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Gazette: Neue Musik in NRW von Petra Hedler - Ausgabe März 2004 |
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| (möchten Sie diese Gazette monatlich neu per e-mail erhalten?
Dann senden Sie bitte eine mail an redaktion-nrw@kulturserver.de mit dem Betreff: Neue Musik) Düsseldorf, 27.02.2004, 17:35, von Petra Hedler, homepage, , Rubrik: Alle
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Gewesen: Licht-Stimmen beim WDR in Köln Angekündigt: Forum neuer Musik beim DLF – Experimentierfeld neue Musik in der Alten Feuerwache Köln – Beikircher kommentiert neue Musik - Doppelabend Sciarrino/Monteverdi an den Wuppertaler Bühnen – neue Koto-Musik im Lehmbruckmuseum Duisburg [Licht-Stimmen beim WDR] Licht-Stimmen lautete das zu vielfältigen Assoziationen einladende Motto, unter dem am 30. und 31. Januar fünf vom WDR veranstaltete Konzerte in Köln stattfanden. Ob und wie Akustisches und Optisches zusammengehen, ist immer wieder hinterfragt und erforscht worden. Licht und Schall breiten sich, wenn auch auf sehr unterschiedlicher physikalischer Grundlage, in Wellen aus und häufig werden Begrifflichkeiten aus dem visuellen Bereich auf Töne übertragen. Wir kennen den hellen Ton der Flöten und den dunklen Klang der Hörner und sprechen wie selbstverständlich von Klangfarben. Dabei gibt es offenbar ausgeprägte individuelle Unterschiede. Während für Messiaen das Hören unmittelbar mit konkreten Farbwahrnehmungen verknüpft war, bin ich eher ein Ohrenmensch. Mag sein dass mir dadurch an diesem Wochenende einiges entgangen ist. Den Auftakt machte ein Konzert, in dem Streicher den Ton angaben, denen die Wiedergabe von Lichtphänomenen offenbar in besonderer Weise zugetraut wird. Christoph Staude hatte sich mit einer Uraufführung zwischen den Altmeistern Scelsi, Christou und Xenakis zu behaupten und es ging mir wie schon oft bei ihm: Ich kann mit seiner Musik einfach nicht warm werden. In Doppelportrait (im Gegenlicht II) setzt er sich mit den beiden russischen Komponisten Nikolai Obuchov und Ivan Wyschnegradsky auseinander. Das hört sich im Programmheft ausgefeilt und wohldurchdacht an, aber wenn die Musik vorwärtsdrängt, entsteht der Eindruck, sie weiß selbst nicht wohin, und das Innehalten am Schluss wirkt wie herbeizitiert. Im Vergleich dazu klingen die Stücke vom Ende der 60er/Anfang der 70er Jahre frisch wie der junge Morgen. Scelsi entfaltet in Natura renovatur seine suggestiven, flirrenden, an- und abschwellenden Klangwogen und in Xenakis’ Aroura („Es gibt keine große Musik, die sanft wäre.“) ist alles von unglaublicher Energie getränkt, ob brachial und fiebrig drängend oder innehaltend. Sein früh verstorbener Landsmann Jani Christou ging sogar noch einen Schritt weiter. Er wollte, dass Musikausübung zum archaischen Ritual wird. Die Musiker sollen bei Praxis for 12 ihren persönlichen Empfindungen folgen und sich gemeinsam bis zur Ekstase steigern. Auf einem gewöhnlichen Konzertpodium auf Kommando in Ekstase zu geraten, ist natürlich nicht ganz einfach, aber das Ensemble Resonanz unter der Leitung von Jürg Wyttenbach (gleichzeitig am Klavier) war mit Herz und Seele bei der Sache und entfachte ansteckende Lebendigkeit. Einen direkteren Zusammenhang zum Lichtmotto hatte das zweite Konzert, in dem Gerard Grisey mit Le Noir de l’Étoile unmittelbar nach den Sternen griff. Als Ausgangspunkt dienten ihm die astronomischen Signale sogenannter Pulsare, deren in Schallsignale transformierte elektromagnetische Pulsationen ohne weitere Manipulation eingespielt wurden. Sie dienten als Impulsgeber für einen sechsköpfigen, rund um die Zuhörer verteilten Schlagzeugapparat. Das rhythmische Klopfen der Himmelskörper wird aufgegriffen und in kreisende Klanggewölbe verwandelt, die sich auf die Zuhörer herabsenken. Teilweise scheint der gesamte Raum zu rotieren. Der Kirchenraum der Kunst-Station Sankt Peter erwies sich sowohl akustisch als auch atmosphärisch als besonders gut geeignet. Am gleichen Ort erlebte am nächsten Tag Giorgio Nettis Zyklus für Sopransaxophon Necessità d’interrogare il cielo (Notwendigkeit, den Himmel zu befragen) seine deutsche Erstaufführung. Ein einstündiges Solostück, da befürchtet man sofort ein flinkes aber leerlaufendes Virtuosenspektakel, aber es kam ganz anders. Netti hat das Sopransaxophon als instrumentalen, vibrierenden Körper akribisch erforscht und ihm alle möglichen Mehrklänge und Obertöne entlockt. Das ist natürlich höllisch schwer zu spielen und so wirken die Töne oftmals geradezu gequält und gepresst. Aber genau