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Gazette: Neue Musik in NRW von Petra Hedler - Ausgabe Juni 2005 |
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| (möchten Sie diese Gazette monatlich neu per e-mail erhalten?
Dann senden Sie bitte eine mail an redaktion-nrw@kulturserver.de mit dem Betreff: Neue Musik) Düsseldorf, 02.06.2005, 17:25, von Petra Hedler, homepage, , Rubrik: Alle
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Gewesen: Ohren auf Europa in Düsseldorf – Hespos in Hannover Angekündigt: Piano-Poeten in Bonn – Kraftwerk Heimbach – Ensemblia in MG – Puhlheim – Klavierfestival – neue Oper in Aachen [Ohren auf Europa in Düsseldorf] Auf Initiative des notabu.ensembles und seines Leiters Mark-Andreas Schlingensiepen werden in Düsseldorf in regelmäßigen Abständen die Ohren auf Europa gerichtet. Um dabei nicht in Beliebigkeit zu stranden, sucht man sich Unterstützung bei einem namhaften Komponisten oder Protagonisten der Neuen Musik, dessen Aufgabe es ist ein subjektives, aber alles andere als beliebiges Programm zusammenzustellen. Nach Günther Becker (1993), Manfred Trojahn (1995), Siegfried Palm (1997), Heinz Holliger (2000) und Friedrich Cerha (2003) war in diesem Jahr Beat Furrer an der Reihe. Auch wenn ich nicht alle drei Konzerte in der Düsseldorfer Tonhalle selbst erlebt habe, so kann ich doch sagen, dass ein spannendes Programm zustande gekommen ist. Verpasst habe ich leider Spahlingers aussageverweigerung/gegendarstellung und Furrers nuun. Ein ganzer Abend war Sciarrinos Quaderno di strada gewidmet, das vor kurzem ebenfalls mit Otto Katzameier als Bariton in Witten seine deutsche Erstaufführung erlebte. Für Furrer ist es so herausragend und gewichtig, dass es „für sich alleine da stehen soll und keine anderen Kompositionen drumherum benötigt“. Im Abschlusskonzert am 2.5. ließ Furrer seinen Lehrer Roman Haubenstock-Ramati zu Wort kommen. Sein Credentials or „Think, Think Lucky“ nach einem Text aus Becketts Godot lebt vor allem von der vielfältigen Sprachbehandlung, die Ingrid Schmithüsen virtuos entfaltete. Während Georg Friedrich Haas, Furrers Kollege an der Musikhochschule in Graz, in Nach-Ruf...ent-gleitend... ein vielschichtiges, dichtes mikrotonales Klanggewebe ausbreitet, besticht Rebecca Saunders Quartett für Klarinette, Klavier, Akkordeon und Kontrabass vor allem durch Energie, Kontrastreichtum und Unmittelbarkeit („beim Komponieren fasse ich die Klänge und Geräusche mit den Händen an“). Das Ganze wurde eingerahmt von einigen Strawinsky- und Ravel-Liedern, die spürbar machten, was sich in den letzten 100 Jahren musikalisch so alles bewegt hat. Das Festival Ohren auf Europa ist in der nicht sehr hell strahlenden Neue-Musik-Landschaft der Landeshauptstadt ein absoluter Lichtblick und hätte es durchaus verdient, auch außerhalb der Stadtgrenzen mehr wahrgenommen zu werden. Die Leistung von notabu und seinem Leiter wird noch deutlicher, wenn man sich vergegenwärtigt, unter welchen Bedingungen das Ensemble noch immer arbeitet. Es existiert nicht einmal ein eigener Probenraum. Ich hoffe jedenfalls, dass das Festival noch viele Fortsetzungen erlebt und bin schon neugierig, wer beim nächsten Mal das Ruder übernimmt! www.ohren-auf-europa.de/ www.tonhalle.de www.notabu-ensemble.de/ [Hespos in Hannover] Die Uraufführung der Hespos-Oper iOpal am Staatstheater Hannover habe ich mir natürlich nicht entgehen lassen. Wie ich zu meinem Erstaunen erfuhr ist iOpal bereits Hespos siebtes Werk für Musiktheater, aber den ganzen klassischen Opernapparat zur Verfügung zu haben, passiert auch ihm nicht alle Tage. Er hat es sich und seinem Publikum nicht leicht gemacht, aber das konnte auch niemand ernsthaft erwarten (und wehe, er hätte es doch getan!). Dabei ist sein wichtigstes Anliegen durchaus ein klassisches: Es geht ihm um die menschliche Stimme