|
||
|---|---|---|
Gazette: Neue Musik in NRW von Petra Hedler - Ausgabe April 2004 |
||
| (möchten Sie diese Gazette monatlich neu per e-mail erhalten?
Dann senden Sie bitte eine mail an redaktion-nrw@kulturserver.de mit dem Betreff: Neue Musik) Düsseldorf, 31.03.2004, 15:23, von Petra Hedler, homepage, , Rubrik: Alle
|
||
| [Inhalt]
Gewesen: Klangraum in Düsseldorf – spanische Komponisten bei notabu-Konzert – Forum neuer Musik beim DLF Exkurs: Bericht einer aus seichter See Geretteten Angekündigt: Wittener Tage – MusikTriennale Köln – Georg Kröll zum 70. Geburtstag – 2 X Thomas Lehn – 2 X Eva-Maria Houben – Ruzickas Celan-Oper in Köln – Globusklänge in Köln [Klangraum in Düsseldorf] Am 7.3. ging es im Düsseldorfer Klangraum ziemlich (klang-)raumgreifend zu. Eva-Maria Houben setzt in ihrem schlicht klavier titulierten Werk das Instrument, den Raum und die Zuhörer in Schwingungen. Im ersten Teil ertönen kräftig angeschlagene Akkorde, die sich aus den höchsten und tiefsten Bereichen des Tonreservoirs speisen. In die daraus resultierenden langen Ausschwingvorgänge fallen echoartig Nachklänge aus mittlerer Lage. Der zweite Teil konzentriert sich dann ganz auf die unteren Register, das Entscheidende aber spielt sich zwischen den Tönen ab. Die Klänge vibrieren, überlagern sich und nehmen, durch Ton- und Anschlagswechsel moduliert, eine geradezu körperlich fassbare Dimension an. Auch bei Stefan Streich geht es um Resonanzen und der Auftakt ist ganz vielversprechend. Durch direkten Griff in den Klavierkorpus manipuliert der Spieler die Ausschwingvorgänge der Saiten z. B. indem er Klänge abwürgt. Im weiteren Verlauf kommen auch Cluster zum Einsatz und für Klangraumverhältnisse ausgesprochen komplexe Tonfolgen, die schließlich sogar Satie anklingen lassen. In insgesamt 16 Klavier Strophen wird viel herumexperimentiert, aber genau darin liegt das Problem. Streich kommt sozusagen vom Hölzchen auf’s Stöckchen, aber es entsteht keine Einheitlichkeit. Dadurch begibt er sich in die Nähe einer Gefahr, die wohl am wenigsten intendiert ist, nämlich dass die Klangexperimente lediglich interessante Effekte zeitigen. In gewohnter Zurückgenommenheit präsentiert sich zum Abschluss Antoine Beugers tombeau. Hingetupfte, für sich stehende Töne, die manchmal zaghaft in Beziehung zueinander treten, sich auch schon mal zu einem Akkord versteigen, letztlich aber bei sich bleiben. www.evamariahouben.de www.stefan-streich.de www.timescraper.de [spanische Komponisten bei notabu-Konzert] Am 6.3. sind mir in einem Konzert des notabu.ensembles zwei junge spanische Komponisten positiv aufgefallen. Elena Mendoza (*1973), Düsseldorf verbunden als ehemalige Schülerin von Manfred Trojahn und letztes Jahr auch in Witten dabei, war mit Contextos für Posaume und drei Instrumente zu hören. Im Verlauf des Stücks löst sich der Posaunist aus dem Ensemble und wird zunehmend zum Solisten. Dabei schöpft er ein weites Klang- und Geräuschrepertoire aus, lässt das Instrument klagen, flüstern oder brünstig tönen. Zur Klangverfremdung werden Texte ins Instrument gesprochen. Diese bleiben zwar unverständlich, aber als Gag am Rande sei vermerkt, dass es sich dabei um eine Spielanweisung für Posaunisten aus dem Lehrbuch handelt. Besonders gut hat mir giorno dopo giorno von José-Maria Sánchez-Verdú (*1968) gefallen. Von den insgesamt vier Teilen des Stückes waren der zweite und vierte zu hören. Sánchez-Verdú ist seit 2001 Dozent für Komposition an der Robert-Schumann-Hochschule in Düsseldorf und fiel mir im gleichen