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Gazette: Neue Musik in NRW von Petra Hedler - Ausgabe Dezember 2003 |
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Düsseldorf, 01.12.2003, 17:29, von Petra Hedler, homepage, , Rubrik: Alle
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Gewesen: Porträtkonzert Lois V Vierk - open systems in Bochum Angekündigt: musikFabrik beim WDR - notabu-ensemble in Düsseldorf - in front in Aachen Porträtkonzert Lois V Vierk Bereits mehrmals hat die Initiative Frau Musica (nova) in Porträtkonzerten interessante Komponistinnen vorgestellt, die mit eigener Stimme sprechen und sich aus dem Neue-Musik-Mainstream herausheben. Nach Cecilie Ore und María Cecilia Villanueva war diesmal am 2.11. im Kölner Sendesaal des Deutschlandfunks (www.dradio.de) Lois V Vierk zu entdecken. Lois V Vierk wurde 1951 in der Nähe von Chicago in einer deutschstämmigen Familie geboren (V Vierk leitet sich von von Viereck ab). Sie studierte Musik in Kalifornien (u.a. bei dem Schönbergschüler Leonard Stein) und beschäftigte sich außer mit westlicher Musik intensiv mit japanischer Gagaku-Musik. Aufschlussreich ist ihre Schilderung des Kompositionsprozesses. Stets geht sie vom konkreten Klang aus, am liebsten lässt sie sich durch die zukünftigen Interpreten direkt in die Klangwelt der Instrumente einführen. Diese Klangeindrücke lässt sie innerlich nachwirken und sich entfalten, bis sich eine Struktur und Form herauskristallisiert. Der Rest ist kompositorische Feinarbeit, die sich besonders an der Wirkung und Entwicklung der Klänge orientiert. Zur zeitlichen Strukturierung einzelner Elemente verwendet sie häufig Exponentialstrukturen, doch auch hier steht der Rückbezug auf sinnliche Erfahrungen im Vordergrund: Die Beziehung zwischen subjektiver Wahrnehmung (z.B. Lautstärke) und den sie auslösenden physikalischen Größen folgt nämlich oft exponentiellen Gesetzmäßigkeiten. Das Ergebnis ist eine sehr sinnliche und körperliche Musik. Typisch sind sich steigernde Verläufe, die auf einen Höhepunkt zulaufen und einen intensiven Sog entfalten. Nicht das einzelne Klangereignis steht im Zentrum der Aufmerksamkeit, sondern der Prozess und die durch ihn erzeugte Spannung. "Ich glaube nicht, dass jede einzelne Note wertvoll ist ... Über kleine 'Fehler' mache ich mir keine Gedanken, sondern es geht mir stets um das Ganze." Häufig lässt sie sich von Vorstellungen anregen, die der Natur entlehnt sind, von Wolkenformationen in Cirrus, der Energie atomarer Teilchen in Spin 2, dem heißen, trockenen und heftigen Wüstenwind in Simoom oder der Urgewalt der Vulkane auf dem Jupitermond Io im gleichnamigen Stück. In den achtziger Jahren komponierte Lois V Vierk eine Reihe von Stücken für eine Besetzung aus gleichen Instrumenten. Davon waren in Köln Cirrus für sechs Trompeten und Simoom für acht Violoncelli zu hören; ersteres wie meistens aus Praktikabilitätsgründen mit einem Trompeter und Tonbandzuspielung, letzteres erstmals mit acht Live-Musikern. Bei Cirrus entsteht aus gehaltenen, auf- und abschwellenden, glissandierenden, sich überlagernden Tönen eine luftige Klangkugel, die sich um den Hörer legt und zum Schluss sanft abgleitet. Simoon ist ein sehr energievolles Stück. Klänge aus den tiefsten Registern und hektische, in ständiger Bewegung befindliche Strukturen laden sich gegenseitig auf. Die Stücke Spin 2 (1995) und To Stare Astonished at the Sea (1994) widmen sich der Erforschung des Klaviers. Spin 2 breitet sich von den tiefen Tönen auf den ganzen Tonbereich aus und gebiert kleine hin- und herflatternde Figuren. To Stare Astonished at the Sea wird ausschließlich im Klavierinneren gespielt. Aus einer dichten Klangwolke steigen luftige Tonfolgen. Bei Io wird durch die Verwendung einer E-Gitarre ein besonderer klanglicher Akzent gesetzt. Dazu wirbeln die Schlegel nur so über die Marimba und die Flöte entgleitet in höchste Höhen. Alle Stücke von Lois V Vierk zeichnen sich durch eine ausgeprägte Körperlichkeit und ein hohes Maß an Energie aus, das jedoch zu keinem Zeitpunkt aggressive Züge annimmt. open systems in Bochum Die Festivals open systems (als Ruhrgebietsinitiative unter der Leitung von Karl-Heinz Blomann) und november music (als Kooperation zwischen Essen, Gent und s'Hertogenbosch) sorgten in den