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Gazette: Neue Musik in NRW von Petra Hedler - Ausgabe Juni 2004 |
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| (möchten Sie diese Gazette monatlich neu per e-mail erhalten?
Dann senden Sie bitte eine mail an redaktion-nrw@kulturserver.de mit dem Betreff: Neue Musik) Düsseldorf, 01.06.2004, 17:28, von Petra Hedler, homepage, , Rubrik: Alle
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Gewesen: Omaggio a Luigi Nono – Interzone perceptible Angekündigt: 60 Stunden TAM – Widmann in Heimbach – Tsangaris in Kalk - Oehrings Wozzeck in Aachen – Unerhört in Wuppertal – NM an den großen Konzerthäusern [Nono in Köln] Nach dem Ur- und Erstaufführungsmarathon in Witten kam gleich der nächste Pflichttermin: Nono in Köln. Luigi Nono, der in diesem Jahr 80 geworden wäre, wird derzeit landauf, landab gefeiert. Eine besonders umfangreiche Hommage widmete ihm die Kölner MusikTriennale. Werke aus allen Schaffenszeiten kamen zu Gehör, gespielt von ausgewiesenen Spezialisten wie dem Arditti Quartet, dem Ensemble Modern u.a., und es war eine wahre Lust, vieles Wohlbekannte erneut zu erleben und manches wiederzuentdecken. Nono ist unbestritten einer der herausragenden Komponisten des 20. Jahrhunderts. Was ihn besonders interessant macht, ist die Tatsache, dass die üblichen Polaritäten, mit denen gerne versucht wird, verschiedene Musikrichtungen gegeneinander auszuspielen, an ihm wirkungslos abprallen und ad absurdum geführt werden. Politisch versus autonom, traditionsbezogen versus avantgardistisch, konstruiert versus sinnlich, progressive Textbehandlung versus Sanglichkeit: Nono gelingt scheinbar mühelos die Quadratur des Kreises. Hinzu kommt etwas, das Heinz-Klaus Metzger folgendermaßen in Worte fasste: „Vor Nono habe ich schon deshalb einen ungeheuren Respekt, weil ihm etwas gelungen ist, was in der Zeit, in der er lebte, immer schwerer geworden ist, besonders für einen Künstler: nicht zu regredieren.“ Heute, in der Zeit, in der wir leben, scheint dies endgültig zur Unmöglichkeit geworden zu sein. Natürlich gab es die Highlights aus dem Spätwerk zu hören: Der Prometeo (im Sartory-Saal vor ausverkauftem Haus), Fragmente – Stille. An Diotima, Risonanze erranti und, erstmals in Deutschland komplett zu hören, der Caminantes-Zyklus (leider verstand das Kölner Publikum die stillen Übergänge, vor allem bei „Hay que caminar“ sognando, als Aufforderung, sich in wahren Hustexzessen zu ergehen). Aber auch das nicht weniger eindrucksvolle Frühwerk kam nicht zu kurz: Polifonica – Monodia – Ritmica (bei der Uraufführung 1951 während der Darmstädter Ferienkurse, trotz vorsorglicher drastischer Kürzung durch Hermann Scherchen, vom Kritiker der FAZ noch als „Verdauungsstörungen eines musikalischen Stotterers“ tituliert), Il canto sospeso u.v.m.. Zusätzlich gab es Werke aus dem Umkreis Nonos zu hören, Musik von Komponisten, die ihm wichtig waren (Monteverdi, Schönberg), von Lehrern und Mitstreitern (Dallapiccola, Maderna) und von Musikern, die von ihm lernten oder sich von ihm anregen ließen (N. A. Huber, Lachenmann). Besonders die Wiederbegegnung mit Dallapiccola und Maderna hat mich beeindruckt, zwei Namen, die wohlbekannt und sorgsam abgespeichert sind, deren Musik mir aber viel zu wenig vertraut ist. Zu unrecht, wie Liriche greche oder Canti di prigionia von Dallapiccola und vor allem Tre liriche greche und das Streichquartett aus dem Jahre 1955 von Maderna deutlich machten. Warum ausgerechnet im Abschlusskonzert mit Detlev Glanert und Michael Torke zwei Komponisten zum Zuge kamen, die mit Nono offensichtlich nichts am Hut haben, ist mir allerdings unverständlich. Glanerts aufgeblasene Sinfonie Nr.1 und Torkes mechanistisch dahinstolperndes Ecstatic orange wirkten wie kalte Duschen nach dem vorausgehenden Schwelgen. Vielleicht sollte demonstriert werden, wie es sich anhört, wenn Künstler regredieren. www.MusikTriennaleKoeln.de [Duo Interzone perceptible] Im Mai war zunächst in der Essener Marktkirche und dann im Duisburger Wilhelm-Lehmbruck Museum das Duo Interzone perceptible zu Gast. Zwischen chaotisch