Jahr erstmals auf als Gewinner des Kompositionspreises der Bergischen Biennale für Neue Musik (s.Gazette vom November 2001). Auch sein Stück hat einen Textbezug. Es verwendet Gedichte von Salvatore Quasimodo, die allerdings gar nicht oder nur geflüstert zu hören sind. Eindrucksvoll ist die Körperlichkeit und Sinnlichkeit der Musik. Zum Beginn scheint das ganze Ensemble einen Atemzyklus zu imitieren, spannungsvoll, fast bedrängend, bevor die Musik plötzlich ausdünnt und über der plötzlichen Ruhe ein Schwirrholz hörbar wird. Nach einem Umstimmen der Streichinstrumente hebt die Musik wie ein Herzschlag an, ein unterschwelliger Rhythmus bleibt vorhanden und es erklingt ein Spiel wie auf gespannten Nervensträngen. www.notabu-ensemble.de www.sanchez-verdu.com [Forum neuer Musik beim DLF] Vom 12. bis 14.3. fanden beim Deutschlandfunk in Köln vier Konzerte statt, die vor allem einen Blick nach Osteuropa werfen wollten. Positiv zu vermerken ist, dass dabei viele neue Namen zum Zuge kamen, die Ergebnisse allerdings waren unterm Strich wenig berauschend. Den Auftakt machte die bewährte Slagwerkgroep den Haag mit zwei ganz interessanten Stücken von Gijsbrecht Royé und Tao G. Vrovec Sambolec. Royé (*1963) stammt aus den Niederlanden und hält sich gerne bedeckt, was Angaben zu Werk und Person angeht. Sein Stück für Klanghölzer (Claves), Fellinstrumente und präpariertes Klavier hat nicht einmal einen Titel. Bei den verwendeten Claves handelt es sich zum Teil um Spezialanfertigungen, mit denen spannende Klangwirkungen erzeugt werden. Wie Grillenschwärme brechen sie über den Zuhörer herein, um im nächsten Moment sekundiert vom präparierten Klavier subtile Klangnuancen zu erkunden. Spannend war auch das Stück No such Object des jungen Slowenen Sambolec (*1972). Auf das Fiepen, Knistern und Piepen aus dem Lautsprecher antworten die Schlagzeuger mal imitierend, mal kontrastierend bis sich zum Ende hin ein schwebender Zustand herausbildet. Der Ire Donnacha Dennehy (*1970) bescherte unter dem aufregenden Titel Composition for Percussion, Loops, Blips and Flesh das langweiligste Stück des Abends. Mit Bögen angestrichene Marimbas erzeugen ätherischen Sound, den auch die elektronische Verfremdung nicht retten kann. Michael Maierhof experimentiert in Untergrund 2 mit Glasplatten, die mit verschiedenen Gegenständen wie Kaffeedosen und Kugeln mit schwungvollen Bewegungen bearbeitet werden. Daraus ergeben sich mal brachiale Maschinengeräusche, mal luftiges Schwirren. Christopher Fox’ Canonic Breaks blieb nicht nur was den Lautstärkepegel anbelangt (im Vorfeld waren Ohrenstöpsel verteilt worden!) hinter meinen Erwartungen zurück. Die rhythmischen Spielereien, blockhaft aneinander gesetzt, verloren rasch ihren Reiz für mich. Ebenfalls enttäuschend fand ich das auf Initiative des Gitarristen Reinbert Evers entstandene Baltische Projekt. Sechs Stücke von baltischen Komponisten, alle mehr oder minder um die Gitarre gruppiert, kamen zu Gehör. Das Auftaktstück von Bronius Kutavicius (*1932) Clocks of the Past I, indem er eine Sonnen- und eine Sanduhr musikalisch wiederzugeben versucht, bringt zumindest einige interessante Klangeffekte zu Wege, aber insgesamt ist die Mischung aus konventionellem, lyrischem Streichersound und eingestreuten Geräuschschnipseln nicht überzeugend. Die restlichen Stücke waren von erschütternder Harmlosigkeit. Besonders die Musik der drei hoffnungsvollen Erscheinungen, drei junge Komponistinnen, die spezielle Auftragswerke für Gitarre vorlegten, ging auf dem geradesten