|
||
|---|---|---|
Gazette: Neue Musik in NRW von Petra Hedler - Ausgabe April 2005 |
||
| (möchten Sie diese Gazette monatlich neu per e-mail erhalten?
Dann senden Sie bitte eine mail an redaktion-nrw@kulturserver.de mit dem Betreff: Neue Musik) Düsseldorf, 31.03.2005, 16:39, von Petra Hedler, homepage, , Rubrik: Alle
|
||
| [Inhalt]
Gewesen: Forum neuer Musik beim DLF – Nozart-Festival in Köln Angekündigt: Furrer: Kurator in Düsseldorf und UA in Köln – Russische Experimente in Bonn – Tsangaris in Kalk und Witten – York Höller – vor Ort in Wuppertal – Neue Musik für Kinder Extra: Abstecher nach Brüssel (Ars Musica und Boesmans Julie) [Forum neuer Musik beim DLF] Das Forum neuer Musik beim Deutschlandfunk, das vom 4. bis 6.3. in Köln statt fand, stand in diesem Jahr unter dem Motto Identitäten. Vorab stimmte Frank Kämpfer die Zuhörer auf die große postmoderne Offenheit ein, der sich der Deutschlandfunk verschrieben hat. (Vielleicht sollte ihm mal jemand sagen, dass das Gerede von der Postmoderne schon lange nicht mehr modern ist). Den Auftakt machten Komponistenporträts von Sidney Corbett und Iris ter Schiphorst. Die Infos zu Sidney Corbett, 1960 in Chicago geboren und seit 1985 vorzugsweise in Europa aktiv, stimmten durchaus neugierig. Von seiner Vorliebe für die E-Gitarre ist da die Rede, von seinen Wurzeln in der Rockmusik und seiner Faszination für Jimi Hendrix. Leider ist in seiner Musik davon nicht viel zu hören. Sie zeichnet sich vielmehr durch eine unerhörte Sanftheit und Bravheit aus. Manchmal gelingen ihm stimmungsvolle, filigrane Klanglandschaften (wie zum Beispiel in Bleeding in Babylon, das tatsächlich von Assoziationen zum Irakkrieg inspiriert wurde), aber viel zu oft plätschert die Musik nur ermüdend vor sich hin. Die Gitarre klimpert wie eine bayrische Zither und im Electric Guitar Concerto, einem Auftragswerk des DLF, geht sie meistens vollends im Klang der anderen Instrumente unter. Schade, eine Prise Hendrix und etwas mehr Puls der Zeit hätten der Sache gut getan. Etwas mehr Pep hat die Musik von Iris ter Schiphorst. Auch sie, 1956 in Hamburg geboren, hat eine bewegte Vergangenheit. Sie hat Erfahrungen in Rockbands gesammelt, mit verschiedensten Medien gearbeitet und u.a. das elektro-akustische Ensemble intrors mitbegründet. Der Ausgangspunkt ihrer Musik, so betont sie, ist immer ihr Körper. Rhythmische Phrasen und Wiederholungen sind typisch, insbesondere aber eine eigentümliche Mischung aus Empfindsamkeit und Schwermut einerseits und Ironie und Aggression andererseits. In der Uraufführung aus kindertagen: verloren, ebenfalls einem Auftragswerk des DLF, werden Textfetzen, die um eben diese verlorene Kindheit kreisen, und musikalische Reminiszenzen immer wieder von Streicherattacken zersägt, von elektronischen Geräuschkaskaden zerstampft oder von ganz ausgedünnten Passagen erstickt, wodurch ein stark fragmentiertes Gefüge entsteht. Den Samstagabend beschloss der als Geheimtipp angekündigte niederländische Pianist Ralph van Rast. Dass er sein Instrument beherrscht, steht außer Frage, allerdings zeichnet sich sein Spiel durch Lust am romantischen Schwelgen und am Effekthaften aus. Selbst die Transkription eines Bachchorals gerät unter seinen Händen zu purer Romantik. Entsprechend war die Auswahl der Stücke, die vorzugsweise von niederländischen Komponisten stammten. Neben solchen, die sich in schönen Melodien ergehen (z.B. Winter Child von Joep Franssens), standen andere, die sich am effektvollen Einsatz der hohen und tiefen Register ergötzen – das klingt ohne viel Aufwand und Substanz so schön energisch-progressiv (z. B. Humeures d’une promenade von Matthias Kadar). Frisch und kurzweilig war der Auftritt der Gruppe Arbeit, bestehend aus Oliver Augst, Marcel Daemgen, Thomas Dézsy und Christoph Korn. Unter dem Motto Jugend. Volume I: Freud wurde eine irrwitzige und vielschichtige Performance geboten. Bekanntlich hat Freud das Kind als polymorph pervers entlarvt. Pervers