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Gazette: Neue Musik in NRW von Petra Hedler - Ausgabe November 2005 |
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| (möchten Sie diese Gazette monatlich neu per e-mail erhalten?
Dann senden Sie bitte eine mail an redaktion-nrw@kulturserver.de mit dem Betreff: Neue Musik) Düsseldorf, 31.10.2005, 16:35, von Petra Hedler, homepage, , Rubrik: Alle
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Gewesen: Die Irre in Bonn und Shadowtime in Bochum Angekündigt: November Music – Lachenmann beim WDR – open systems – Earport – St. Peter - Konzerthäuser [Die Irre in Bonn] Am ersten Oktoberwochenende habe ich mir zwei Musiktheaterwerke angehört, die beide das Prädikat experimentell verdienen – mit sehr unterschiedlichem Ergebnis. Es handelte sich um Jan Müller-Wielands Die Irre oder nächtlicher Fischfang, ein Auftragswerk von Theater Bonn und Beethovenfest Bonn, das in der Bundeskunsthalle uraufgeführt wurde, und um Brian Ferneyhoughs Shadowtime, das nach der Uraufführung bei der letztjährigen Münchner Biennale jetzt im Rahmen der Ruhrtriennale in der Bochumer Jahrhunderthalle zu erleben war. Müller-Wieland ließ sich anregen durch Figuren von Thomas Schütte, der sein Atelier-Nachbar in der Villa Massimo war. Das Textbuch schrieb Micaela von Marcard und die Inszenierung besorgte Werner Schroeter. Die Ursachen der Entstehung von Gewalt in unserer Gesellschaft sollten laut Programmheft beleuchtet werden, aber mit Ursachenforschung halten sich die Beteiligten nicht lange auf. Stattdessen liefert Marcard ein Libretto, das in seiner stammelnden Fragmentarität die gewaltimplizierende Sprachlosigkeit lediglich konstatiert. Auch auf der Bühne werden wohlbekannte Typen vorgeführt: die Frau, die in ihrem eigenen Universum kreist und deren Element mal wieder das Wasser ist, der Mann, der dieser behaupteten Unzugänglichkeit nur mit hilflos-obszönen Gesten zu begegnen vermag, indem er sein eigenes Revier abpinkelt. Später gesellen sich die üblichen Verdächtigen in Gestalt gewaltbereiter Jugendlicher hinzu, die ihre Machtspiele in ritualisierten Gesten zelebrieren und denen ein junges Mädchen mit Sonnenschirm als Symbol naiver Unschuld unweigerlich zum Opfer fällt. Nur selten gelingen Bilder, die aus sich selbst heraus sprechen – vieles kommt einem allzu bekannt vor oder läuft ins Leere. Marcard hat natürlich recht, wenn sie darauf hinweist, dass Gewaltdarstellung auf der Bühne heikel ist und fürchterlich peinlich oder entsetzlich verharmlosend sein kann. Noch harmloser wirken jedoch die ausgestellten Klischees. Kunst muss Netze auswerfen, in denen wir uns heillos verheddern können. Vorgestanzte Bilder sind wie Senkbleie, die sie zu Boden sinken lassen. Müller-Wielands Musik hat dem nur wenig entgegenzusetzen. Mal kommt er mit rhythmischem Staccato daher, mal zitiert er Sehnsuchtsbilder der Musikgeschichte, mal konterkariert er das Geschehen durch betont sanfte und zurückgenommene Passagen. Überzeugen konnten lediglich die Sänger (allen voran Julia Kamenik) und die Musiker der musikFabrik. www.oper.bonn.de/ [Shadowtime in Bochum] Ganz anders ist es mir mit Shadowtime gegangen. Ferneyhoughs erste Oper befasst sich mit Walter Benjamin, aber wie schon die Ankündigung einer Gedankenoper vermuten lässt, handelt es sich nicht um eine biographische Aufarbeitung. Lediglich zu Beginn kommen wir flüchtig mit der Realität in Berührung. Die Handlung setzt an einer Stelle ein, an der sie eigentlich zu Ende ist: an der spanisch-französischen Grenze in Port Bou, wo Walter Benjamin sich am 27.9.1940 auf der Flucht vor den Nazis das Leben nahm. Nach einem instrumentalen Vorspiel stürzt das Chaos, das man Leben nennt, mit Wucht über Benjamin und den Hörer herein –vergebliche Verhandlungen an der