Weg zum einen Ohr hinein und zum anderen hinaus, allen Tüfteleien rund um Mikrointervalle und Schneeflöckchen zum Trotz. Wenig erquicklich war auch das Konzert mit dem niederländischen Pianisten Michael Worms. Unter dem Stichwort Blues, deconstucted hat er junge, mir weitgehend unbekannte Komponisten um kleine Bluesstückchen gebeten. Das Ergebnis kann man sich fast denken: Weder Fisch noch Fleisch, keine “neue Musik” und schon gar kein Blues. Damit tourt Worms offenbar durch die Lande, Barmusik fürs breite Publikum. Wer weiß, ein paar hochtourige Cocktails hätten mich vielleicht zugänglicher gestimmt. Was das Ganze aber in einem Forum neuer Musik verloren hat, bleibt ein ungelöstes Rätsel. Nach dieser Durststrecke konnte auch das Konzert mit dem MoEns-Ensemble aus Prag nur spärliche Lichtblicke setzten. Marko Ivanovic kommt in seinem Stück Sílencova ranní svita (Des Wahnsinnigen Morgensuite) immerhin flott und schwungvoll daher. Auf rhythmischer Grundlage jongliert er mit Melodien, die er verfremdet und deformiert. Michael Nejtek bringt eine “zart-melancholische Hommage” Für Elsa Zylberstein1 mit zerbrechlich-brüchigen Klängen, die immer wieder abreißen, vorsichtig mit herberem Tonmaterial konfrontiert werden und schließlich sanft ausklingen. Nach der Pause kam es dann allerdings um so schlimmer. Insgesamt ein wirklich anstrengendes Wochenende, das bei mir akute Verspannungen im Nackenbereich auslöste. Zur Entkrampfung gönne ich mir daher an dieser Stelle einen kleinen Exkurs, den Sie natürlich getrost (aber ungetröstet) überspringen können, um zu den Tipps zu gelangen. [Bericht einer aus seichter See Geretteten] Ich gestehe, dass mir für einen Moment ernsthafte Zweifel kamen. Kann es sein, dass der Fehler bei mir liegt? Habe ich mir durch vorsätzliches und unermütliches Lachenmannhören derartig das Gehör verdorben, dass mir diese neuen Musikparadiese für immer verschlossen bleiben werden? Kasteie ich mich durch eine engstirnige, arrogante, ja letztlich formalistische und dekadente Erwartungshaltung selbst? Ich sah mich schon als ewig verfluchte fliegende Holländerin auf meinem zum Untergang verdammten Floß der Medusa in der stürmischen See schlingern, nur von Ferne die Inseln der Seligen umkreisend. Und selbst wenn Arvo Pärt seine himmlischen Sirenenklänge von dort herübersenden würde, so könnte ich sie doch nicht hören, da ich mir mutwillig und ohne Not die Ohren mit Spahlingerwachs und Hölszkykleister verstopft habe. Und während einige Tollkühne - und jetzt auch der Deutschlandfunk – sich durch einen beherzten Sprung in die Fluten zu retten versuchen (aber dann doch nur an den Klippen des Musikbusiness zerschellen oder im Seichten vermodern), bleibe ich wie angewurzelt sitzen (was das größte Verbrechen ist in unserer Mobilitätsgesellschaft). Und womöglich bilde ich mir in meiner herablassenden, unverbesserlichen, bei genauerem Hinsehen aber nur missgünstigen und ressentimentbeladenen Art noch etwas darauf ein! Ich gestehe, einen Augenblick lang hat es ich mich arg gebeutelt, aber dann erlösten mich die Klänge von Miroslav Pudláks Aria und alle Zweifel fielen von mir ab. Denn diese Musik ist einfach nur langweilig, nichtssagend und banal und sonst nichts! Zum Glück umkreist auch mein Floß ein Reigen seliger Geister, aber es sind Geister die ich selber rief und unter keinen Umständen loswerden möchte. Sie müssen sich die Floßinsassin als einen glücklichen Menschen vorstellen! PS: Über die Kriterien für gute oder schlechte Kunst kann und muss man streiten, denn