|
||
|---|---|---|
Gazette: Neue Musik in NRW von Petra Hedler - Ausgabe Mai 2004 |
||
| (möchten Sie diese Gazette monatlich neu per e-mail erhalten?
Dann senden Sie bitte eine mail an redaktion-nrw@kulturserver.de mit dem Betreff: Neue Musik) Düsseldorf, 30.04.2004, 10:23, von Petra Hedler, homepage, , Rubrik: Alle
|
||
| [Inhalt]
Gewesen: Wittener Tage für neue Kammermusik – Ruzickas Celan-Oper in Köln Angekündigt: noch mehr Nono bei der KölnTriennale – KGNM Musikfest – Nachklang Duisburger Akzente [Wittener Tage für neue Kammermusik] Bei oberflächlicher Sichtung des Programmheftes der diesjährigen Wittener Tage für neue Kammermusik fällt zunächst folgendes auf: viele alte Meister (Holliger, Rihm, Ferneyhough, Klaus Huber und Nikolaus A. Huber), viele Schweizer (Holliger, Klaus Huber, Jacques Wildberger, Roland Moser) und kaum Frauen (mit Natalia Gaviola und Athanasia Tzanou waren nur zwei weniger bekannte Komponistinnen vertreten, deren Beiträge mich leider nicht sonderlich überzeugten). Beim oberflächlichen Hören der Musik fällt auf: eine ausgeprägte Lust sich im Mikrotonalen zu ergehen und viel Sanftheit. Bei genauerer Lektüre stößt man dann ausgerechnet bei der genannten Altherrenriege auf explizit politische Töne und interessanterweise waren es die dazugehörigen Stücke, die sich mir am meisten eingeprägt haben. Holliger setzt sich in Puneigä mit Gedichten der Schweizerin Anna Maria Bacher auseinander. Die in Pumatter Tisch verfassten Texte empfindet er als "wilde(n) und revolutionäre(n) Gestus....Gegen das Kapital und die Großindustrie. Gegen alles was das Leben in diesem Tal kaputtmacht." Puneigä war für mich das eindrucksvollste Werk des ganzen Wochenendes. Besonders zu Beginn schreit die Sopranistin Sylvia Nopper die Texte mit einer Intensität heraus, die ohne Umwege unter die Haut geht. Im weiteren Verlauf wird der Duktus scheinbar ruhiger, dafür brodelt es unter der Oberfläche umso heftiger und in den gnadenlos ausgedünnten Zwischenspielen ist jeder einzelne Ton von schmerzhafter Klarheit und Direktheit. Etwas versöhnlicher gibt sich Klaus Huber. Dem Stück ...à l’âme de marcher sur ses pieds de soie..., eine Reduktion/Rekomposition des 2002 in Donaueschingen uraufgeführten Die Seele muß vom Reittier steigen, liegen traditionelle arabische Modi und ein Gedicht des palästinensischen Lyrikers Mahmoud Darwisch zugrunde. Die Musik klingt auf ihre ruhige, bestimmte, eindringliche Weise wie aus einer anderen Welt, wozu in besonderer Weise der in arabischer Sprache singende Countertenor Kai Wessel beiträgt. In seinem Werkkommentar wendet sich Huber gegen die Verdinglichung des Menschen und plädiert für einen rational verankerten, ästhetischen Widerstand. Dabei beruft er sich auf den ausgerechnet von den Ideologen der Postmoderne so gerne zitierten, aber wenig gelesenen und manchmal noch weniger verstandenen Derrida, ebenfalls ein Meister der Zwischentöne. Den passenden Schlussakzent setzte Nikolaus A. Huber mit Werden die Fische je das Wasser leid? Auch hier spielt die Singstimme eine wichtige Rolle, wendet sich teilweise direkt an den Hörer ("Was geben Sie?"), doch die gekonnt gesetzte Musik verhindert ein Abgleiten in aufgesetzte Oberflächlichkeiten. Die Antwort auf das von Huber postulierte Ende der postmodernen Gemütlichkeit kann eben nicht die Rückkehr zur ideologisch-starren Ungemütlichkeit sein, sondern ein genaues Hinhören und ein klarer Standpunkt. Den nimmt mit deutlichen Worten Helmut Lachenmann in einem aktuellen Zeit-Interview ein "Gegen die Vormacht der Oberflächlichkeit". Letztes Aufbegehren oder ist noch was zu machen? Auf jeden Fall zur Lektüre empfohlen! O-Ton Lachenmann: "Der Begriff des Neuen muss von anderswoher selbst neu bestimmt werden, nämlich im Blick auf die Wirklichkeit, auf die das Komponieren reagiert." Bei den jüngeren Komponisten dominierten wie erwähnt die sanften Töne. Zur theoretischen Untermauerung findet sich im Programmheft ein Versuch über die Stille in der neuen Musik. Aber Sanftheit ist nicht Stille sondern manchmal