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Gazette: Neue Musik in NRW von Petra Hedler - Ausgabe Oktober 2003 |
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| (möchten Sie diese Gazette monatlich neu per e-mail erhalten?
Dann senden Sie bitte eine mail an redaktion-nrw@kulturserver.de mit dem Betreff: Neue Musik) Düsseldorf, 29.09.2003, 14:40, von Petra Hedler, homepage, , Rubrik: Alle
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Gewesen: Höhepunkte der Ruhrtriennale Angekündigt: // Ruhrtriennale-Kooperationen mit der Deutschen Oper am Rhein und dem Musiktheater im Revier // Arditti-Quartet und Ligeti-Wochenende in der Kölner Philharmonie // Orgel- und Stäbler-Workshop in Dortmund - NRW fördert Komponistinnen [Höhepunkte der Ruhrtriennale] Der Höhepunkt der Ruhrtriennale war für mich ohne Frage Beat Furrers Musiktheater Begehren (Koproduktion mit dem steirischen herbst) in der Bochumer Jahrhunderthalle. Die Musik macht süchtig. Vom ersten Ton an entsteht eine Intensität, der man sich unmöglich entziehen kann. Brodelnd, drängend, sich aufbäumend, sogartig, dann innehaltend, den Atem anhaltend, ganz ausgedünnt, nur andeutend, fast stillstehend, tastend und flüsternd, gleichzeitig wie von fern und ganz nah und dicht - so oder so immer von einer hohen Sinnlichkeit. Ich fühlte mich wie eine der Pflanzen und Tiere, die in Orpheus' Bann geraten sind, und tatsächlich geht es mal wieder um Orpheus. Dem Werk liegt ein Konglomerat aus Texten von Ovid, Vergil, Hermann Broch, Cesare Pavese und Günter Eich zugrunde, das wie die Musik mehr andeutet als erzählt und für viele Assoziationen offen ist. Pavese zum Beispiel sieht in Orpheus Blick zurück keinen Ausdruck der Laune, Leidenschaft oder Liebe sondern einen selbstbestimmten Akt, der sich gerade gegen die ewige Wiederkehr des Begehrens richtet und, indem er Eurydike bewusst dem erneuten Untergang preisgibt, sich stattdessen auf die Suche nach sich selbst begibt. ("... etwas von dir, tiefer noch als Blut, jenseits von jeder Trunkenheit. Kein Gott kann es berühren."). Entsprechend gibt es keine Möglichkeit der Annäherung zwischen den beiden Protagonisten. Orpheus' Ende ist wie bekannt grausam. Doch gerade im Tode findet er seine Stimme in der Musik, im Klang einer Flöte, während er sich vorher nur sprechend und flüsternd äußernd konnte. Stattdessen bestimmen Eurydike und der grundierende, unterminierende Chor das vokale Geschehen. Für die ebenfalls gelungene szenische Umsetzung zeichneten die Choreographin Reinhild Hoffmann (in Bochum bestens bekannt aus ihrer Zeit am Schauspielhaus) und die Architektin Zaha Hadid verantwortlich. Letztere kreierte ein Bühnenbild, das, anfangs fast plan, sich im weiteren Verlauf zu einer flexiblen, dekonstruktivistischen, von innen erleuchtbaren Skulptur auffächert, die vom Hindernis bis zur Himmelsleiter vielerlei Lesarten ermöglicht. Dazu lässt Hoffmann Chor und Tanzensemble traumwandlerisch, in vergeblichem Vorwärtsdrängen, sich stützend, tastend, schiebend über die Bühne schreiten - wie Dantes Verdammte in den Kreisen der Hölle. Es entstehen eindrucksvolle Bilder, aber trotz aller intellektuellen und visuellen Nahrung ist es stets die Musik, die konkurrenzlos das Geschehen trägt - wie es sich für Orpheus gehört. Apropos Orpheus - das Thema scheint zur Zeit wieder hoch im Kurs. Die Wuppertaler Bühnen veranstalten im Oktober/November ein Orpheus-Festival (www.wuppertaler-buehnen.de) und die Neue Zeitschrift für Musik widmet ihm den Schwerpunkt seiner aktuellen Ausgabe. (www.schott-online.com/nocache/smi/produkte/Publikationen/musikzeitschrift/2,fbe1bf4a654.html) In eine ganz andere, irdische Hölle führt The woman who walked into doors, nach einem Roman von Roddy Doyle mit Musik von Kris Defoort in der Regie von Guy Cassiers (in Zusammenarbeit mit Het muziek Lod aus Gent und dem Rotterdamer ro theater). Es ist die Hölle der Paula Spencer, die von ihrem Ehemann Charlos regelmäßig krankenhausreif geschlagen wird (nach außen gibt sie vor, sie sei gegen eine Tür gerannt, daher der Titel), der es aber erst nach 18 Jahren, als sie sexuelle Übergriffe gegen ihre Tochter befürchtet, gelingt, sich oder vielmehr ihre Kinder zu befreien. Die Story hebt an, als sie einige Jahre nach der Trennung vom gewaltsamen Tod ihres Ex-Mannes erfährt und ihr Leben daraufhin Revue passieren lässt. Das Stück konzentriert sich ganz auf Paula und es gelingt auf beeindruckende Weise, ohne arrogantes Mitleid, überhebliche Empörung oder Gefühsduselei sie unmittelbar spürbar zu machen - ihre Sehnsüchte, Lüste, Träume, ihre Täuschungen und Selbsttäuschungen, ihre Kraft und immer wieder