sie sind nirgends in Stein gemeißelt. Bezüglich zeitgenössischer Musik geht es dabei schon lange nicht mehr um das Problem, ob Dreiklänge oder Melodien erlaubt sind und Geräusche unbedingt vorkommen müssen. Die Frage, ob "zeitgenössische Musik auch von einem breiteren Publikum genossen werden kann, ohne dabei ihre Identität preiszugeben" (Zitat aus dem Programmheft des DLF) ist in diesem Zusammenhang allerdings gänzlich irrelevant. Eine neue Musik, die sich diese Frage zum Maßstab setzt, hat ihre Identität bereits preisgegeben, bevor noch der erste Ton erklungen ist. Es sei denn, sie verzichtet gleichzeitig auf jeden Kunstanspruch und spielt von Anfang an in einer anderen Liga. Auch in der bildenden Kunst protzen Ausstellungsmacher gerne mit hohen Besucherzahlen. Die Documenta präsentiert alle fünf Jahre neue Rekorde. Dass die Massentauglichkeit bei der Beurteilung konkreter Kunstwerke als Gradmesser verwendet oder sogar zum Kunstzweck erhoben wird, wäre mir allerdings neu. Niemand käme auf die Idee, Kunsthandwerk aus dem Erzgebirge bei der Biennale in Venedig zu zeigen und dies, wegen bahnbrechender Unvoreingenommenheit, als kulturpolitische Großtat zu feiern. Genug damit. [Was passiert im April?] Zunächst stehen zwei Großereignisse ins Haus: Auf die Wittener Tage für neue Kammermusik, die in diesem Jahr vom 23. bis 25.4. stattfinden, muss man eigentlich gar nicht mehr hinweisen. Diesmal gibt es ein Wiederhören mit vielen alten Bekannten. Beim Überfliegen des Programms bleibe ich kaum an neuen Namen hängen. www.wittenertage.de Auch die MusikTriennale Köln führt in bekannte Gefilde. Sie bietet einen umfangreichen Überblick auf die Musik von Luigi Nono. www.MusikTriennaleKoeln.de Thomas Lehn, der in Witten mit Markus Schmickler auftritt, ist bereits am 21.4. in Köln in anderer Kombination zu erleben: Im Institut Francais bringt er seinen Analogsynthesizer in Wechselwirkung mit Frederic Bondys klassischem Konzertflügel. www.ifcologne.de http://fblondy.free.fr www.thomaslehn.de Am 1.4. in der Kölner Feuerwache und am 3.4. im Düsseldorfer Klangraum präsentiert Eva-Maria Houben Buch und Musik. Infos unter: www.evamariahouben.de und www.editionjulianeklein.de (am 30.4. noch einmal an der Uni Oldenburg). Weitere Klangraumkonzerte gibt es am 4. und 18.4. www.timescraper.de (u. a. mit Musik von Tom Johnson). Zum 70. Geburtstag widmet die Kölner Gesellschaft für Neue Musik Georg Kröll am 6.4. eine Werkstattveranstaltung im Loft www.kgnm.de www.loftkoeln.de In Dresden 2001 uraufgeführt kommt Peter Ruzickas Celan-Oper jetzt an die Bühnen der Stadt Köln. Am 3.4. ist Premiere. Das Werk will keine Biographie des Dichters wiedergeben, sondern umkreist seine Person in sieben Entwürfen, gleichsam "Versuchsanordnungen über innere Zustände und Wahrnehmungsprozesse". www.buehnenkoeln.de www.peter-ruzicka.de Eine ungewöhnliche Allianz gibt es am 19.4. in Köln zu bestaunen. Unter dem Stichwort Globusklänge haben sich Fußball und neue Musik zusammengefunden. Im Vorfeld der WM 2006 reist ein von André Heller entworfener Globus durch die Lande, in dem u .a. auch Konzerte mit zeitgenössischer Musik erklingen sollen. Das Ganze ist in Zusammenarbeit mit der Initiative Neue Musik Berlin entstanden und in Köln ist das Bonner Ensemble TRA I TEMPI mit Musik von B. A. Zimmermann u. a. zu hören. Ich weiß noch nicht recht, was davon zu halten ist, aber anschauen kann nicht schaden. Viel Spaß! www.inm-berlin.de Zum Inhaltsverzeichnis aller bisher erschienenen Gazetten zur neuen Musik. |
|
|