letzten Jahren mit viel Lust am Experiment für spannende Blicke über den musikalischen Tellerrand. Inzwischen kooperiert open systems mit unseren belgischen und niederländischen Nachbarn - und Essen als eigenständiger Austragungsort der november music ist erst mal abgetaucht. Umso mehr ist den offenen Systemen ein langes Leben zu wünschen! Leider konnte ich diesmal nur das Auftaktkonzert in Bochum besuchen. Zunächst setzte Markus Schmickler den Gehörgängen ordentlich zu. Seine elektronische Bearbeitung eines Streichquartetts zeichnete sich in erster Linie durch enorme Lautstärke aus. Teilweise kam ich mir vor wie in einem Flugzeug direkt neben dem Triebwerk (oder wo immer der lauteste Ort sein mag) bei äußerster Beschleunigung, teilweise wie in einem Bombardement riesiger kosmischer Partikel. Raum, Bestuhlung und Zuhörer vibrierten ordentlich mit und gelegentliche leisere Passagen reichten kaum zum Durchatmen. Da ich nichts gegen Selbstversuche habe, hielt ich aus und darf verraten: Das Ohr gewöhnt sich auch nach einer ¾ Stunde nicht daran. Unterm Strich eher eine körperliche als eine musikalische Erfahrung, denn eine akustische Orientierung ist unter diesen Umständen kaum möglich und obwohl ich kein grundsätzlicher Feind von Lärm bin, war ich doch froh, als es vorbei war. Nach kurzem Umbau lieferten Michael Riessler und Jean Pierre Drouet dann das Kontrastprogramm und trafen sich zum musikalischen Tischgespräch. Beide hatten vor sich allerhand Material aufgehäuft: Kugeln, Kochlöffel, Spieluhren, was die Abstellkammer so her gibt. Riesslers Saxophon war nur ein Gegenstand von vielen, lag vor ihm auf dem Tisch und durfte keinen klassischen Ton von sich geben. Stattdessen wurden durch Tastenklappern und Anblasen über einen Schlauch Geräusche hervorgebracht. Die Tische dienten als Resonanzkörper (elektronische Verstärkung inklusive) und zur gelegentlichen rhythmischen Untermalung erzeugte Drouet dumpfe, an Herzklopfen gemahnende Klänge, indem er Holzbretter mit den Füßen bearbeitete. Tatsächlich gelang es auf dieser Basis mal poetische, mal humorvolle, mal energiegeladene Momente zu erzeugen. Doch nach einiger Zeit hatte sich der Reiz erschöpft. Spätestens nach einer halben Stunde war alles gesagt. (Es ging aber weiter). Zum Abschluss spielte das Tobias Delius Project auf mit Delius am Saxophon, Joe Williamson am Kontrabass, Paul Lovens am Schlagzeug, Pat Thomas am Klavier, Bart Maris an der Trompete und Maartje ten Hoorn an der Violine. Ich gestehe, nach dem Vorlauf machte es Spaß richtige Menschen, an richtigen Instrumenten mit richtigen Tönen zu hören. Geboten wurde improvisierte Musik (auf der Basis komponierter Vorgaben) mit viel Individualität der einzelnen Musiker und gemeinsamer Lust aufeinander zu hören, neue Klänge entstehen und sich entwickeln zu lassen, mit saft- und kraftvollen Passagen voller Power und solchen, bei denen einen Moment lang die Zeit stillzustehen scheint. www.mediatec-online.de/extern/open-systems/data/ musikFabrik beim WDR Zwei Ensembles in NRW haben neue Konzertreihen gestartet. Das bekanntere ist sicherlich die MusikFabrik, die eine Kooperation mit dem WDR eingegangen ist und regelmäßig im Funkhaus in Köln zu Gast sein wird. Am 3.12. ist neben Werken von David Lang und Louis Andriessen eine Uraufführung von Mauricio Sotelo zu hören. www.musikfabriknrw.de notabu-Ensemble Für die Landeshauptstadt Düsseldorf, nicht gerade eine Hochburg der Neuen Musik, hat sich das notabu-Ensemble verdient gemacht. Unter dem Motto Na hör'n Sie mal....! sind sechs Konzerte in einem neuen Saal der Clara-Schumann-Musikhochschule geplant. Der Auftakt war bereits im November. Am 5.12. werden neben Messiaen und dem immer wieder schönen Pierrot lunaire von Schönberg Werke von Spahlinger gespielt. www.notabu-ensemble.de und www.duesseldorf.de/musikschule/kalender/2003_12.shtml in front Bereits seit Ende November läuft in Aachen in front, ein Festival für Jazz, Neue Musik und Improvisation. Unter anderem ist Garth Knox, ehemaliges Mitglied des Arditti-Quartetts, mit einem Viola-Soloprogramm dabei. www.gzmklangbruecke.de Das Inhaltsverzeichnis aller bisher erschienenen Gazetten zur neuen Musik finden Sie hier, aktuelle Musiktermine in unserem Kalender. |
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