff: Neue Musik) Düsseldorf, 03.06.2003, 10:10, von Petra Hedler, homepage, , Rubrik: Alle
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Gewesen: Wittener Tage für neue Kammermusik Angekündigt: Katzelmacher-Oper in Wuppertal - Christian Wolff in Köln und Düsseldorf - Lange Nacht in Moyland - Kaija Saariaho in Bochum - Ensemblia in Mönchengladbach Glückwunsch: Japan-Stipendium für Kunsu Shim [Wittener Tage für neue Kammermusik] Vom 9. bis zum 11. Mai fanden in Witten zum 35. Mal die Tage für neue Kammermusik statt, das wichtigste Neue-Musik-Festival in NRW. Rein statistisch kam es seiner Aufgabe, am Puls der Zeit zu sein, durchaus nach: Unter insgesamt 28 Darbietungen (inklusive Performances und Klanginstallationen) waren 21 Uraufführungen und 4 deutsche Erstaufführungen. So richtige Begeisterung wollte bei mir aber in diesem Jahr nicht aufkommen. Vieles hätte ohne größeres Erstaunen auszulösen auch schon im Gründungsjahr dabei sein können. Womöglich wäre es damals 1969 sogar eher als heute angeeckt, da gut gemacht und gut zu hören aber wenig zündend. Da wäre zum Beispiel der Portugiese Emanuel Nunes, der gleich mit drei Stücken vertreten war. Zwei davon, Improvisation I und II, sind Vorstudien eines im Entstehen begriffenen Musiktheater-Projektes, das auf der Erzählung Die Sanfte von Fjodor Dostojewski basiert. Mal quirlig, mal sanft plätschern die Motive, gekonnt aber ohne irgendwelche Höhe- oder Tiefpunkte aneinandergefügt, vor sich hin. Man kann sich ihrem Fluss überlassen und es genießen, man kann es aber auch lassen. Jörg Widmann, in der Neuen Zeitschrift für Musik (3/2003) kürzlich immerhin als eine der "Lichtgestalten der jungen Komponistengeneration" tituliert, hat mich ebenfalls nicht ganz überzeugt. Seine études I - III für Violine sind Virtuosenstückchen, von seiner Schwester brillant gespielt. Das Stück Signale für sechs Stimmen, vorgetragen von den wunderbaren Neuen Vocalsolisten Stuttgart, setzt zunächst sehr interessant ein. Langsam und behutsam baut sich ein eindringlicher, sirenenartiger Klang auf, in sich bewegt und zu eindrucksvoller Dichte anschwellend. Im weiteren Verlauf sackt die Spannung aber merklich ab und erschöpft sich schließlich in der Präsentation des üblichen mundakrobatischen Repertoires (Flüstern, Schnalzen Prusten etc.). Schade! Noch am ehesten haben sich mir einige intime Momente vor allem im Rahmen der sog. Performances im Haus Witten eingeprägt. So zum Beispiel der Schweizer Walter Fähnrich, dessen Viola-Stücke zwar fixiert sind, aber bei jeder Darbietung variiert und damit neu zum Leben erweckt werden und daher bislang nur von ihm selbst spielbar sind. Fähnrich lässt sein Instrument wimmern, wispern, lispeln, sanft kreischen, so dass es scheint, als könne es sprechen. Schließlich fängt er selbst an, in einer Phantasiesprache zu murmeln und in einen Dialog mit der Viola zu treten. Die Japanerin Miki Yui präsentierte, völlig bewegungslos hinter ihren Geräten sitzend, ein kurzes elektronisches Stück, das dem üblichen elektronischen Overkill zarte, sanft durch den Raum huschende Klänge entgegensetzt, aus denen sich an einigen Stellen behutsam konkrete Ursprungsgeräusche (z.B. Vogelgezwitscher) herauskristallisieren. In Gérard Griseys Solo pour deux treten Klarinette und Posaune in einen eindringlichen Dialog (teilweise im Wortsinn so zum Beispiel wenn das eine Instrument in den Trichter des anderen bläst). Auf der Basis von Obertonanalysen und multiphonen Klängen entstehen spannende Zusammenklänge und Verschmelzungen mit hohem sinnlichen Reiz. Das Stück ist allerdings weder UA noch DE sondern stammt aus dem Jahr 1981. Der Österreicher Bernhard Lang komponierte in morendo - double/echo den fehlenden Flötenpart zu einem von Haubenstock-Ramati hinterlassenen Analogband, das den elektronischen Teil eines Stückes enthält. Die Flötenstimme hat Lang nach eigenen Angaben dem vorhandenen Material abgelauscht und tatsächlich: Die von Eva Furrer in die E-Bass-Flöte gehauchten und geflüsterten Töne verschmelzen mit den Geräuschen des Zuspielbandes zu einem suggestiven Klangstrom. Weniger überzeugend fand ich Langs dem Zyklus DW (d.h. Differenz und Wiederholung) entstammende Stücke, von denen DW 6a für E-Viola/E-Violine und Loop-Generator und DW 9 für Stimme und Ensemble zu hören waren. Das Prinzip des Loops wird auf die Instrumentalebene übertragen. Das hört sich über weite Strecken an wie eine Aneinanderreihung von Musikschnipseln, die ein paar Mal durchgenudelt und dann wieder fallengelassen werden ohne dass ein größerer Zusammenhang entsteht. Markus Hechtles Werk Still, das auch szenische Elemente enthält, tanzte im wahrsten Sinne des Wortes aus der Reihe. Ein Schauspieler betritt zögernd die Bühne und rezitiert mit eindringlicher Stimme ein