Grenze, Erinnerungsfetzen – die Szenen überlagern und durchdringen sich in einem unentwirrbaren Geflecht. Erst als Benjamin sich in ein fiktives Gespräch mit seinem Freund Gershom Sholem flüchtet, gerät die Musik in ruhigere Bahnen, setzt zeitweilig ganz aus. Der Tod ist ein Befreiungsschlag, der Abstieg in die Unterwelt eine Erlösung. Er schafft Raum für das, was schon in Benjamins Leben die eigentliche Wirklichkeit ausmachte: die Lust der Gedanken, der Bilder und jetzt auch der Klänge. Diese Lust wird in den folgenden zwei Stunden vor dem Hörer und Zuschauer ausgebreitet. Wie dies gelingt, ist schwer zu beschreiben. Das Libretto des amerikanischen Autors und Lyrikers Charles Bernstein ist ein komplexes Spiel mit Sprache und Literatur, voller Anspielungen und formaler Experimente. Ganz unabhängig davon entfaltet sich Ferneyhoughs Musik. Ohne je plakativ zu wirken, macht sie in einem langen kammermusikalischen Teil das Rascheln von Engelsflügeln spürbar und führt uns mit einem virtuosen Pianosolo nach Las Vegas, dem „Paradies der Kulturindustrie mit offenem Kanal zur Hölle“. Zwei von insgesamt 7 Szenen werden vom Chor dominiert. Es entwickeln sich Passagen von betörender Schönheit und Klangsinnlichkeit. Dazwischen wird Benjamin bei seinem Gang durch die Unterwelt mit elf alten und neuen, fiktiven und realen Geistern der Geschichte konfrontiert – von Jeanne d’Arc über Marx bis Einstein, aber selbst Zerberus und Hitler können ihm hier nicht mehr ernsthaft gefährlich werden. Dem Regisseur Frédéric Fisbach gelingen eindrucksvolle, anspielungsreiche und phantasievolle Bilder, wozu er sich verschiedenster Mittel bedient. Instrumentale Passagen werden von großformatigen Videoeinspielungen begleitet, der Abstieg in die Unterwelt als Schattenspiel inszeniert und die Geister der Hölle als überdimensionale Tableaus über die Bühne geschoben. Zum Schluss werden die Requisiten umgedreht, der Bühnenraum entblößt sich, unsere Blickrichtung kehrt sich um und wir schauen in die Kulissen. „Bring mich hinter die Kulissen und ich werde dir eine andere Kulisse zeigen und eine andere hinter dieser“, sagt Benjamin im Libretto. Auch der Engel der Geschichte, der in der letzten Szene beschworen wird, sieht nur die Trümmer der Vergangenheit und hat der Zukunft stets den Rücken zugewandt. Benjamins Denken ließ sich nie auf handliche Thesen reduzieren und hat gerade deshalb bis heute die verschiedensten Leute angeregt. Dieser Assoziationsreichtum wird in Ferneyhoughs Gedankenoper kongenial zum Ausdruck gebracht und gleichzeitig durch eine ganz unmittelbare, sinnliche Ebene ergänzt, die schon bei Benjamin immer mitschwingt. Auch wenn wir stets gierig nach Sinnbrocken schnappen, wehe dem Künstler, der sie uns voreilig zuwirft. Er wird zerrissen. Zootiere mit festen Fütterungszeiten sind wir schon im normalen Leben. Im Theater wollen wir unsere Beute selber reißen, wenn’s sein muss selbst gerissen werden, aber niemals abgespeist mit Vorgekautem. In diesem Sinne war Shadowtime ungleich nahrhafter als Die Irre. In dem fiktiven Gespräch mit Benjamin zu Beginn der Oper sagt Gershom Sholem, dass es 49 Ebenen der Bedeutung an jeder Stelle des Talmuds gibt. Shadowtime ist zwar nicht der Talmud, aber an Bedeutungsebenen herrscht auch hier kein Mangel. Kleingläubige lassen sich davon leicht abschrecken und gehen zaghaft in Deckung. Das Wunderbare ist aber, dass selbst dann, wenn nur wenige zünden, wie in einer Kettenreaktion ein phantastisches Feuerwerk entsteht, das auch nach dem Verlassen der Jahrhunderthalle noch lange nicht abgebrannt ist. Dazu braucht es nicht einmal einschlägiger philosophischer Vorkenntnisse. Mein Begleiter, der bezüglich Philosophie im allgemeinen und Benjamin im besonderen wenig vorbelastet ist, hat offenbar ein ähnlich intensives und farbiges