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Gazette: Neue Musik in NRW von Petra Hedler - Ausgabe März 2005 |
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| (möchten Sie diese Gazette monatlich neu per e-mail erhalten?
Dann senden Sie bitte eine mail an redaktion-nrw@kulturserver.de mit dem Betreff: Neue Musik) Düsseldorf, 28.02.2005, 16:42, von Petra Hedler, homepage, , Rubrik: Alle
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Gewesen: Widmann-Oper in Krefeld – Sciarrino beim WDR Angekündigt: Kokain in Bonn – Forum neuer Musik beim DLF – musikFabrik in Köln und Essen – Ablinger im Düsseldorfer Klangraum – und außerhalb: Ars Musica in Brüssel [Widmann-Oper in Krefeld] Nach der Uraufführung in München 2003 hatte am 29.1.05 die zweite Inszenierung von Jörg Widmanns erster abendfüllender Oper Das Gesicht im Spiegel in Krefeld Premiere. Keine abgestandene Literaturoper sondern etwas Gegenwärtiges war in München ausdrücklich gewünscht worden und die Thematik, das Klonen eines Menschen, könnte auch kaum aktueller sein. Aber das, was Roland Schimmelpfennig als Libretto vorgelegt hat, ist trotz so mancher Worthülsen aus der Börsen- und Computerwelt letztendlich tief in konventionellen Opernklischees verhaftet. Kurz zum Inhalt: Die Biotech-Firma von Bruno und Patrizia, einst Liebes- inzwischen nur noch Geschäftspartner, wird in letzter Minute durch die Präsentation eines menschlichen Klons vor dem wirtschaftlichen Ruin bewahrt. Aber als Brunos Gefühle sich an dem Klon Justine, sinnigerweise einem Duplikat Patrizias, wiederbeleben, entspannt sich das wohlbekannte Drama aus Liebe, Leidenschaft und Eifersucht. Auch die Idee vom Kunstgeschöpf, das außer Kontrolle gerät letztlich aber für wahre Gefühle und echte Menschlichkeit steht, ist nicht gerade neu. An dieser alten, neu aufgemotzten Geschichte, die sprachlich noch dazu streckenweise ziemlich plump daherkommt, krankt leider das ganze Stück. Jörg Widmann kann musikalisch zum Glück einiges retten. Dass er sich in der Musikgeschichte, auch der neueren, nicht nur auskennt, sondern ihre Errungenschaften auf sehr selbstbewusste Weise einzusetzen vermag, hat er bereits mehrfach und so auch hier unter Beweis gestellt. Eindringlich ist bereits der an das Rheingoldvorspiel gemahnende Auftakt mit Mädchenchor (Chorakademie Kempen). Während die unschuldige Welt Justines durch ruhige, verhaltene Klänge beschworen wird, ist Patrizias Reich von überschnappenden, getriebenen, zerhackten Klangfetzen geprägt. Das ist nicht schlecht gemacht und trotzdem beschlich mich schon bald das Gefühl, dass weniger mehr gewesen wäre. Ist es wirklich nötig, dass, wie Widmann betont, „jede Szene ihre eigene Sprache hat und ihr eigenes Tonmaterial“? Liegt die Könnerschaft wirklich darin, alles Verfügbare auszustellen (inkl. Handypiepsen und Computergeräuschen)? Die Inszenierung wählt als Ambiente eine heruntergekommene, modern ausgestattete italienische Villa, spielt mit Klischees und dramatischen Effekten (so zum Beispiel wenn Justine vom Schnürboden herabschwebt), wartet aber auch mit witzigen Ideen auf (Die Liebesszene zwischen Justine und Bruno wird dank allgegenwärtiger Videoüberwachung nur auf einem kleinen Bildschirm sichtbar). An der musikalischen Umsetzung durch Mitglieder der Niederrheinischen Sinfoniker und Gastmusiker unter der Leitung von Kenneth Duryea gab es nichts auszusetzen. Bei den Darstellern überzeugten besonders die Sängerinnen Kerstin Brix und Isabelle Razawi, während Christoph Erpenbeck stimmlich wie schauspielerisch etwas steif wirkte. Trotz einiger Einwände, die eher dem Werk als der Umsetzung gelten, sollte man die Anreise wagen (ab 13. Mai in Mönchengladbach). Angesichts der Tatsache, dass an der benachbarten Deutschen Oper am Rhein Musik von gestern zum Uraufführungsevent hochstilisiert wird (s. Februar-Gazette), kann der Einsatz des kleineren Theaters Krefeld/Mönchengladbach gar nicht hoch genug bewertet werden. www.theater-krefeld-moenchengladbach.de/ Zur Einstimmung sind hier ein paar Bilder zu sehen: www.theater-krefeld-moenchengladbach.de/160-8-233-fotos_1.htm [Sciarrino beim WDR] Der Februar ist noch nicht zu Ende, und schon gibt es einen heißen Anwärter auf den Titel „Flop des Jahres“. Meine Phantasie reicht im Moment jedenfalls nicht aus, um mir vorzustellen, wie das, was Salvatore Sciarrino am 18.2. in der Kölner Philharmonie abgeliefert hat, noch unterboten werden könnte – zumindest in einem ansonsten so zuverlässigen Rahmen wie der WDR-Reihe Musik der Zeit. Geboten wurde Scarlatti als Uraufführung. Bereits früher hat sich Sciarrino mit den Werken alter Meister befasst. Gesualdo, Bach, Mozart und eben Scarlatti pflastern seinen Weg. Solange er dies mit Witz und Sinn für