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Gazette: Neue Musik in NRW von Petra Hedler - Ausgabe Mai 2005 |
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| (möchten Sie diese Gazette monatlich neu per e-mail erhalten?
Dann senden Sie bitte eine mail an redaktion-nrw@kulturserver.de mit dem Betreff: Neue Musik) Düsseldorf, 29.04.2005, 15:44, von Petra Hedler, homepage, , Rubrik: Alle
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Gewesen: Furrer UA beim WDR – Ich bin nur scheintot – Wittener Kammermusiktage Angekündigt: Holliger in Köln und Essen – langes Pfingstwochenende im Düsseldorfer Klangraum – Musikfabrik im WDR – Hespos in Hannover [Furrer Uraufführung beim WDR] Am 3.4.05 wurde im Rahmen der Konzertreihe musikFabrik im WDR Beat Furrers neuestes Werk recitativo, ein Kompositionsauftrag der musikFabrik und der Kunststiftung NRW, uraufgeführt (mit Salome Kammer als Sängerin/Sprecherin). Dem Stück liegt ein Text zugrunde, den Furrer selbst aus Arthur Schnitzlers Novelle Fräulein Else zusammengestellt hat. Diese verdankt ihre Berühmtheit einer besonderen, für die damalige Zeit (1924) revolutionären Erzählhaltung. Schnitzler verzichtet auf den traditionellen Erzähler und versenkt sich ganz in die Innenwelt seiner Protagonistin, deren Gedankengang er ungefiltert wiedergibt. Else befindet sich in einer ausweglosen Situation. Um den Vater vor dem finanziellen Ruin zu retten, soll sie von einem reichen Geschäftspartner das nötige Geld erbitten. Dieser verlangt allerdings als Gegenleistung, dass sie sich für ihn entkleidet. Zwischen familiärer und persönlicher Schande hin- und hergerissen, wählt sie den Freitod. Aus dieser aufwühlenden Geschichte entnimmt Furrer nur Fragmente. Wichtiger als der Erzählstrang ist ihm die emotionale Verfassung der Heldin, die er in drei Abschnitten schlaglichtartig erhellt. Der erste Teil zeichnet sich durch gehetzten, kaum verständlichen Sprach- und ebensolchen dahineilenden, manchmal stolpernden Klangfluss aus. Das Unheil schon ahnend versucht Else ihm gedanklich noch zu entfliehen. Im zweiten Teil wird die Ausweglosigkeit spürbar in einer stagnierenden, gequälten, stockenden Musik, die im dritten Teil ins Schrille, sich Überschlagende umkippt. Daraus hätte leicht illustrative Programmmusik entstehen können, aber das Gegenteil ist der Fall. Die Musik ist so stimmig und packend, dass sie auch ohne Kenntnis der zugrundeliegenden Geschichte funktionieren würde. Gleichzeitig erhält sie gerade durch diese untergründige Sinnschicht ihre Ausdruckskraft und Dichte. Furrer hat einmal mehr seinen Rang als einer der führenden zeitgenössischen Komponisten unter Beweis gestellt. Flankiert wurde die Uraufführung von Sciarrinos gleisender, flirrender und pulsierender Eislandschaft Introduzione all’oscuro (1981), Xenakis gewohnt energiegeladenem Jalons (1986) und Kyburz’ Réseaux (2003), das sich in diesem Kontext etwas brav ausnahm, auch wenn er ähnlich wie Xenakis beim Komponieren gerne auf mathematische und naturwissenschaftliche Modelle zurückgreift. www.musikfabriknrw.de/ [Ich bin nur scheintot] An Hans Christian Andersen führt in diesem Jahr offenbar kein Weg vorbei. In der Musikperformance Ich bin nur scheintot, einer Kooperation der dänischen Performancegruppe Hotel Pro Forma mit dem Kölner Schauspielhaus, die am 10.4. in der Kölner Halle Kalk Premiere hatte und demnächst auf der Biennale in Venedig zu sehen sein wird, sollten vor allem die Schattenseiten des Märchendichters beleuchtet werden. Der Auftakt war ganz vielversprechend. Über ca. 30 m erstreckt sich zwischen den langen Reihen der Zuschauerbänke und einer Wand bemalter, variabler Paneele ein Laufgang, auf dem 14 skurrile, ganz in weiß aufs Phantastischste ausstaffierte Gestalten patrouillieren. Die Mitglieder des Danish National Choir ergehen sich in stilisierten Handlungen und bewegen Requisiten, die vage Assoziationen zu Andersens verquälten Phantasien und angstvollen Heimsuchungen