Feuerwerk erlebt. www.ruhrtriennale.de/de/ http://userpage.fu-berlin.de/~pmartins/benjamin.htm [Kommen wir zu den Fütterungszeiten im November] Vom 10. bis 12.11. findet an der Folkwang Hochschule in Essen das Festival „November music 2005“ statt, das sich diesmal mit dem Thema „Raumklänge und Klangkörper“ auseinandersetzt. Den Auftakt macht ein Konzert des Wolpe Trios mit Werken ehemaliger und derzeitiger Folkwang Professoren (N.A. Huber, Hufschmidt, Schlothfeldt und Steinke). Anschließend gibt es ein sogenanntes Videoscreening von Dietrich Hahn. Multimedial geht es am Samstag weiter: Unter dem Motto „Raumstörungen“ werden unterschiedliche Raumvorstellungen erforscht. Am Sonntag widmet sich das Hochschulorchester Schlüsselwerken des 20.Jahrhundert (Ives, Webern, Lutoslawski). Im Zentrum steht Lachenmanns mouvement. www.folkwang-hochschule.de Das Timing ist nicht ganz optimal, denn am gleichen Wochenende dreht sich beim WDR alles um Helmut Lachenmann, der heuer seinen 70. Geburtstag feiert. In vier Konzerten wird ein Salut für Lachenmann angestimmt, das neben seinen eigenen Werken auch solche von Vorläufern (Schönberg), Mitstreitern (Xenakis, Stockhausen) und Nachfolgern (Nieder, Hidalgo, Pesson) zu Gehör bringt. Der WDR widmet sich noch an zwei weiteren Tagen im November der Neuen Musik: Am 6.11. ist erneut die musikFabrik zu Gast (mit Stücken von Ligeti, Kagel und Martin Matalon) und am 26.11. spielen Les Percussions de Strasbourg und der Flötist Mario Caroli eine Hommage à Fausto Romitelli und à André Jolivet. www.wdr.de/radio/orchester/veranstaltungen/veranstaltungskalender/november05.html www.musikFabrik.org Vier Tage vollgepackt mit Experimentierfreude sind vom 17. bis zum 20.11. im Ruhrgebiet zu erleben: Open systems beglückt Bochum, Dortmund, Essen und Herne. Das Arditti Quartet spielt auf, Zeitkratzer trifft auf Arto Lindsay, Phill Nibloc präsentiert eine Videoinstallation und vieles andere mehr. Mit Schulprojekten und dem Composers Club Local wird auch der heimische Nachwuchs gepflegt. www.festival-open-systems.de Rege Aktivitäten entfalten im November auch Gerhard Stäbler und Kunsu Shim. Am 4.11. werden in der Essener Musikbibliothek „LEBENSZEICHEN“ ausgesandt, am 5.11. und 12.11. gibt es Earport Konzerte im Duisburger Innenhafen und am 11.11. als Abschluss eines Workshops mit Schülern und Schülerinnen der Käthe-Kollwitz-Schule ein Performancekonzert in der Essener Marktkirche. Am 20. und 25.11 werden dann noch zwei Tanzprojekte mit Musik von Stäbler in Düsseldorf und Krefeld uraufgeführt. www.gerhard-staebler.de In der Kunst-Station Sankt Peter Köln steht wieder neue Orgelmusik auf dem Programm. Vom 3.- 6.11. sowie am 20.11. erklingen Orgel-Mixturen und am 15. und 29.11 improvisiert Peter Bares zu den Stummfilmen Panzerkreuzer Potemkin und Nosferatu. www.kunst-station.de/ Zum Schluss noch ein Blick in unsere traditionellen Konzerthäuser: In der Kölner Philharmonie dirigiert Peter Ruzicka am 18. und 19.11. neben Bruckners 9. Sinfonie mit Satyagraha - Annäherung und Entfernung und Inseln, randlos... zwei eigene Werke und am 19.11. präsentiert Michael Gielen recycling der glocken – Klavierstück in 7 Sätzen und holt damit ein Konzert nach, das bereits für den Januar geplant war. www.koelner-philharmonie.de In einem Konzert der Komponisteninitiative INPUT OUTPUT sind am 18.11. in der wiedereröffneten Düsseldorfer Tonhalle Werke von Juelich, Klein, Berio, Bongartz und Kelemen hören. www.tonhalle-duesseldorf.de Im Konzerthaus Dortmund wird am 17.11. Schönbergs Pierrot lunaire Lachenmanns temA sowie weiteren Stücken von Schönberg und Berg gegenübergestellt. www.konzerthaus-dortmund.de/ Zum Inhaltsverzeichnis aller bisher erschienenen Gazetten zur neuen Musik. |
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