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Gazette: Neue Musik in NRW von Petra Hedler - Ausgabe Juli 2004 |
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Dann senden Sie bitte eine mail an redaktion-nrw@kulturserver.de mit dem Betreff: Neue Musik) Düsseldorf, 05.07.2004, 09:36, von Petra Hedler, homepage, , Rubrik: Alle
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Gewesen:Tsangaris’ Döner-Schaltung in Köln – Oehrings Wozzeck in Aachen – musikFabrik beim WDR Angekündigt: Raum-Klang und Klang-Kunst in Köln – Klavier-Festival Ruhr – Schumannfest in Düsseldorf – Sainkho Namtchylak in Wuppertal [Tsangaris’ Döner-Schaltung in Köln] Döner-Schaltung heißt Manos Tsangaris neues Stationentheater, das am 6.6.2004 uraufgeführt wurde. Aufführungsort war die Halle Kalk im gleichnamigen Kölner Stadtteil, früher als Industriestandort und heute durch seinen hohen Ausländeranteil berüchtigt, und genau um dieses Kalk, bisher kulturell wenig in Erscheinung getreten, dreht sich Tsangaris Werk (womit der Titel: döner = "sich drehend" gleich eine doppelte Berechtigung erhält). Es ist jedoch kein Sozialdrama anvisiert sondern vielmehr eine "paradiesische Zukunftsvision von Kalk... Kalk in den kühnsten Träumen." Tatsächlich löst sich der Besucher rasch aus der schnöden Realität und taucht bereitwillig in Tsangaris witzig-verspielte und hintergründig-humorvolle Welten ein. Insgesamt neun Spielstätten gilt es zu erkunden, von der hallenfüllenden Installation bis zum winzigen Guckkastentheater. Typisch sind die kleinen Separées für nur drei bis fünf Personen, in denen sich die Zuschauer Auge in Auge mit den Darstellern wiederfinden und das, was unter anderen Bedingungen verpuffen würde, zu wunderbar intimen, poetischen Momenten kondensiert. Das geht natürlich nicht ohne Wartezeiten ab, aber dadurch erhöht sich die Spannung. Klangfetzen huschen durch die spärlich beleuchteten Gänge, solche, die man bereits zuordnen kann, und solche, die es noch zu entdecken gilt. Das Ganze ist alles andere als spektakulär und trotz der ungewöhnlichen Rahmenbedingungen fast ein Anti-Event. Obwohl es einiges zu koordinieren gibt (Waren wir hier schon? Wo geht es denn hier rein?), stellt sich bald eine ganz entspannte, traumwandlerische Stimmung ein. Besonders zu der zentralen Installation Villa Kalka zog es mich immer wieder. Von der Decke hängen Relikte einstiger Industriekultur, die in langsame Schwingungen versetzt werden; im Hintergrund werden die aufsteigenden Reihen der Zuschauertribüne zur Kulisse, die hin und wieder wie eine Verheißung rot erglühen, dazu erklingen Hölderingedichte und ganz von fern zarte Klavierklänge. Das hört sich furchtbar kitschig an, es war aber genau das Gegenteil! www.tsangaris.de www.buehnenkoeln.de [Oehrings Wozzeck in Aachen] Am 26.6. fand in Aachen die Uraufführung von Helmut Oehrings neuem Musiktheater WOZZECK kehrt zurück statt. Unsere Region ist Oehring offensichtlich wohl gesonnen: 2001 wurde bereits in Bonn Effi Briest (s. Gazette vom April 2001) aus der Taufe gehoben und 2002 ebenfalls in Aachen die musiktheatralische OrtSuche BlauWaldDorf. Diesmal hat er nach der historischen Berichterstattung, Büchners Dramenfragment und Bergs Jahrhundertoper dem Woyzeckstoff eine weitere, vierte Schicht verpasst. Auch sonst wimmelt es in seinem neuen Werk, das sich im Untertitel verklausuliert "tonschriftliche MOMENTAUFNAHME in drei Abzügen (12 Kontakte)" nennt, nur so von Assoziationen und Querverweisen. Vom Gattinnenmörder Gesualdo bis zu Rio Reiser reicht die Palette der Bezugnahmen. Diese Vielschichtigkeit umfasst die sprachliche, musikalische und visuelle Ebene. Texte werden, mehr oder minder elektronisch verfremdet, gesungen