eröffnen. Dazwischen agiert der Dichter selbst in Gestalt eines Knaben mit altem Gesicht, anrührend und abstoßend zugleich. Manos Tsangaris hat hierzu eine Chormusik geschrieben, die zwischen raffinierten Lautspielen, komplexen Wortüberblendungen und harmonischem Wohlklang changiert. Jeder Ton und jede Geste sitzt perfekt. Aber die Balance kippt immer mehr in Richtung mittelalterlicher Sphärenharmonie und auch auf der Bühne geschieht letztlich nichts Neues. So verpufft die anfängliche Faszination, die Heimsuchung des Zuschauers findet nicht statt. www.buehnenkoeln.de/ www.tsangaris.de/ [Wittener Kammermusiktage] Im letzten Jahr ragte noch die Garde der alten Meister (Kurtág, K. Huber, Holliger) wie Leuchttürme aus dem Programm der Wittener Tage für neue Kammermusik, in diesem Jahr setzte man ganz auf den Mittelbau, die heute 40- bis 60- jährigen bestimmten das Feld. Man vertraut weitgehend dem traditionellen Instrumentarium, moderne Errungenschaften wie avancierte Spielweisen und elektronische Medien gehören zum Inventar, werden aber eher behutsam eingesetzt, inhaltliche Impulse kommen von überall und sind vorzugsweise persönlicher und unverbindlicher Natur (von Tiepolo bis Escher, vom Haiku bis Bob Dylan). Übrigens hätte ich „man“ fast mit zwei „n“ schreiben können, denn mit Younghi Pagh-Paan war nur eine einzige Komponistin vertreten (letztes Jahr waren es noch zwei, wenn das ein sich fortsetzender Trend ist, müssen wir im nächsten Jahr ganz auf Frauen verzichten!). Umso erfreulicher, dass ihre Komposition Wundgeträumt zu jenen gehörte, die nicht nur an der Oberfläche kratzen. Die vom ensemble recherche uraufgeführte erweiterte Fassung ist voller Energie und bekommt durch ihre Geräuschhaftigkeit und eingewobene fremde Klänge (Stampfen und Rasseln) Unmittelbarkeit und Kraft - Poesie mit Bodenhaftung. Von hoher Direktheit ist auch Georg Friedrich Haas’ Vertonung eines Haiku. Der Text (Die Nacht so kurz – oh! / Und im Haar der Raupe / Perlen von Tau) wird mehrfach wiederholt und von den verschiedensten Seiten beleuchtet. Der zunächst ganz unscheinbar wirkende Bariton Georg Nigl wühlte sich in den Text hinein und schöpfte das breite emotionale und expressive Spektrum mit außergewöhnlicher Ausdruckskraft aus. Für zusätzliche Würze sorgte die instrumentale Begleitung, besonders das Akkordeon und diverse Vertreter der Oboenfamilie. Mark Andrés neues Werk durch für Saxophon, Schlagzeug und Klavier, zu dem er sich von einem Zitat aus dem Lukas-Evangelium inspirieren ließ, zeichnet sich durch äußerst differenzierte Spieltechniken aus: extreme Register, Spiel im Flügelinneren, diverse Slaps und Mehrfachklänge des Saxophons, angestrichene Gongs und Glocken usw. Daraus entsteht eine spannungsvolle Musik, die zum Ende hin immer mehr ausdünnt. Spätestens wenn zum Schluss nur noch Alupapier raschelt, nicht enden wollend, stellt sich ein Empfinden zwischen Faszination und Genervtheit ein – aber gerade das machte den Reiz aus! Viel Platz wurde Manos Tsangaris eingeräumt. Er bespielte das gesamte Haus Witten mit Installationen, Zeichnungen und lebenden Bildern, inszenierte drei Labor-Situationen und drang mit sogenannten Insel-Stücken in die klassischen Konzerte vor. Der Versuch, den ansonsten traditionellen Rahmen auf diese Weise aufzulockern, gelang nur bedingt. Vieles wirkte unbeholfen und halbherzig, als hätte Tsangaris alte Reste auf die Schnelle neu zusammengerührt; vor allem die Inselstücke waren teilweise albern und am Rand der Peinlichkeit. Was ich sonst an ihm schätze, seine Fähigkeit, Unscheinbar-Alltägliches aufleuchten zu lassen und poetische Stimmungen zu erzeugen, konnte sich kaum entfalten und ging im Festivaltrubel unter. Auch wenn man es aufgrund seiner humorvollen Art glauben möchte, als Pausenclown und Lückenfüller eignet sich Tsangaris nicht. Bernhard Langs und Marco Stroppas Versuche mit Live-Elektronik konnten mich ebenfalls nicht überzeugen. Das Ganze blieb in den