ist das Anders- und Abartige, das Unlogische und Asoziale, das in der Jugend schrittweise domestiziert wird aber auch beim Erwachsenen sich immer wieder Bahn bricht – als Sehnsucht und Eifersucht, Traum und Wunschtraum, Hoffnung und Verzweiflung, Hass und Liebe, Aggression und Regression, Eros und Thanatos. Dieses subversive Chaos ist auf der Bühne präsent in skurrilen Textfetzen und Zitaten sowie in buntgemischtem Liedgut (vom Erlkönig bis zu Wagners Treibhaus-Lied mit Tristan-Anklängen, von Alexandras Illusionen bis zu Mahlers Ich bin der Welt abhanden gekommen), von Augst wunderbar schmalzig zum Besten gegeben. Dem Chaos steht der ewig vergebliche, ewig lächerliche Versuch seiner Nivellierung und Domestizierung gegenüber: Die Herren sitzen seriös mit Anzug und Krawatte an einer langen Tischreihe mit vielfältigem Equipment und Christoph Korn erklärt uns als schmieriger Seminarleiter am Overheadprojektor die Regeln zwischenmenschlicher Kommunikation – die, wie wir alle im Selbstversuch herausgefunden haben, genau dann, wenn man sie am nötigsten braucht, kläglich versagen. Aus all dem entspinnt sich eine abstruse Mischung, musikalisch untermalt durch außer Rand und Band geratene Elektronik- und Computersounds, die ebenso plötzlich wie sie auftauchen wieder abreißen und einer Stille Raum geben, in die wie ferne Erinnerungen und Echos die klassischen Liedversionen sickern. Zum Schluss stehen alle vier wackelig auf einem Bein und mit ausgebreiteten Armen auf den Tischen. So sind wir nun mal: Wir wollen fliegen, aber schaffen es nicht einmal auf Erden die Balance zu halten. (am 12.5. im Radio!) www.dradio.de/index.html www.arbeit-music.com/ www.textxtnd.de/ [Nozart-Festival in Köln] Eine Woche später, am 11. und 12. März, fand ebenfalls in Köln, im Basement unter der Christuskirche, das inzwischen 9. Nozart-Festival statt, das auf apologetische Vorreden verzichten kann. Den Auftakt machten am Freitag Men Ray. Der Name täuscht, denn auf der Bühne erscheinen sechs Frauen, allesamt mit Cellos ausstaffiert (darunter sogar eins aus Metall!). Damit kann man eine Menge machen und von kratzbürstigem bis zu hymnischem Sound wird auch ein weites Klangspektrum durchexerziert. Aber irgendetwas fehlte, für meinen Geschmack hätte es etwas stringenter, eindringlicher, entschlossener sein können. Ganz auf Power setzte anschließend das Trio Johannes Frisch (Kontrabaß), Mikolay Trzaska aus Polen (Saxophon) und Paul Wirkus (Schlagzeug). Besonders der Bassist überzeugte mich zunehmend. Ohne an Dynamik zu verlieren, zelebrierte er die verschiedensten Spielweisen. Paul Wirkus bewährte sich als der Mann für den kraftvollen Unterbau, während seine Versuche mit subtileren Klangspielen noch nicht so recht von der Hand gingen. Zu Phil Minton muss nicht viel gesagt werden. Nicht nur die Virtuosität, mit der er seine Stimme verfremdet und vervielfältigt, fasziniert immer wieder, sondern auch die Art wie er alleine auf der leeren Bühne sitzt, unantastbar und verletzlich zugleich, geht unter die Haut. Zum Schluss stand ein weiteres Trio auf der Bühne, das den Abend weit nach Mitternacht mit einem wahren Höhepunkt ausklingen ließ: Johannes Bauer (Posaune), Roger Turner (Schlagzeug) und Alan Silvan (Synthesizer). Was Turner am Schlagzeug leistet ist wirklich unglaublich. Er wirbelt mit einer solchen Geschwindigkeit, Virtuosität und Energie über die Gerätschaften, dass einem Hören und Sehen vergeht. Immer wenn ich dachte, jetzt fallen ihm gleich die Arme ab, setzte er zu einem neuen Höhepunkt an. Dazu kommen nicht minder virtuos Silvas skurrile synthetische Klanglandschaften, während Bauer das Ganze mit heftigen Bläserattacken durchpflügt. Leider fand der zweite Festivaltag ohne mich statt! www.nozart.de/ [Tipps für den April:] Alle zwei Jahre führt das Düsseldorfer notabu.ensemble unter dem Motto Ohren auf Europa ein Festival durch, das die neue Musik Europas thematisiert, wobei jeweils ein namhafter Kurator für die