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Gazette: Neue Musik in NRW von Petra Hedler- Ausgabe Oktober 2004 |
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Dann senden Sie bitte eine mail an redaktion-nrw@kulturserver.de mit dem Betreff: Neue Musik) Düsseldorf, 04.10.2004, 13:10, von Petra Hedler, homepage, , Rubrik: Alle
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Gewesen: Winterreise im TAM – Freyer bei bonn chance! Angekündigt: Raumklänge in Stommeln – KlangZeit in Münster – Audiovisionen und SoundART in Köln –Utopie jetzt! in Mühlheim [Winterreise im TAM] Das Krefelder TAM – Theater am Marienplatz – startete die Herbstsaison mit einer Winterreise. Natürlich denkt dabei jeder an Schubert und natürlich geht es auch um Schubert. Der Abend macht einmal mehr deutlich, wie sehr sich seine Lieder ins Gedächtnis eingegraben und wie viele sich bereits daran abgearbeitet haben. Auf der Bühne stehen zwei ineinander verschränkte Flügel, davor drei schlichte Tische. Fünf Männer betreten die Bühne, aber es wird (fast) nicht gesungen. Stattdessen werden von Wilhelm Müller nacheinander die originalen Liedtexte sowie die Versionen von Gerhard Rühm (die winterreise dahinterweise) und Oskar Pastior (Gimpelschneise in die Winterreise-Texte) vorgetragen. Beide sind als Sprachakrobaten bekannt und beide haben jeweils auf ihre Weise die Liedtexte um- und neugeschrieben. Die Richtung, in die es geht, zeigen bereits die neuen Liedüberschriften. Bei Rühm wird Lindenbaum zu lippensaum, Frühlingstraum zu flügelschaum, Wirtshaus zu wirrschmaus usw. Der Rhythmus bleibt ganz dicht am Original (in der ursprünglichen Fassung direkt über die Liedversion gesprochen, höre Hörprobe!), aber die Worte heben ab und explodieren im Kopf zu einem farbigen, verwirrenden und sinnlichen Rausch. Pastiors Version wirkt im direkten Vergleich etwas spröder, da metrisch freier und mit hintersinnigen Anleihen bei wissenschaftlichem Vokabular. Das i-Tüpfelchen oder besser gesagt die Krönung der TAM-Version ist allerdings die sich jeweils anschließende Schubertsche Musik in der Bearbeitung von Alfred Pollmann (zusammen mit Ingo Braune am Flügel): Nach dem Wortschwall, der über und in den Köpfen zusammenschwappt, glaubt man sich zunächst an vertraute Gestade gespült. Doch das ist nur eines Irrlichts Spiel. Mal minimal verrückt, mal ganz ausgedünnt bis auf einzelne umso kostbar-vertrauter klingende Akkorde, mal heftig in die Tasten gewühlt, mal mit ungewöhnlichen Spielweisen verfremdet, aber immer behutsam und sensibel lässt Pollmann die bekannten Klänge auf- und durchblitzen, präsentiert sie und entzieht sie zugleich. Ein wunderschöner Auftakt, ein typischer TAM-Abend. Zur Erinnerung für alle, die es nicht mehr präsent haben: TAM-Aufführungen finden freitags um 22 Uhr mit monatlich wechselndem Programm statt. Im Oktober geht es weiter mit Sprechstücken von Peter Handke: Weissagung und Selbstbezichtigung (Premiere am 8.10.) www.tamkrefeld.de www.kunstradio.at/1997A/12_6_97.html (mit Hörprobe der Rühmversion) www.engeler.de/gimpel.html (mit Hörprobe der Pastiorversion) Wer noch mehr Lust auf Sprechkunst hat, kann sich am 5.10. in der Kölner Kunst-Station St. Peter einfinden. Das Ensemble Sprechbohrer präsentiert neben Rühm und Pastior einschlägiges von Cage, Kagel, Schwitters und anderen. www.sprechbohrer.de www.kunst-station.de [Freyer bei bonn chance] Am 30.9. hatte FR3Y3R3, im Untertitel 3 sehr unterschiedliche Stücke, von Achim Freyer in der Bundeskunsthalle in Bonn Premiere. Neben Über die Einsamkeit der Dinge mit Texten von und über Giacometti, dass bereits 1995 in Rümlingen uraufgeführt wurde und auf das ich hier nicht näher eingehen werde, wurden zwei neue Stücke gespielt, die sich mit Musik von Morton Feldman befassen und in der Tat sehr unterschiedlich sind. Doch zunächst stellt sich die Frage: Kann man Feldman überhaupt bebildern? Warum nicht, könnte man meinen. Feldman hatte eine ausgesprochene Affinität zu bildenden Künstlern und ihren Werken was Stücke wie For Philip Guston und For Franz Kline oder Musik zu Filmen über Pollock und de Kooning zeigen. Er selbst nannte seine Kompositionen Zeit-Leinwände, die er "mehr oder weniger ganzflächig mit einem Musik-Farbton grundiere". Andererseits wirkt seine Musik so in-sich-ruhend, dass jede Ergänzung überflüssig erscheint. Das erste Stück Ab und an ist eine Improvisation über Feldmans Klavierstück INTERMISSION 5 und einen Text von Samuel Beckett. Es ist ein Spiel mit Kontrasten: schwarz – weiß, hell – dunkel, Klang – Stille, Bewegung – Stillstand, Ordnung – Chaos, innen – außen. 