Kürze tut, mag es noch angehen; so zum Beispiel wenn er Bachs wohl bekanntestes Orgelwerk, die Toccata und Fuge in d-moll, für Flöte transkribiert. Einen gewissen Charme hat auch Efebe con radio (1981). Hier taucht Sciarrino in Kindheitserinnerungen ein und erweckt mit Hilfe des Orchesters ein altes Radio mit Senderwechsel, Störgeräuschen und allen möglichen Musik- und Textfetzen zum Leben. Höchst fragwürdig wird es allerdings in seinem Cadenzario (1982 – 91), in dem er fast eine halbe Stunde lang selbstgebastelte Kadenzen im Mozart-Look aneinander klebt und mit Bruchstücken aus Mozartkonzerten verkleistert. Japanische Instrumente als Impulsgeber und ein paar schräge Töne zum Schluss wirken nur als aufgesetztes Verfremdungsmanöver und retten nichts mehr. Gänzlich daneben ist aber besagte Uraufführung unter dem Titel Storie di altre Storie, in der Scarlatti-Sonaten einfach auf großes Orchester und häppchenweise auf Akkordeon übertragen werden. Dazu ein bisschen sanftes Grollen mit Donnerblech und Kontrabässen – fertig. Das ist keine Musik, die in Tradition wurzelt, ja nicht einmal wurstelt, das ist reiner Etikettenschwindel, der dem WDR als Auftragskomposition untergejubelt wurde. Oder hat Sciarrino bei seinen Geschichten über andere Geschichten an Andersens Geschichte von des Kaisers neuen Kleidern gedacht und wollte ausprobieren, wie weit man im heutigen Neue Musik-Betrieb gehen kann? Zum Glück kam in dem vier Konzerte umfassenden Komponistenporträt auch jener andere Sciarrino zum Zuge, den wir zum Beispiel aus Witten kennen. Besonders in seinen Sei quartetti brevi, dem Quartetto n. 7 und diversen Solostücken gelingt es ihm, mit flirrenden, wispernden, atmenden, huschenden Klängen eine geheimnisvolle Welt zu erschaffen, hochkonzentriert, immateriell und zeitlos. Das hat mich etwas versöhnt. www.wdr.de [Tipps für den März:] Nach dem WDR ist jetzt der Deutschlandfunk am Zuge. Vom 4. bis 6 März werden in vier Konzerten so unterschiedliche Musiker wie Sidney Corbett, Iris ter Schiphorst (bislang vor allem bekannt durch gemeinsame Projekte mit Helmut Oehring) der niederländische Pianist Ralph van Raat und Oliver Augst, Marcel Daemgen, Thomas Dézsy und Christoph Korn (mit einem sogenannten Freud-Projekt) vorgestellt. www.dradio.de/wir/veranstaltungen/ In Bonn bekommt das neue Musiktheater wieder einmal eine Chance. Steffen Schleiermacher, bekannt als Komponist, Pianist und engagierter Organisator in Sachen Neue Musik, setzt sich in seinem Bühnenwerk KOKAIN mit einem Text Walter Rheiners (1895-1925) auseinander, dessen kurzes von Drogenabhängigkeit und Psychiatrieaufenthalten geprägtes Leben im Selbstmord endete. Die Uraufführung findet am 3.3. in der Bundeskunsthalle Bonn statt. http://theaterbonn.bgp.de www.bundeskunsthalle.de/ www.schleiermacher-leipzig.de/ Theatralisch wird es auch am 18.3. im nächsten Konzert der Reihe musikFabrik im WDR. In Shelter, einem gemeinsamen Projekt der New Yorker Komponisten Michael Gordon, Julia Wolfe und David Lang nach einem Libretto von Deborah Artman, kommen auch Video-Projektionen des ebenfalls aus New York stammenden Ridge-Theater zum Einsatz. Dabei soll durch eine „rhythmisch-treibende und sinnlich-klare Musik“ sowie durch ständige Transformation der visuellen Elemente erforscht werden, „inwiefern unser körperliches und geistiges Schutzbedürfnis von unserem Umfeld abhängt“. Eine weitere Aufführung ist am 19.3. in der Philharmonie Essen zu erleben. www.musikfabriknrw.de/ www.philharmonie-essen.de/ Wer am 25.3. in den Düsseldorfer Klangraum kommt, sollte neben offenen Ohren Zeit mitbringen. Die Aufführung von Peter Ablingers Buch der Gesänge (elektro-akustisch) dauert von 16 bis 21 Uhr. „In Das Buch der Gesänge ist kein deutliches Wort zu hören, sondern eine Welt aus akustischen Fragmenten. Diese Fragmente sind Tonaufnahmen, in diesem Fall eben „100 Gesänge“, die vom denkbar alltäglichsten Leben zu berichten scheinen: Verkehrslärm, Kneipengemurmel, diffuses Umweltgeräusch.“ (Text von Christian Scheib auf Ablingers Website) www.wandelweiser.de/ http://ablinger.mur.at/ Zum Schluss möchte ich noch eine Empfehlung aussprechen, die über NRW-Grenzen hinausführt. In Brüssel findet vom 3. bis 20.3. das ars musica-Festival statt und wie in jedem Jahr finden sich auf dem Programm viele klangvolle Interpreten- und Komponistennamen. Um nur einige zu nennen: Arditti String Quartet, ensemble recherche, musikFabrik, Neue Vocalsolisten Stuttgart, Klangforum Wien und Ensemble Modern widmen sich Werken von Neuwirth, Murail, Stockhausen, Saunders, Holliger und vielen anderen. http://www.arsmusica.be/ Zum Inhaltsverzeichnis aller bisher erschienenen Gazetten zur neuen Musik. |
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