Gedicht von Giacomo Leopardi. Vier Männer und ein Akkordeonist, um einen Tisch sitzend, nehmen die Worte auf, spinnen sie fort, umkreisen sie. Dabei verbreiten Anklänge an volkstümliche Elemente, homophoner Chorklang und zum Schluss, während der Sprecher tänzelnd den Raum verlässt, Tangoallusionen eine melancholisch-sehnsuchtsvolle Stimmung, der man sich kaum entziehen kann. Abschließend möchte ich noch Jörg Birkenkötters Départ für die ungewöhnliche Kombination von sechs Vokalisten, Posaune und Schlagzeug erwähnen, das mir gut gefallen hat. Impulshafte oder ausschwingende Akzente von Posaune und Schlagzeug bringen das Klanggeflecht der Sänger zum Brodeln. Die Klänge verschmelzen und verwandeln sich. Es entsteht eine irisierende Spannung, die auch in den überwiegend ruhigen Passagen unterschwellig weiterwirkt. Alles in allem also nicht viel Neues bei der neuen Kammermusik. Aber vielleicht sind die Wittener Tage gerade dadurch am Puls der Zeit. Denn wie heißt es schon in Brecht/Weills Mahagony angesichts stürmischer und unsicherer Zeiten: "Fahrt rascher und fahrt sehr vorsichtig. Segelt unter keinen Umständen gegen den Wind und versucht jetzt nichts Neues." www.wittenertage.de [Blick nach vorn:] Am 1. Juni wird an den Wuppertaler Bühnen die Oper Katzelmacher des Wiener Komponisten Kurt Schwertsik in der Inszenierung von Gerd Leo Kuck uraufgeführt. Ausgangspunkt ist das gleichnamige Theaterstück von Rainer Werner Fassbinder, das vor allem durch die dazugehörige Verfilmung im Gedächtnis geblieben ist. Fassbinder selbst spielte darin die Rolle des sog. Fremdarbeiters Jorge, der durch seine Anwesenheit eine Gruppe in Frust und Resignation erstarrter junger Leute aufwühlt und die angestauten Aggressionen auf sich zieht. Der Film faszinierte durch die äußerst reduzierten Dialoge und Bilder. Die dadurch erzeugte Stilisierung und Distanzierung legt den Finger besonders tief in die aufgezeigten Wunden. Ich bin äußerst gespannt, wie sich das auf der Opernbühne darstellt lässt! www.wuppertaler-buehnen.de Eine ganze Woche lang, vom 2. bis zum 9. Juni ist im Düsseldorfer Klangraum sowie (am 3.6.) in der Kölner Feuerwache Musik von und mit Christian Wolff zu hören. Für Wolff, der im Umfeld der New York School um Cage, Feldman und Brown anzusiedeln ist, ist Musik in erster Linie ein kommunikativer Prozess, an dem Komponist, Interpreten und Hörer gleichermaßen beteiligt sind. Außerdem werden Werke von Jürg Frey, Eva-Maria Houben und weiteren Komponisten der wandelweiser-Gruppe aufgeführt. www.timescraper.de Fast 20 Stunden lang, in der Nacht vom 14.Juni ( Beginn 16 Uhr) auf den 15. Juni kann man sich im Schloss Moyland auf das Phänomen Zeit einlassen. Von Klanginstallationen, über ganz lange und ganz kurze Werke der neuen Musik bis zu indischem Dhrupadgesang reicht die Palette. www.moyland.de/pages/veranstaltungen/ Zum 50. Geburtstag der finnischen Komponistin Kaija Saariaho findet am 20. Juni im Museum Bochum ein Konzert mit den Bochumer Symphonikern statt. Vorab ist die Komponistin in einem Gespräch zu erleben. Weitere Konzerte mit neuer Musik gibt es an den Folgetagen (am 21.6. eine Annähehrung an vier Komponistinnen im Thürmer Saal und am 22.6. wieder im Museum Bochum). www.bochum.de/symphoniker/frameset.htm Am 26.6. startet in Mönchengladbach die ensemblia, Festival für Musik, Theater, Tanz und Kunst. Im Zentrum steht in diesem Jahr die Gegenüberstellung von Alt und Neu, was sich unter anderem in der Ausschreibung eines Kompositionswettbewerbes für Neue Musik mit historischen Instrumenten manifestiert. Das Ergebnis wird zum Abschluss am 5. Juli von der MusikFabrik NRW vorgetragen. Dazwischen gibt es wie immer viel Experimentelles, Performances, visuelle Konzerte, dynamische Klangereignisse und sogar eine Collage zum Thema Fußball (umso passender jetzt da der Klassenerhalt der Borussen gesichert ist!!) . www.ensemblia2003.de Zum Schluss noch einen herzlichen Glückwunsch an Kunsu Shim. Der deutsch-koreanische Komponist, Mitinitiator der EarPort-Aktivitäten im Duisburger Innenhafen, hat Anfang Mai das von der Japan Foundation Tokyo vergebene Genko Uchida Fellowship-Stipendium erhalten. Damit verbunden ist ein dreimonatiger Aufenthalt in Japan. An Kunsu Shims Musik beeindruckt mich besonders ihre Schlichtheit und Einfachheit. Seit einiger Zeit wendet er sich verstärkt interdisziplinären Ansätzen zu, zum Beispiel indem er visuelle oder Performance-Aspekte einbezieht. Typisch bleibt das Anknüpfen am Alltäglichen, der Verzicht auf Theatralik und Pathos. (s. Gazette vom Oktober 2002 und www.kunsu-shim.de/). Das Inhaltsverzeichnis aller bisher erschienenen Gazetten zur neuen Musik finden Sie hier, aktuelle Musiktermine in unserem Kalender. |
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