Programmauswahl verantwortlich zeichnet. In diesem Jahr hat Beat Furrer diese Aufgabe übernommen. Seine Auswahl umfasst unter anderem Werke von Spahlinger, Dusapin, Saunders, Haas und Sotelo (22.4. und 2.5.). Das zweite Konzert am 27.4. ist ganz Salvatore Sciarrinos knapp einstündigem Werk Quaderno di strada für Bariton und Ensemble gewidmet. www.ohren-auf-europa.de/ www.tonhalle.de Bereits am 3.4. ist im Rahmen der WDR-Konzerte der musikFabrik eine Uraufführung von Furrer zu hören (neben Werken von Kyburz, Sciarrino und Xenakis). recitativo ist eine Sprech-Arie, die aus dem Klang der gesprochenen Sprache entwickelt wurde. Dem Libretto liegt Arthur Schnitzlers Novelle Fräulein Else von 1924 zugrunde. Solistin ist die Schauspielerin und Sängerin Salome Kammer. www.musikfabriknrw.de/ Ebenfalls am 3.4. werden im Theater im Ballsaal in Bonn im Rahmen der Konzertreihe erlebnis_neue_musik russische Experimente vorgestellt. Ivan Sokolov spielt neben eigenen Werken Klavierstücke von Galina Ustvolskaya. www.theater-im-ballsaal.de/russischeexperimente/ Am 9.4. ist Manos Tsangaris erneut in der Kölner Halle Kalk zu Gast. Ich bin nur scheintot ist ein „augenscheinlich musikalisches Manöver über Hans Christian Andersen“. Dabei wird vorzugsweise dessen dunkle, schaurige, fatalistische Seite fokussiert, die vor allem in seinen Tagebüchern zum Ausdruck kommt. Für die deutsch-dänische Koproduktion, an der neben dem Schauspiel Köln die dänische Performancegruppe Hotel Pro Forma und der Danish National Choir beteiligt sind, hat Tsangaris eine Musik für 12 Sänger komponiert. www.buehnenkoeln.de/ www.tsangaris.de/ Auch bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik, die vom 22. bis 24.4 stattfinden, ist Tsangaris präsent. Er bespielt das gesamte Haus Witten mit Installationen, Aktionen, Lesungen und Performances und dringt mit sogenannten Insel-Stücken sogar bis in die Konzerte vor. Ansonsten begegnen viele bekannte Namen sowie als Wittener Newcomer Pedro Amaral, Vykintas Baltakas und Reinhard Fuchs. www.wittenertage.de York Höller wurde im letzten Jahr sechzig und seine Geburtsstadt Leverkusen feiert in diesem Jahr ihr 75. Jubiläum. Daraus lässt sich etwas machen: Am 9.4. wird im Forum Leverkusen eine Ausstellung zum Schaffen York Höllers eröffnet und im Anschluss daran als Auftragswerk der Stadt Leverkusen Höllers Feuerwerk von der musikFabrik unter Zsolt Nágy uraufgeführt. Ein weiteres nachträgliches Happy Birthday für Höller wird am 22.4. in der Städtischen Galerie Villa Zander in Bergisch-Gladbach angestimmt. www.kulturstadtlev.de (>Forum) www.villa-zanders-gl.de www.hoelleryork.de Am 21. April wäre Peter Kowald 60 Jahre alt geworden und 10 Jahre ist es her, dass er, anstatt wie üblich durch die Welt zu reisen, 365 Tage in Wuppertal am Ort blieb und eine illustre Schar von Gästen zu sich einlud. Ort ist der Name der Location, und Ort ist auch nach Kowalds Tod noch äußerst lebendig. Am 22. und 23.4. ist Joëlle Léandre zu Gast, eine Koryphäe am Kontrabass wie einst Kowald. Am 28.4. geben sich Angelika Sheridan (Querflöten), Christoph Irmer (Violine) und Günther Pitscheider (Kontrabass), die im Rahmen jener 365 Tage hier erstmals aufeinander getroffen sind, unter dem Namen UNTRIOSIAMO erneut ein Stelldichein. www.kowald-ort.com/index-deutsch4.html Bekanntlich kann man gar nicht früh genug damit anfangen, den Nachwuchs gegen Neue Musik abzuhärten. Im April besteht hierzu gleich zweimal Gelegenheit. Am 24.4. präsentiert die musikFabrik in der Düsseldorfer Tonhalle "Neue Musik für junge Ohren" (konkret: Berio, Messian, Johnson u.a.) und am 17.4. werden junge Hörer ab 8 in der Kölner Philharmonie vom Ensemble Intercontemporain auf eine musikalische Reise zu Berio, Cage, Boulez, Feldman, Lachenmann u.a. mitgenommen. www.tonhalle.de www.koelner-philharmonie.de [Extra: Abstecher nach Brüssel] Sozusagen im Anhang möchte ich kurz von einem Abstecher nach Brüssel berichten, den ich vom 17. bis 20.3. unternommen