und um die Erforschung ihrer vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten. Damit diese sich ungehindert entfalten können, verzichtet er konsequent auf Libretto, Erzählung und Linearität. Doch natürlich bekommt man den Gesang nur selten auf dem goldenen Belcanto-Tablett gereicht. Mal raunt er von irgendwo aus dem Bühnenhintergrund, mal schält er sich mühsam aus dem Kommen und Gehen auf der Bühne heraus, mal ergeht er sich in endlosen Längen, mal zerbirst er bis an die Schmerzgrenze in Stöhnen und Ächzen. Das Ganze wird grundiert oder akzentuiert durch geräuschlastige Instrumentalklänge, meist sparsam eingesetzt und unter weitgehendem Verzicht auf die in der Vergangenheit bei Hespos nicht unüblichen Brachialmittel. Die Partiturvorlage, die er bereits 2002 abgeliefert hat, besteht aus 20 Einzelpartituren, die jeweils neu zusammengestellt werden müssen und deren Aufführung maximal vier Stunden umfasst (Die Hannoveraner Fassung dauerte zwei Stunden). Die „dispositionen entstehen“, wie es im Untertitel heißt „im schöpferischen team, die ereignisfacetten geschehen in jeweiliger aufführung stets neuAnders.“ In Hannover waren sie bei Johannes Harneit als musikalischem Leiter und Anna Viebrock, zuständig für Regie, Bühnenbild und Kostüme, in hervorragenden Händen. Viebrock nimmt die Brüchigkeit und Vieldeutigkeit der Musik auf und inszeniert ein Spiel der Irrungen und Wirrungen, der Spiegelungen und Übergänge. Zu Beginn entpuppen sich die türenschlagenden Einlasserinnen als Chordamen, auf der Bühne und im Orchestergraben herrscht munteres Kommen und Gehen. Die Bühne beherrscht ein leerer Raum im für Viebrock typischen muffig-bräunlichen 50er-Jahrestil. Er wird bestimmt von einem großen Spiegel, der sich als Übergang in einen nahezu identischen Parallelraum entpuppt, dann aber wieder als Spiegel fungiert und auf vielfältige, phantasievolle Weise bespielt wird. Inspiriert von der Musik entwirft Viebrock Szenen, die mal mit Opernklischees spielen, mal Alltagsrituale vorführen, mal Erinnerungen evozieren. Wie die Musik vermeidet sie es, uns mit Angeboten zu überhäufen. Szenen werden ausgekostet, gelegentlich auch ausgewalzt und oft sind es die ganz kleinen Gesten, die am intensivsten wirken. Jeder im Publikum muss selbst entscheiden, was er als irritierend oder inspirierend, faszinierend oder langweilig, peinlich oder berührend, amüsant oder albern empfindet; ob er sich von der Oberfläche des Hör- und Sichtbaren zurückprallen und damit sein eignes Spiegelbild vorhalten lässt oder ob er sich in eine fremde, wundersame aber nicht immer behagliche Welt hineinsaugen lässt. Diese Entscheidung trifft er immer wieder neu und sie kann von Augenblick zu Augenblick anders ausfallen. Um mit Hespos zu reden: Die Hör- und Gefühlsfacetten geschehen stets neuAnders. Parodie und Provokation gehören mit zum Spiel, aber sie sind nie Selbstzweck. Nichts und niemand soll vordergründig manipuliert oder vorgeführt werden. Wie heißt es so schön im Programmheft: Freiheit nimmt man sich, sie wird einem nicht gegeben. Das gleiche gilt für große Oper wie für Kunst insgesamt. Sie setzt die Bereitschaft voraus, sich einzulassen und sich auszusetzen, sich irritieren und berühren zu lassen, bei allen Beteiligten: dem Komponisten, den Mitwirkenden und dem Publikum. Das Hannoveraner Publikum hat sich eingelassen, es hat nicht wie andernorts üblich türenschlagend die Flucht ergriffen. Und es hat sich die Freiheit genommen mit launigen Zwischenrufen zu reagieren und am Ende (nach starkem, berechtigtem Applaus für die Mitwirkenden), Hespos mit heftigen Buhs zu bedenken. Diese Bereitschaft, Stellung zu beziehen, spricht für das Publikum, aber sie spricht deswegen nicht gegen den Komponisten und sein Werk – im Gegenteil. Er hat uns zwei Stunden lang gefühlsmäßig nicht zur Ruhe kommen lassen (denn neben