das genaue Gegenteil und einiges, was da ruhig vor sich hinplätschert, mutet eher wie ein horror vacui an. Vieles ist trotzdem mit Genuss anzuhören, aber es geht nicht richtig unter die Haut. Eine Ausnahme macht Beat Furrer, dem es immerhin gelingt eine Ruhe mit Widerhaken zu komponieren. Sein Streichquartett Nr. 3 hat es zunächst nicht ganz leicht sich gegen Rihms eloquente Tummelei (Fetzen) zu behaupten, aber es lässt sich Zeit (mit 40 Minuten das längste Stück). Einzelne Partikel tauchen auf, haken sich fest, wiederholen sich, es entsteht ein immer wieder stockender und innehaltender Fluss, der schließlich doch seinen Weg findet. Von ganz anderer Art und gerade deswegen spannend waren die Klangperformances. Thomas Lehn und Marcus Schmickler brachten Computer, Analog- und Digital-Synthesizer in Wallung. Im Vergleich zu meiner letzten Konfrontation mit Schmickler (s. Gazette Dezember 2003) bewegte sich das Ganze diesmal unterhalb der Schmerzgrenze (zumindest der meinigen) und schon wurde es interessant. Es machte Spaß den beiden bei ihren Klangerforschungen zuzusehen und zuzuhören. Etwas subtiler gingen Sabine Ercklentz und Andrea Neumann in ihrer Kammermusik für vier Lautsprecher und zwei Instrumente (Trompete und Innenklavier) ans Werk. In dem Stück Rost erklingen kratzige Metallklänge zu wahrhaftigen Trompetentönen, die sich nach einer ruhigen, fast sphärischen Passage noch einmal richtig aufbäumen. www.wittenertage.de www.zeit.de/2004/19/Interview [Ruzickas Celan-Oper in Köln] Wer sich mehr mit der Schnittstelle Musik/Politik auseinandersetzen will, kann sich nach Köln wenden. Im Opernhaus wird Ruzickas Celan-Oper gespielt. Dabei handelt es sich ausdrücklich nicht um eine vertonte Biographie. Das Libretto von Peter Mussbach reiht vielmehr sieben sogenannte Entwürfe, lose verknüpfte assoziationsreiche Bilder aneinander. Im Vordergrund steht das von Erinnerungen, Schuldgefühlen und Verfolgungsängsten gepeinigte Individuum. Problematisch ist, dass dabei die Grenze zwischen Realität und Irrealität zu sehr verwischt, der historische Hintergrund an Kontur verliert und der Holocaust zum persönlichen Problem des psychisch kranken Opfers zusammenzuschmelzen droht. Auch die konventionelle Musiksprache mit dramatischem Bläser- und Schlagwerkeinsatz und Passagen voller Pathos und ungebremster Expressivität wirkt eher vernebelnd als erhellend. Die Inszenierung von Günther Krämer verzichtet immerhin auf allzu viel Schnickschnack. In einem Einheitsbühnenbild dominieren drei Leuchtbänder à la Jenny Holzer auf denen Wordkaskaden wie Rauchschwaden gen Himmel ziehen. Auch wenn die Verwendung der ewig gleichen Celan-Zitate (natürlich die Todesfuge) etwas plakativ und abgestanden wirkt, ergeben sich teilweise eindrucksvolle Bilder, zu denen auch die wirkungsvoll eingesetzten Chormassen beitragen. www.buehnenkoeln.de/index3.html [und weiter:] Ungleich überzeugender ist da natürlich Luigi Nono, der in diesem Jahr 80 geworden wäre und daher Land auf, Land ab gefeiert wird. Endlich mal ein Jubiläum das Spaß und Sinn macht! Zu seiner Musik und seiner Person ist schon so viel gesagt worden, dass es schwer ist, mehr als Allgemeinplätze von sich zu geben. Seine Musik kann man aber gar nicht oft genug hören. Noch bis zum 9. 5. hat man dazu im Rahmen der KölnTriennale ausführlich Gelegenheit. www.MusikTriennaleKoeln.de Ebenfalls in Köln findet das Musikfest der KGNM (Kölner Gesellschaft für Neue Musik) statt. Nach einem Auftakt am 14.5. im Japanischen Kulturinstitut wird vom 20. bis 22.5. in der Alten Feuerwache ein Überblick über das zeitgenössische Musikschaffen in Köln vermittelt (25 Werke von 23 Komponisten mit 49 Interpreten!). www.kgnm.de Als Nachklang der Duisburger Akzente präsentieren Sven Hermann und Matthias Hettmer am 28.5. im Duisburger Wilhelm Lehmbruck Museum MusikAktionen mit elektrifiziertem Akkordeon und E-Bass. www.duisburger-akzente.de/cms/index.php?pcid=1&pdid=1&vpage=3&eventid=102 Zum Inhaltsverzeichnis aller bisher erschienenen Gazetten zur neuen Musik. |
|
|