ihre Ängste. Vor allem wird deutlich, dass sie nie eine Chance hatte, sie selbst und ganz zu sein. Von Anfang an wird sie von ihrem Umfeld, vor allem dem männlichen, definiert und auf verwertbare Bestandteile reduziert - zunächst von Bruder und Vater, von den Ärzten, die nur vereinzelte Knochenbrüche und Blessuren und nie die Frau dahinter wahrnehmen und daher gar nichts sehen, und immer wieder von Charlos, der ihr anfangs Identität gibt und sie gleichzeitig zerstört. Auf der Bühne erscheint nur Paula, in doppelter Form als Schauspielerin und Sängerin. Sie kommuniziert mit einer riesigen Leinwand, auf der die Figuren ihrer Geschichte überlebensgroß und schemenhaft auftauchen, der Polizist, der die Todesnachricht überbringt, Erinnerungen an eine schöngelogene Kindheit und immer wieder Charlos - eine Hand, Zigarettenqualm, ein Mund, bedrohlich und sinnlich zugleich. Schließlich erscheinen die beiden Paulas selbst direkt auf der Leinwand, über eine Spezialkamera live aufgenommen, zeitweilig übereinandergeblendet ohne eins zu werden und so die Zerrissenheit der Protagonistin zum Greifen deutlich machend; ein gelungener Einsatz von Videotechnik, der sich nicht in technischen Spielereien verzettelt, sondern sich ganz auf das Bühnengeschehen konzentriert und so Bilder erzeugt, die unter die Haut gehen. Nicht ganz so überzeugend fand ich die Musik. Kris Defoort kommt vom Jazz und davon versteht er auch etwas. Neben seinem eigenen Ensemble Dreamtime ist mit der Beethoven Academie aber noch ein klassisches Orchester mit von der Partie und in dieser Mischung besteht das Problem. Immer wenn es jazzig wird, ist die Musik packend, mitreißend und voller Drive. Wenn der klassische Anteil überwiegt, wirkt die Musik brav und fremd, aber nicht verfremdend in einem positiven Sinn, der schärfer sehen lässt und neue Dimensionen eröffnet, sondern eher glättend und disparat. Das gleiche gilt für die Darstellerinnen. Obwohl vom Konzept her die Sopranistin Claron McFadden durch ihren Gesang den emotionalen Anteil Paulas vermitteln soll, erreicht sie an keiner Stelle die gefühlsmäßige Wucht und Direktheit der Schauspielerin Jaqueline Blom (was nicht an den stimmlichen Qualitäten liegt). Letztere peitscht die Worte heraus, dass es nur so knallt und macht die dahinter stehende Gewalt unmittelbar spürbar. (www.ruhrtriennale.de) [Weiter geht`s im Oktober:] In Kooperation mit der Ruhrtriennale findet bei der Deutschen Oper am Rhein im Oktober eine Kagel - Uraufführung statt. Genauer gesagt hat Kagel unter dem Titel TheaterKonzert fünf Werke aus den letzten zweiundzwanzig Jahren zusammengestellt, von denen eines (Das Konzert) tatsächlich aus der Taufe gehoben wird. Die Premiere findet am 2.10. in Duisburg statt, ab 24.10. wird in Düsseldorf gespielt. (www.deutsche-oper-am-rhein.de/cgi-local/templatedb00.pl?id=0001) In Kooperation mit dem Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen wird am 10.10. Die Todesbrücke mit Musik des österreichischen Komponisten Alexander Müllenbach uraufgeführt. Das Stück handelt von Liebe in Zeiten des (bosnisch-serbischen) Krieges. Am 13.10. ist das Arditti-Quartet in der Kölner Philharmonie zu hören (u.a. mit Lachenmanns 3. Quartett Grido, das letztes Jahr in Witten zu hören war). Vom 24. bis zum 26.10. findet ein Wochenende zum 80. Geburtstag von György Ligeti statt. Da Ligeti sich häufig von außereuropäischer Musik anregen ließ, ist am Samstag auch der Chor der Aka Pygmäen Nzamba Lela mit polyphoner und polyrhythmischer Musik aus Zentralafrika zu Gast. (www.koelnmusik.de) Gleich zweimal könnte im Oktober der Weg nach Dortmund führen zu Eva-Maria Houben (Universitätsprofessorin an der Universität Dortmund, Institut für Musik und ihre Didaktik, und Mitglied des Wandelweiser Komponisten Ensemble). Vom 3. bis 5. Oktober drehen sich Konzerte und Gespräche um "Orgel und Stille" (www.evamariahouben.de) Im Rahmen des traditionellen Komponistenporträts ist am 8. und 9. 10. Gerhard Stäbler an der Uni Dortmund zu Gast. (www.uni-dortmund.de/FB16/musik/hi/minhalt.html#portrait) Am 26.10. um 11 Uhr wird Stäbler im Lehmbruck Museum der Duisburger Musikpreis verliehen. (www.gerhard-staebler.de) Im Rahmen eines Förderprojektes des Landes NRW werden Aufführungen mit Werken von Komponistinnen aus NRW unterstützt. Im Oktober sind Konzerte in Essen, Duisburg, Düsseldorf und Solingen geplant (Einzelheiten auf der Seite des Landesmusikrates: www.lmr-nrw.de unter Aktuelles) Das Inhaltsverzeichnis aller bisher erschienenen Gazetten zur neuen Musik finden Sie hier, aktuelle Musiktermine in unserem Kalender. |
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