habe, gerade noch zur rechten Zeit, um den Ausklang des Ars Musica Festivals mitzuerleben. Ars Musica ist kein Uraufführungsfestival wie Donaueschingen oder Witten. Es nimmt sich Zeit für ausgewählte Komponisten, setzt Schwerpunkte und lebt vor allem von hochkarätigen Interpreten. In diesem Jahr standen Olga Neuwirth, Karlheinz Stockhausen und Tristan Murail im Fokus. Dabei gab es die Gelegenheit, frühen Werken von Stockhausen wieder zu begegnen, zum Beispiel dem Zyklus für einen Schlagzeuger oder Zeitmaße aus den 50er Jahren. Von Olga Neuwirth war ein hochvirtuoses Fagottkonzert zu hören, bei dem der Solist Pascal Gallois zwischen langen, gehaltenen, mit Zirkularatmung erzeugten Tönen und hektischen Ausbrüchen pendelt. Ein weiterer Schwerpunkt des Festivals war der Stimme gewidmet. Besonders beeindruckte mich das Konzert mit dem SWR Vokalensemble Stuttgart unter der Leitung von Marcus Creed. Neben Bewährtem (Nono, Kurtag) begeisterte vor allem Shir Shavur, ein neues Chorwerk von Heinz Holliger. Es ist wirklich kaum vorstellbar, dass ernsthaft überlegt wird an diesem Spitzenensemble herumzukürzen! Außerdem war Salome Kammer mit einem Soloprogramm vertreten, in dem sie sich Sprachexperimenten von Berio, Bauckholt, Scelsi und Aperghis widmete. Natürlich nutzt man in Brüssel auch die Gelegenheit, belgische Künstler vorzustellen und die konnten sich diesmal durchaus hören lassen. Anne Martin und Frederic d’Haene waren jeweils mit Uraufführungen präsent. Martins Sonnet en langue inconnue ist ein mal kratzbürstiges, mal zartes virtuoses Solostück für Viola, bei dem sie sich von einem Gedicht aus dem 16. Jahrhundert anregen ließ – zum Schluss erhebt die Instrumentalistin Julia Eckhardt selbst ihre Stimme. Frederic D’Haene hat mit Désert Axiomatique ein Stück für Streichquartett und Schlagzeug geschrieben, das sich aus "acht konzentrischen musikalischen Stillen" entwickelt. Hektisch dahinjagende Passagen werden plötzlich abgewürgt und münden in Pausen. www.arsmusica.be In Kooperation mit Ars Musica wurde an der Oper La Monnaie ebenfalls die Uraufführung eines belgischen Komponisten präsentiert: Philippe Boesmans neue Oper Julie. Als Libretto dient eine von Luc Bondy gekürzte und überarbeitete Fassung von Strindbergs Fröken Julie (übrigens wurde auf Deutsch gesungen!). Damit hat man schon mal eine hochkarätige literarische Vorlage und entgeht der Gefahr der oftmals verquasten pseudoexperimentellen Textbücher. Auch ein linearer Handlungsablauf liegt vor. Zur Erinnerung: Die Grafentochter Julie lässt sich in der Ausnahmesituation der Mittsommernacht mit dem Dienstboten Jean ein, der sich am nächsten Morgen als plumper Macho entpuppt und seinen scheinbaren Triumph auskostet. Gedemütigt sieht sie keinen anderen Ausweg als den Selbstmord. Boesmans wollte Expressionismus um jeden Preis vermeiden. Er wählt eine kammermusikalische Besetzung, bei der die drei Sänger von gerade einmal 18 Instrumentalisten aus dem Graben begleitet werden. Die Inszenierung von Luc Bondy in einem Bühnenbild von Richard Peduzzi lässt die Figuren in einem schlichten Kücheninterieur ohne überflüssigen Schnickschnack agieren. Zu hören ist eine lyrische, klangvolle Musik, in die man sich hineingleiten lassen kann wie in eine warme Badewanne. Aber wenn mir vorher jemand gesagt hätte, die Oper wäre vor hundert Jahren entstanden, so hätte ich keinen Moment daran gezweifelt. Das Ganze ist rund und stimmig und stimmt gerade deshalb nicht. Boesmans wollte nach eigenen Angaben die Gewalt nicht zu direkt auf die Bühne bringen, dabei ist sie ihm dann leider ganz durch die Maschen bzw. Noten gerutscht. Vielleicht ist es die Gestrigkeit seiner Musik, die dazu führt, dass Julie trotz der im wahrsten Sinne unter die Haut gehenden Geschichte (Julie schneidet sich zum Schluss mit Jeans Rasiermesser die Kehle durch) nicht wirklich berührt. Presse-Info auf Deutsch Zum Inhaltsverzeichnis aller bisher erschienenen Gazetten zur neuen Musik. |
|
|