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Gazette: Neue Musik in NRW von Petra Hedler - Ausgabe November 2003 |
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| (möchten Sie diese Gazette monatlich neu per e-mail erhalten?
Dann senden Sie bitte eine mail an redaktion-nrw@kulturserver.de mit dem Betreff: Neue Musik) Düsseldorf, 03.11.2003, 16:47, von Petra Hedler, homepage, , Rubrik: Alle
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Gewesen: Kagel bei der Deutschen Oper am Rhein - Stippvisite zu den World Music Days in Slowenien Angekündigt: open systems im Ruhrgebiet - oh ton-ensemble in Ratingen - Pianorama beim WDR - Goebbels' Eislermaterial in Bochum [Kagel bei der Deutschen Oper am Rhein] Am 2. Oktober hatte Kagels TheaterKonzert an der Deutschen Oper am Rhein in Duisburg Premiere. Wegen gesundheitlicher Probleme konnte Kagel leider nicht dabei sein, aber beim Start in Düsseldorf am 24.10. war er vor Ort und stand bei der Aufführung des Konzerts auch selbst am Dirigentenpult. TheaterKonzert versammelt fünf eigenständige Werke, die wenn auch wie so oft bei Kagel mit theatralischen Elementen angereichert für den Konzertsaal geschrieben wurden. Zwei der Stücke sind rein instrumental: das erwähnte Konzert (für Soloflöte, Harfe, Schlagzeug und Streicher, eine Uraufführung und gleichzeitig das erste Konzert i.e.S. in Kagels vielfältigem Oeuvre) und Szenario (für Streicher plus Hundegebell vom Band, ursprünglich als Filmmusik zu Buñuels Chien Andalou konzipiert); die drei anderen enthalten Gesangspartien: Quodlibet (basierend auf französischen Chansontexten des 15. Jahrhunderts), Duodramen (eine skurrile Konfrontation verschiedenster historischer Gestalten z.B. trifft Indira Gandhi auf Casanovas) und Ein Brief (der Gesangspart besteht nur aus der Ansprache Meine Liebe, an die sich selbstredende Vokalisen anschließen). Der Versuch des Regisseurs Christof Nel, diese Werke für die Opernbühne zu adaptieren, entspricht, wie betont wird, einem Lebenstraum Kagels und ist bei einem Komponisten, der wie kaum ein anderer einen Bezug zum Theater hat, nicht gerade abwegig - allerdings auch nicht einfach. Keines der Werke folgt einer narrativen Struktur und einen direkten Zusammenhang untereinander gibt es schon gar nicht. Nels Ansatz besteht darin, das Ganze als eine komplexe Traumhandlung aufzufassen, an der der Zuschauer möglichst mit- und weiterweben soll. Damit für jeden etwas dabei ist, versammelt er ein kunterbuntes Personal auf der Bühne. Neben den Sängern agieren ein Tänzer, ein Schauspieler, Luftakrobaten, ein Zauberer mit Assistentin und ein argentinisches Tangopaar. Daraus entfaltet Nel ein Kaleidoskop der Bilder, die im Verlauf des Abends allerdings immer mehr ins Beliebige abzudriften drohen. Surreal, ein gerne in Zusammenhang mit Kagel gebrauchter Begriff, ist anders. Surreales unterminiert nicht nur die Realität, sondern geht unter die Haut und greift an. Beim TheaterKonzert bin ich nicht aus meinem Opernsessel herausgekommen; im günstigsten Fall entstand eine nostalgische Stimmung, zum Beispiel wenn beim Konzert zu fahlen Streicherklängen, in die die Flöte nervöse Zuckungen einschreibt, ein gealtertes Tangopaar traumwandlerisch über die Bühne streicht oder der Schauspieler den Flötenspieler, ohne ihn zu berühren, umspielt und umtastet. Diese Nostalgie strahlt auch Kagels Musik aus, die bei allem ihm früher nachgesagten "ungestümen Avantgardismus" in den letzten Jahrzehnten vor allem an der Oberfläche brav und traditionell daherkommt. Etwaige Raffinessen offenbaren sich höchstens bei genauem Hinhören, aber gerade dies wird durch die Bilder eher verhindert. Auf diese Weise beschwichtigen sich Musik und Bilder gegenseitig, anstatt sich zu befruchten und anzustacheln. [Stippvisite zu den World Music Days in Slowenien] Mein Urlaub hat mich in diesem Jahr wie so oft gen Süden geführt und so ergab sich ein Abstecher zu den ISCM Weltmusiktagen, die in diesem Jahr in Slowenien stattfanden. Bei diesem einmal jährlich stattfindenden Treffen der Internationalen Neue-Musik-Gemeinde will natürlich jedes Land vertreten sein und die ausrichtende Nation möchte sich von ihrer besten Seite und auf der Höhe der Zeit zeigen. Die Slowenen haben sich (trotz einiger Negativhighlights wie