dies gibt ihnen eine Individualität und Intensität, die jedes Abgleiten in meditative Eintönigkeit verhindert. Der hochkonzentrierte Einsatz von Marcus Weiss überträgt sich unmittelbar auf die Zuhörer, die mal gehauchten, dann wieder schrill explodierenden Klänge erlangen eine beeindruckende Körperlichkeit. Den größten Flop des Wochenendes stellte für mich das Konzert mit dem WDR Sinfonieorchester in der Kölner Philharmonie dar. Im Zentrum standen die beiden Orchesterstücke Orion und Siddhartha des bereits mit 35 Jahren ermordeten kanadischen Komponisten Claude Vivier. Harry Vogt bescheinigt ihm im Programmheft "ein Bekenntnis zum pathetischen Melos (zwischen Kitsch und Exotik)". Soweit kann ich ihm folgen, was allerdings daran "ergreifend und zugleich rätselhaft schön" sein soll, ist mir leider entgangen. Auch was Georg Friedrich Haas dazu bewogen hat, einen Kompositionsauftrag des WDR dazu zu nutzen, um Skrjabins 9. Klaviersonate zu instrumentieren, hat sich mir nicht erschlossen. Olga Neuwirth läßt sich in Photophorus von einem besonderen Naturphänomen inspirieren: einer Glühwürmchenart, die sich in Scharen auf Büschen niederlässt und durch ihr rhythmisch-synchrones Leuchten phantastische Lichtspiele erzeugt. Als Glühwürmchen fungieren bei ihr zwei E-Gitarren, die Funken ins Orchester sprühen und dort schwirrendes-flirrendes, an- und abschwellendes Flackern entfachen. Dabei wird schweres Gerät aufgefahren: Unter anderem kommen eine Tenorbassposaune und sechs Kontrabässe zum Einsatz und so entgeht auch Neuwirth nicht der Versuchung, dem großen Orchesterapparat stellenweise aufgeblasenen Klangzauber zu entlocken. Da lag die Hoffnung auf Xenakis bewährtem Schlagzeugstück Pléiades. Aber die Trommelwogen verloren sich in den unendlichen Weiten der Philharmonie und verloren dabei an Brutalität, Unmittelbarkeit und Körperlichkeit. Zum Ohrendurchlüften gab es zum Schluss noch einen wohltuenden Ausflug mit Andreas Grau und Götz Schumacher in den Klavierkosmos von Messiaen, Crumb, Kurtág, Stockhausen und Eötvös. Verachtet mir die Meister nicht und ehrt mir ihre Kunst! www.wdr.de [der März] Soviel zum WDR. Im März zieht der Deutschlandfunk nach und präsentiert vom 12. bis zum 14.3. das Forum neuer Musik. Diesmal wird der Blick auf Europa gelenkt mit einem besonderen Augenmerk für den neu erschlossenen oder zu erschließenden Osten. Das tschechische Ensemble "MoEns" ist erstmals in Köln zu Gast und hat Neues aus Prag im Gepäck und Baltijos projektas stellt junge baltische Komponistinnen bekannteren Landsleuten gegenüber. Zwei weitere Konzerte führen, zumindest was die Interpreten anbelangt, in die Niederlande. Der Amsterdamer Pianist Marcel Worms dekonstruiert Blues und die Slagwerkgroep Den Haag zeigt, was das Schlagzeug so alles hergibt. www.dradio.de/wir/veranstaltungen/ Ebenfalls rund ums Schlagzeug, allerdings im Dialog mit Elektronik und Multimedia, geht es im Konzert von Repercussions am 4.3. in der Alten Feuerwache in Köln. Bereits am 2.3. wird das Baseler Streichquartett gemeinsam mit den Musikern von Post No Bills am gleichen Ort seinen Weg zwischen Improvisation und Komposition suchen. www.altefeuerwachekoeln.de/ Eine ungewöhnliche Kombination ist am 12.3. in der Düsseldorfer Tonhalle zu erleben: Konrad Beikircher moderiert neue Musik in einem Konzert mit dem notabu.ensemble, das dieses Jahr 20-jähriges Jubiläum feiert. www.tonhalle.de Der Jubiläumszyklus in der Clara-Schumann-Musikschule, über den ich bereits letzten Monat berichtet habe, wird am 6.3. fortgesetzt. www.duesseldorf.de/musikschule/kalender/2004_02.shtml. Im Wuppertaler Schauspielhaus hat am 27.3. ein Doppelabend mit Musik von Monteverdi und Salvatore Sciarrino Premiere. Sowohl in Monteverdis Combattimento die Tancredi e Clorinda als auch in Sciarrinos Infinito Nero (inspiriert durch Texte der Nonne Maria Maddalena de’Pazzi) geht es um "Gesang, Liebe, Wahnsinn und Poesie" und sowohl dieses Thema als auch die Rückwendung zu alter Musik kommt uns bekannt vor, denn bereits vor zwei Jahren wurde in Wuppertal Sciarrinos Tödliche Blume aufgeführt. Damals stand Gesualdos Eifersuchtsdrama im Zentrum und Musik und Inszenierung haben mich durchaus fasziniert (s. Besprechung vom März 2002). www.wuppertaler-buehnen.de/ Zum Schluss noch ein Blick nach Duisburg: Am 19.3. spielt Makiko Goto viel Zeitgenössisches und ein paar traditionelle Sachen für Koto im Wilhelm Lehmbruck Museum. www.lehmbruckmuseum.de Zum Inhaltsverzeichnis aller bisher erschienenen Gazetten zur neuen Musik. |
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