Untiefen zwischen Improvisation und Komposition hoffnungslos stecken und Langs ewige Loops taten ein Übriges, den Motor zum Stottern zu bringen. Dafür hatte ich Gelegenheit, mich mit Salvatore Sciarrino, der mich vor kurzem in der Kölner Philharmonie so herb enttäuschte (s. NM März 2005), zu versöhnen. Sein fast einstündiges Werk Quaderno di strada erklang als deutsche Erstauführung mit Otto Katzameier als Bariton begleitete vom Klangforum Wien. Zugrunde liegt ein Sammelsurium von Texten, aufgelesene „Trümmer verlorengegangener Gesamtheiten“, aus denen Sciarrino seine filigranen Klanggewächse sprießen lässt. Wie aufgehende Blüten erwachsen die Töne aus dem Flüstern und Wispern der Stimme und Instrumente. Bei aller Faszination haftet Sciarrinos Musik Unnahbarkeit und Künstlichkeit an. Musik im Glashaus! Einen Altmeister gab es dann doch noch zu hören: Jonathan Harvey hatte sein spätes Wittener Debüt. Neben dem opulenten Death of Light / Light of Death nach Matthias Grünewalds Isenheimer Altar wurde vom trio recherche sein String Trio uraufgeführt. www.wittenertage.de [Tipps für den Mai:] Heinz Holliger ist im Mai zweimal in NRW zu Gast. Am 6.5.05 präsentiert er in der Essener Philharmonie mit der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen und Solisten des Deutschen Kammerchores neben Musik von Bach eigene Werke (Eisblumen und Dunkle Spiegel). Der 23.5. in der Kölner Philharmonie ist ganz dem Schaffen Bernd Alois Zimmermanns gewidmet. Unter anderem ist die Ekklesiatische Aktion Ich wandte mich und sah an alles Unrecht, das geschah unter der Sonne unter Holligers Dirigat zu hören. www.philharmonie-essen.de www.koelner-philharmonie.de/ Ein langes Pfingstwochenende rund um die Sprache wird im Düsseldorfer Klangraum geboten. Fünf Tage lang, vom 12. bis 16.Mai kann man sich in Kompositionen von Antoine Beuger, Tom Johnson, Radu Malfatti und anderen aus der Wandelweisergruppe versenken. Die Stimme, vor allem die Sprechstimme, steht dabei im Zentrum der Aufmerksamkeit. www.wandelweiser.de (Konzerttermine) Am 22.5. gelangt Cantatrix Sopranica (2004/05) der südkoreanischen Komponistin Unsuk Chin in der Reihe musikFabrik im WDR vier Tage nach der Uraufführung in London zur Deutschen Erstaufführung. Das Stück für 2 Soprane, Countertenor und Ensemble ist nach Auskunft der Komponistin eine "Darstellung der grundlegenden Elemente des Gesanges". Im letzten Satz wechseln Sänger und Instrumentalisten schließlich ihre Rollen: "Die Sänger 'spielen' auf ihren Stimmen, während die Musiker ihre Instrumente 'singen' lassen." Das Programm wird durch Werke von Simon Holt und Magnus Lindberg komplettiert. www.musikfabriknrw.de/ Sprünge über die Landesgrenze werden auch weiterhin die Ausnahme bleiben, aber ein großes Opernprojekt von Hans-Joachim Hespos ist schon etwas besonderes. Nachdem wir in letzter Zeit mit mehr oder minder literarischen Literaturopern geschlagen wurden (Jost, Widmann, Boesman; s. Gazetten der Vormonate), verzichtet Hespos auf Libretto und Text und schafft „einen erzählungs-, handlungsfreien Raum, der sich primär akustisch definiert“. Daraus sollen dann „spannungsvolle Relationen“ entstehen, die sich in einem zweiten Schritt wieder zu dramatischen Geschichten verdichten können. Es wird empfohlen, sich „vom permanenten Bedürfnis, alles vernunft- und sprachgesteuert sofort und letztendlich verstehen zu müssen“, zu lösen. Die Inszenierung besorgt Anna Viebrock, die unter anderem durch ihre Zusammenarbeit mit Christoph Marthaler bekannt ist. Das alles hört sich ausgesprochen verlockend an. Wer sich also von iOPAL „verführen und in den Bann ziehen lassen“ möchte, sollte sich zur Staatsoper Hannover begeben. Die Premiere findet am 30.4. statt, je zwei weitere Aufführungstermine gibt es im Mai und im Juni. www.staatstheater-hannover.de/ostuecke04/iopal.shtml Zum Inhaltsverzeichnis aller bisher erschienenen Gazetten zur neuen Musik. |
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