ein Ballettabend) den Umständen entsprechend gar nicht so schlecht geschlagen. Dem auch hier spürbaren Hang zum Kunsthandwerklich-Belanglosen können sich zur Zeit ja selbst renommierte Festivals wie Witten nicht entziehen. An dieser Stelle möchte ich keinen Bericht über das Gesamtgeschehen abliefern, sondern ganz subjektiv das herauspicken, was nach einigen Wochen Abstand haften geblieben ist . Dass die Avantgarde sich doch noch bewegt, wollte offenbar Vinko Globokar, der international wohl bekannteste slowenische Komponist, unter Beweis stellen. Er trat zusammen mit dem Klangforum Wien an und brachte drei eigene Stücke inklusive des taufrischen Eppure si muovo für Soloposaune und 11 Instrumente zu Gehör. Den Solopart übernahm Globokar selbstverständlich persönlich und überhaupt kreiste das ganze Stück im wahrsten Sinne des Wortes um ihn. Das Ensemble war kreisförmig um ihn herum angeordnet und wem er sich zuwandte, der ließ sich auf einen kleine Dialog ein. Aus diesen Mini-Duetten entwickelte sich eine immer dichter werdende Musik, die sich zu einem herrlichen Chaos auswuchs. Da wäre es gar nicht nötig gewesen, alles was die Avantgarde an ausgefallenen Spielweisen, vokalen Ausfällen und theatralischen Einfällen erfunden hat, aufzubieten. Vor lauter Spökes und Mätzchen sah man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr und das Ganze geriet hart an den Rand manieristischer Selbstbespiegelung. Schade, denn die enorme Energie, mit der Globokar zu Werke geht, ist nach wie vor ansteckend und beeindruckend. Ebenfalls in Erinnerung geblieben ist mir das Konzert mit dem Experimentalstudio der Heinrich-Strobel-Stiftung und dem slowenischen Slavko Osterc Ensemble trotz eher unbekannter Komponistennamen. Die Stücke boten gute Beispiele dafür, wie stimmig elektronische und live-elektronische Bestandteile in Instrumentalmusik integrierbar sind. Gleichzeitig war erlebbar wie unterschiedlich sich musikalische Zeit strukturieren lässt. Der Belgier Serge Verstockt baut in seinem eindrucksvollen Stück Towards the Inside of a Tiny Cowbell eine zunehmende Spannung auf. Die Musik verdichtet sich immer mehr bis schließlich die Stimme daraus hervorzuwachsen scheint, über der Musik schwebt und wieder in sie zurücksinkt. Der Slowene Uroš Rojko arbeitet in RONDO-vous mit einem Wechsel von chaotisch-lebhaften und zurückgenommenen, ruhigen Passagen. Der Portugiese Miguel Azguime baut Eiko-In auf drei Soli auf. Aus den mehr oder minder elektronisch verfremdeten Tönen destilliert er schöne Klanggebilde, verzichtet aber auf einen gerichteten Prozess so dass im Gesamtverlauf der Eindruck von Orientierungs- und Strukturlosigkeit entsteht. www.wmd2003.s5.net/ www.experimentalstudio.de Nun ja, Urlaub und Sommer sind vorbei. Wie heißt es so schön im Lied: Die Blätter sind von den Bäumen gefallen. Und zieren nun den Boden stumm. Der Himmel ist ganz still und stumm. ...Der Herbst ist eingefallen. Nichts desto trotz wird munter weiter musiziert: [Angekündigt] Vom 13. bis 16. November findet open systems, das Festival für aktuelle Musik, Performance und Klangkunst statt. An vier verschiedenen Orten im Ruhrgebiet geben sich viele bekannte und noch nicht ganz so bekannte Namen der Improvisations- und Neue-Musik-Szene ein Stelldichein inklusive Klanginstallationen und composers club "Neue Kompositionen im Gespräch". www.mediatec-online.de/extern/open-systems/data/ Am 16.11. spielt das oh ton-ensemble aus Norddeutschland im Medienzentrum in Ratingen unter anderem Musik von Oehring. www.ohton.de/ Sechs Konzerte rund um das Piano bietet der WDR am 22. und 23. November. Neben Highlights der modernen Klaviermusik von Strawinsky bis Feldman und einem speziellen Programm für Kinder sind Uraufführungen von Fredrik Zeller und Erik Oña zu hören. www.wdr.de/radio/neue_musik/konzert_neu.html Am 26.11. ist das ensemble modern mit Eislermaterial, Heiner Goebbels' sehr persönlicher und eindringlicher Auseinandersetzung mit Hanns Eisler, im Bochumer Schauspielhaus zu Gast. www.ensemble-modern.com , www.heinergoebbels.com und www.schauspielhausbochum.de Das Inhaltsverzeichnis aller bisher erschienenen Gazetten zur neuen Musik finden Sie hier, aktuelle Musiktermine in unserem Kalender. |
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