anmutenden Verkabelungen traktierten Sven Herrmann und Matthias Hettmer ihre Instrumente, ein elektrifiziertes Akkordeon und einen E-Bass. Als Auftakt gab es 5-Sekunden Stücke zu hören. Die beiden haben Komponisten aufgefordert, Stücke mit maximal 5 Sekunden Dauer abzuliefern "as cruel as possible". Nahtlos aneinandergereiht ergibt sich daraus ein fulminantes, irrwitziges Kaleidoskop aus Geräuschfetzen mit slapstickartigen Einlagen, das geradezu über den Zuschauer hinwegfegt. Anschließend wurden Stücke von Gerhard Stäbler und Hans-Joachim Hespos gespielt, zwei Komponisten mit denen das Duo besonders gerne zusammenarbeitet. In Stäblers Gift-Gelb, dem das so ähnliche gift-gelbe Erscheinungsbild von abgeworfenen Essenspaketen und Splitterbomben in den Weiten Afghanistans als Assoziationshintergrund dient, reicht die Klangpalette von sanftem Fiepen wie aus weiter Ferne bis zu brachialem Lärmgewitter, wobei hinter der Elektrifizierung noch die Handarbeit an den Instrumenten durchhörbar ist. Hespos setzt in kaleidoskopes luftsilber ganz auf "electroChaotische zufälle und zustände permanenter veränderungen ... metallisch glänzend, splitterSchroff, knarrstachlig, flach zersummt." Diese Vorgaben wurden kongenial umgesetzt und die Raumwirkung in der Essener Marktkirche tat ein übriges, um die (leider spärlichen) Zuhörer in einen Klang- und Geräuschkosmos unter "Abschaffung aller Absicherung" zu versetzen. www.interzone-perceptible.de [Tipps für den Juni:] Dass Krefelder TAM hat sich mal wieder etwas ganz Besonderes vorgenommen. Vom 4. Juni 12 Uhr bis zum 6. Juni 24 Uhr wird Infinitive aufgeführt, ein 60-Stunden-Werk des Schweizers Urs Peter Schneider für 24 Ausführende mit dem Untertitel "sakrale und profane Handlungen und Gegenstände". Es handelt sich um eine Kooperation mit Musikern aus den Niederlanden und am darauf folgenden Wochenende ist das Ganze noch einmal in Maastricht zu erleben. www.tamkrefeld.de Beim Kammermusikfest Spannungen im Jugendstilkraftwerk Heimbach fungiert in diesem Jahr Jörg Widmann als Composer in Residence. Am 4.6. wird die Auftragskomposition Oktett uraufgeführt. www.spannungen.de Die Halle Kalk wird bald nicht mehr den Kölner Bühnen als Spielstätte zur Verfügung stehen. Was liegt näher als zum Abschied gleich den ganzen Stadtteil zu würdigen. Bei Manos Tsangaris Reality-Musiktheater Die Döner-Schaltung dreht sich daher in Kalk alles um Kalk. Premiere ist am 6.6. www.buehnenkoeln.de Helmut Oehring wiederum lässt Wozzeck zurückkehren. Nachdem das Theater Aachen Bergs Original Anfang des Jahres in einer umstrittenen Inszenierung von Barbara Beyer auf die Bühne holte, lässt sich jetzt erleben, welchen Blick ein zeitgenössischer Komponist aufs Geschehen wirft. www.theater-aachen.de/ Am 18. Juni (wir nähern uns dem längsten Tag des Jahres!) laden UNERHÖRT e.V. und JAZZ AGE WUPPERTAL e.V. zu einem Nachtkonzert in die Wuppertaler neue reformierte Kirche Sophienstraße ein. (Beginn 22.30 Uhr). www.jazzage.de Die Kölner Philharmonie kennt jeder, aber Ruhrgebietler und Westfalen können sich den weiten Weg dorthin (vielleicht) jetzt sparen. Zum Konzerthaus Dortmund kommt nun die Essener Philharmonie hinzu. An allen drei Spielstätten steht im Juni Zeitgenössisches auf dem Spielplan: In Köln präsentiert Stockhausen am 8.6. Punkte für Orchester und Klavierstücke IX und XI, im Konzerthaus Dortmund ist am 20.6. das ensemble recherche zu Gast (u.a. mit Musik von Hanspeter Kyburz, dem derzeitigen Composer in Residence) und bei der Philharmonie Essen, die am 5.Juni feierlich eröffnet wird, bin ich gleich zweimal fündig geworden: Am 29.6. spielt die musikFabrik u.a. Werke von David Sawer (das gleiche Programm ist bereits am 27.6 beim WDR in Köln zu hören) und am 24.6. wird aus Anlass der Gründung des Orchesterzentrums NRW Zenders Version der Winterreise mit Musik von Webern und Haas kombiniert. www.koelnmusik.de www.konzerthaus-dortmund.de www.philharmonie-essen.de www.musikFabriknrw.de www.orchesterzentrum.de Zum Inhaltsverzeichnis aller bisher erschienenen Gazetten zur neuen Musik. |
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