12 weiße Neonröhren hängen wie Turnstangen an schwarzen Kabeln von der Decke. Zwischen und mit ihnen agieren die Akteure, bewegen sich mal ruckartig, mal in Zeitlupe, mal gar nicht. Sie bringen die anfangs wirr formierten Leuchtstäbe in eine erst horizontale dann diagonale Gleichgerichtetheit, die sich jedoch wieder auflöst. Ein einzelner tanzt aus der Reihe, indem er das Geschehen immer wieder hektisch umkreist. Diese reduzierte und zeitenthobene Bildsprache bleibt nahe an der Feldmanschen Ästhetik. Ganz anders das zweite Stück nach Feldmans For Samuel Beckett: Hinter den Musikern der musikFabrik im Foyer der Bundeskunsthalle stehen erhöht auf Podesten fünf seltsame Gestalten in Biedermannstracht, merkwürdig deformiert mit Pinocchionase, Eselsohren, Tierschwanz oder eiförmiger Wucherung am Hut, und ergehen sich in zeitlupenhaften, verkrampften Bewegungen. Sofort taucht die sonst so klare und durchsichtige Musik Feldmans in eine doppelbödige, geradezu makabre Atmosphäre. Das Ganze wird zu einem Lehrstück über die Macht der Bilder. Auch hier stellt sich die typische Feldman-Trance ein, aber sie ist diesmal von einer bedrohlich-alptraumartigen Strömung unterhöhlt. Eine seltsame Erfahrung, die letztlich For Samuel Beckett zum interessanteren, weil befremdlicheren Stück des Abends machte. Ich muss jedoch gestehen, dass ich, puristisch wie ich manchmal bin, Feldman ohne Bilder nach wie vor vorziehe. www.oper.bonn.de/ Angekündigt: [Raumklänge in Stommeln] Bereits seit 1999 organisiert die Kulturabteilung der Stadt Puhlheim in der Alten Kirche St. Martin in Stommeln ein Minifestival zeitgenössischer Musik. In diesem Jahr macht am 2.10. das Ensemble TRA I TEMPI den Auftakt. Am 9.10. präsentiert ein Trio mit dem seltsamen Namen "YMMO plays beyond....." Klangexperimente für Stimme, große Trommel und mehr und hinter PA PA JO (10.10.) verbergen sich niemand geringeres als Paul Hubweber, Paul Lovens und John Edwards. www.pulheim.de/Stadtverwaltung/Termine.htm [KlangZeit in Münster] In Münster geht es gleich 10 Tage rund. Vom 29. Oktober bis zum 7. November wird unter dem Motto HörenSagen erzählende Musik jeden Tag Programm geboten mit Auftragswerken/Uraufführungen von Helmut Oehring, Sidney Corbett, Christoph Taggatz und vielem mehr. www.klangzeit-muenster.de [Audiovisionen in Köln] Am musikwissenschaftlichen Institut der Uni Köln findet vom 7.- 9.10. ein international und interdisziplinär besetztes Symposium mit dem Titel Audiovisionen 2004 statt. Unter anderem wird in einem Roundtablegespräch der musikalische und gebärdensprachliche Raum im Werk von Helmut Oehring erörtert. Außerdem werden Mensch-Maschine-Interaktionen in der digitalen Kunst reflektiert und Protagonisten dreier Generationen elektroakustischer Musik diskutieren und präsentieren in drei Abendkonzerten neueste Kompositionen. www.uni-koeln.de/inter-fak/fk-427 (s. Veranstaltungen, Symposien) [SoundART Köln 2004] Parallel zur ART COLOGNE findet vom 28.10. bis zum 1.11. die SoundART statt, die die Grenz- und Übergänge zwischen bildender Kunst und Musik abtastet. Im Mittelpunkt stehen Künstler, die mit dem Deutschen Klangkunst-Preis 2004 ausgezeichnet wurden bzw. für diesen nominiert waren. Zusätzlich gibt es eine Sonderschau über Rolf Julius und am 29. und 30.10. Performance-Konzerte im WDR-Funkhaus. www.artcologne.de [Utopie jetzt! in Mühlheim] Vom 6. bis zum 9.10. wird in der Petrikirche in Mühlheim a.d.Ruhr "Das Ungebärdige und Unabgeschlossene" des Komponisten Dieter Schnebel unter die Lupe genommen. In drei Konzerten gibt es ein Wiederhören mit legendären Schnebelwerken wie Glossolalie und Maulwerke parallel zur Musik anderer Komponisten. www.utopie-jetzt.de Zum Inhaltsverzeichnis aller bisher erschienenen Gazetten zur neuen Musik. |
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