und gesprochen, in Gebärdensprache vorgetragen, auf Leinwände und Kulissen projiziert und auf den T-Shirts der Musiker präsentiert. Die Musik klingt mal rockig, mal avantgardistisch, aus dem Hintergrund ertönen Gesualdos Madrigale und Jörg Wilkendorf, Sprecher, Sänger und Gitarrist, gibt eigene Songs und Reisers Junimond zum Besten. Michael Simons Inszenierung wird dieser Vielfalt durchaus gerecht. Musiker und Solisten agieren vor einem Vorhang, der je nach Beleuchtung als Projektionsfläche dient oder transparent erscheint und den Blick auf eine verschachtelte Kulissenlandschaft freigibt. Im Hintergrund ist der Chor erahnbar. Es entsteht eine geheimnisvolle Weite, aus der durch Video- und Lichteinsatz Details hervorgehoben werden, wodurch die Rätselhaftigkeit noch gesteigert wird. Das hört sich alles ganz interessant an, aber trotzdem ging es mir nicht wie frühere Werke Oehrings unter die Haut. Woran lag’s? Klar, die prinzipielle Unmöglichkeit und das permanente Scheitern sinnstiftender Kommunikation und verbindlicher Verständigung ist Oehrings Thema und wird auch diesmal gekonnt demonstriert. Aber vielleicht ist uns die Schnipsel- und Patchwork-Ästhetik aus Alltag und Kunst bereits zu vertraut, um noch aufrühren zu können. Auch die für Oehring typischen Mittel haben an Brisanz verloren. Während die gehörlosen Gebärdensolisten früher durch die Intensität und Körperlichkeit des Ausdrucks und den Schock des unüberwindbaren Nichtverstehens berührten und verstörten, gerieten sie diesmal angesichts des visuellen und akustischen Überangebots fast zu Statisten am Rande. Die für Oehrings Musiksprache typischen Rockanleihen erklangen nur in homöopathischen Dosen; bevor sie sich richtig ins Ohr graben und ihre aggressive Wucht und Zudringlichkeit. entfalten konnten, wurden sie schon von neuen Höreindrücken abgelöst. Kunst ist meistens dann am eindringlichsten, wenn sie sich den alltäglichen Wahrnehmungsformen entgegensetzt. Vielleicht ist es langsam an der Zeit dem allgegenwärtigen Zapping und medialen Overkill, vor dem wir uns inzwischen durch Selektivität und Oberflächlichkeit der Wahrnehmung zu schützten gelernt haben, das Momenthafte, Unbedingte, Innehaltende, Isolierte und Verletzliche entgegenzusetzen – nicht als Trostpflaster oder Fluchtpunkt, sondern als Kontrapunkt und irritierender Fremdkörper. Manos Tsangaris (s.o.) bietet dafür Ansätze. In Zeiten scheinbar unüberwindbarer Sachzwänge sind "paradiesische Zukunftsvisionen" die wahre Provokation. Oehring konfrontiert uns einmal mehr mit überbordender Fülle. Wahrscheinlich brauchen wir beides. www.theater-aachen.de www.helmutoehring.de Wer sich übrigens das "Original", den Wozzeck von Alban Berg, zu Gemüte führen möchte, hat dazu in unserm schönen NRW derzeit reichlich Gelegenheit. In Essen, Dortmund und Münster steht er auf dem Programm. Die Essener Version hatte ebenfalls am 26.6. Premiere und ist sowohl musikalisch als auch inszenatorisch empfehlenswert. Johannes Schaaf (Regie) und Hans Dieter Schaal (Bühnenbild) gelingt es mit sehr reduzierten Mitteln eindrucksvolle Bilder zu erzeugen. Ein riesiges Rad und ein großer schiefer Kasten stehen für die ewige Wiederkehr des Gleichen und die aus den Fugen geratene Welt und fungieren gleichzeitig als flexibel einsetzbare Elemente für das Spiel der Darsteller. Man kann sagen, das Rad wird nicht neu erfunden, aber gerade dadurch kann die Musik ihre Wucht voll entfalten. www.theater-essen.de [musikFabrik beim WDR] Im Rahmen einer Kooperation mit dem WDR ist die musikFabrik regelmäßig im Funkhaus Wallrafplatz zu Gast, am 27.6. bereits zum vierten Mal. Im weitesten Sinne ging es diesmal um Musik mit szenischen bzw. programmatischen