Neugierde, Genuss, positiver Gespanntheit und Faszination sind auch Unbehagen, Gereiztheit, Verwirrtheit und Unmut Gefühle, die das Leben schreibt), er hat aufregende Klänge entstehen lassen, die Anna Viebrock zu ganz wunderbaren Bildideen inspiriert haben, und dies alles hat nicht in einem abseitigen Neue-Musik-Elfenbeinturm stattgefunden, sondern es ist ihm gelungen, den ganzen Apparat einer Staatsoper in einen komplexen, kreativen Prozess zu stürzen. Die Freiheit des Publikums ist Teil dieses Prozesses und sie ist, wie Hespos betont, unantastbar. Nur Schablonenmaler vermeiden das Risiko. Wenn große Oper aus großen Stimmen, großen Gefühlen und großem Wagemut besteht, dann haben wir in Hannover große Oper erlebt. www.hespos.info/ www.staatstheater-hannover.de/ [Volles Programm im Juni:] Im Rahmen des Rheinischen Musikfestes finden unter dem Motto Piano-Poeten vom 2. bis 4. Juni fünf Konzerte im Beethovenhaus Bonn statt, in denen Klavierstücke und Texte von Feldman, Henze, Cage, Rihm und Antheil vorgestellt werden. www.wdr.de/radio/rheinisches-musikfest/ Am 10.6. kommt als Auftragswerk des Festivals Spannungen im Kraftwerk Heimbach ein neues Werk von Olga Neuwirth mit dem kryptischen Titel „M2-9/Menzel3“ zur Uraufführung. www.spannungen.de Alle zwei Jahre lohnt sich ein Abstecher nach Mönchengladbach zur Ensemblia, die auch in diesem Jahr „schrill und schräg, unkonventionell, avantgardistisch und provokativ“ zu werden verspricht. Den Auftakt macht am 2.6. das Ensemble Modern. Neben Bewährtem von Scelsi und Stockhausen ist eine Uraufführung von Francis Silkstone und ein Stück von Thomas Witzmann zu hören, der in diesem Jahr als Composer in Residence fungiert. Unter dem Titel Bank-Geheimnis inszeniert er ausgerechnet in der Filiale der Deutschen Bank einen musiktheatralischen Überfall. Das Abschlusskonzert am 11.6. beschließt die Uraufführung seines Werkes ausgepackt. Vorher aber gibt es noch einiges zu entdecken: Der Posaunist Mike Svoboda präsentiert power and poetry von und mit Scelsi, Feldman und Cage, dem Weiher im Volksgarten entsteigt die Seelandschaft mit Pocahontas (von Ralf Werner nach der Erzählung von Arno Schmidt) und wer selbst abtauchen will, geht in die fish-lounge von Rochus Aust. Viel Spaß! www.ensemblia.de In der Alten Kirche St. Martin in Stommeln finden unter dem Motto Raumklänge am 9., 11. und 12.6. drei interessante Konzerte statt: Geraldine Keller trifft auf den Trompeter Jean-Luc Cappozzo, das Syntopia Quartett (Albrecht Maurer – Violine, Claudio Puntin – Klarinetten, Dieter Manderscheid – Kontrabass und Klaus Kugel – Klangobjekte) nimmt uns mit auf eine musikalische Reise zum Mars und hinter Toot verbergen sich Phil Minton, Axel Dörner (Trompete) und der Kölner Thomas Lehn (Analogsynthesizer). www.pulheim.de/Stadtverwaltung/Termine.htm#Konzert_ Am 19.Juni nimmt Pierre Boulez in Duisburg den Preis des Klavierfestivals Ruhr entgegen. Aus diesem Anlass gestaltet Pierre-Laurent Aimard gemeinsam mit seiner ehemaligen Schülerin Tamara Stefanovich ein mehrstündiges Programm mit Klaviermusik von Boulez. www.klavierfestival.de Nach Helmut Oehring und Klaus Lang hat in dieser Saison der amerikanische Komponist Michael Gordon den Auftrag erhalten, für das Theater der Stadt Aachen ein Werk für Musiktheater zu komponieren. Protagonistin seiner Oper Acquanetta ist die gleichnamige amerikanische Schauspielerin, die in den 1940er Jahren eine kurze Hollywood-Karriere mit Horror-B-Movies machte und im Laufe ihres Lebens verschiedene Identitäten annahm. Gordon selbst ist bislang als Mitglied der New Yorker Komponistengruppe „Bang on a Can“ und mit der Video-Oper Weather hervorgetreten. Die Uraufführung ist am 25.6. www.theater-aachen.de/ Zum Inhaltsverzeichnis aller bisher erschienenen Gazetten zur neuen Musik. |
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