Elementen. Am einen Ende des weit gespannten Spektrums stand, für manchen vielleicht überraschend, Anton Webern und zwar in mehrfacher Hinsicht. Seine Sechs Stücke für großes Orchester op. 6 sowie Fünf Stücke für Orchester op. 10 spiegeln seine Auseinandersetzung mit dem Tod der Mutter, die darauf bezogenen Satzbezeichnungen wurden jedoch nicht publiziert. Der programmatische Aspekt ist bei ihm daher am wenigsten präsent. Darüber hinaus war Weberns Musik nicht nur die früheste sondern auch die mit Abstand eindrucksvollste des Konzerts. Ihm konnte weder Birtwistle mit Secret Theatre noch bzw. schon gar nicht David Sawer das Wasser reichen. In Hollywood Extra, der Begleitmusik zu einem alten expressionistischen Stummfilm, liefert Sawer immerhin annehmbare Gebrauchsmusik, in seinem neuen Werk Rebus erschöpft sich das durch Dynamik-, Rhythmus- und Dichteschwankungen aufgelockerte Spiel mit sich wandelnden Motiven allerdings allzu schnell. www.musikFabriknrw.de [Tipps für den Sommer] In NRW dreht sich im Sommer alles um Klangraum, Raumklang und Klangkunst. In Köln findet zum zehnten Mal die BrückenMusik statt. Zum Auftakt erklang am 27.6. in Kooperation mit dem Studio Akustische Kunst des WDR eine Performance mit Hans-Peter Kuhn, Stefan Kurt und David Moss. Im Gegensatz zu früheren Aktionen befanden sich die Zuhörer diesmal jedoch nicht im Hohlkasten der Deutzer Brücke sondern im Sendesaal. Die Brücke spielte trotzdem mit. Klänge wurden per Telephonleitung in ihren Hallraum geschickt und verändert zurückgespielt (Sendung 3.7. WDR 3). Ab 30. Juni geht es dann wieder wie gewohnt ins Brückeninnere. Bis zum 11.7. (geöffnet jeweils von 15 bis 19 Uhr) ist eine Klanginstallation von Peter Kiefer und Peter Simon erlebbar. Zur Eröffnung sowie an fünf weiteren Terminen gibt es zusätzlich Konzerte für die Kombination Live-Elektronik + Instrument. www.kgnm.de/brueckenmusik/br_programm.htm Vom 9.7. bis 1.8. werden ebenfalls in Köln unter dem Motto "Raumklang – Klangraum" Aspekte internationaler Klangkunst vorgestellt. Zum Programm gehören ein Symposium sowie Konzerte, Ausstellungen und Klangskulpturen an verschiednen Orten. www.klangkunst.de Am 11. Juli verleihen das Skulpturenmuseum Glaskasten Marl und der WDR zum zweiten Mal den Deutschen Klangkunst-Preis. Die zehn Finalisten stehen bereits fest. Ab November sind die Preisträgerwerke in Marl zu besichtigen, die endgültige Juryentscheidung kann aber bereits am gleichen Tag auf WDR 3 verfolgt werden. www.wdr.de www.marl.de/skulpturenmuseum/ Wie jedes Jahr bringt das Klavier-Festival Ruhr namhafte Pianisten ins Revier und auch diesmal sind einige zeitgenössische Highlights dabei. Am 23.7., 24.7. und 4.8. werden jeweils neue Werke von Beat Furrer, Olga Neuwirth und Johannes Maria Staud aus der Taufe gehoben. Am 26.7. gibt es außerdem ein gemeinsames Programm von Thomas Larcher und Wolfgang Mitterer. www.klavierfestival.de Auch das Düsseldorfer Schumannfest kommt nicht ohne neue Musik aus. Unter dem Stichwort "Schumann zeitgenössisch" ist am 8.7. das Ensemble Modern mit Werken von Schönberg, Kurtág und Benedict Mason und am 11.7. das Düsseldorfer notabu.ensemble zu Gast. Am 12. und 14.7. trifft Manos Tsangaris auf Schumann und auch bei den geplanten Nachtwanderungen begegnet man so manchen neuen Klängen. www.schumannfest-duesseldorf.de An der ehemaligen Wirkungsstätte von Peter Kowald, dem Ort, Luisenstr. 116 in Wuppertal, wird auch heute noch Kunst gemacht. Im Juli ist Sainkho Namtchylak zu Gast! www.kowald-ort.com/termine.html Weiter geht’s im September - nach der Urlaubspause! Zum Inhaltsverzeichnis aller bisher erschienenen Gazetten zur neuen Musik. |
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