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Gazette: Neue Musik in NRW von Petra Hedler - Ausgabe November 2005 |
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| (möchten Sie diese Gazette monatlich neu per e-mail erhalten?
Dann senden Sie bitte eine mail an redaktion-nrw@kulturserver.de mit dem Betreff: Neue Musik) Düsseldorf, 01.12.2005, 20:27, von Petra Hedler, homepage, , Rubrik: Alle
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Gewesen: Lachenmann – open systems Angekündigt: St. Peter – Klangraum – Notabu – Konzerthäuser und mehr [Lachenmann] Bei den landauf, landab stattfindenden Feierlichkeiten zum 70. Geburtstag von Helmut Lachenmann war im November der WDR an der Reihe. Vom 12. bis 13.11. fanden unter dem Motto Salut für Lachenmann in Köln vier Konzerte statt. Als besonderes Präsent für den Jubilar waren vier Kompositionsaufträge vergeben worden, von denen drei zu den eigentlichen Enttäuschungen des Wochenendes gehörten. Vorausahnend, dass die Lachenmann-Latte sowieso zu hoch liegt, hatte man sich offenbar im Vorfeld darauf verständigt, erst gar keinen Anlauf zu nehmen, sondern gleich unten durch zu kriechen. Drei der Erwählten (Gérard Pesson, Manuel Hidalgo und Georg Kröll) lieferten uninspirierte Klassikerbearbeitungen (von Bruckner, Beethoven und Tallis) nach dem Motto „Erkennen Sie die Melodie“. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Lachenmann mit seinem Anliegen, „das Vertraute neu zu erfahren“, etwas anderes gemeint hat. Nachdem Salvatore Sciarrino ebenfalls im Auftrag des WDR zum Jahresbeginn bereits eine ähnliche Fragwürdigkeit geboten hat (für mich immer noch der Flop des Jahres, s. Gazette März 2005), fange ich langsam an, ernste Zweifel an der Auftragspolitik des WDR zu hegen. Was soll das werden? Die Große Koalition in der Musik – nicht Fisch, noch Fleisch, sondern Knochen und Gräten? Die Kunst sieht bei solchen Unternehmungen bekanntlich als erstes alt aus. Als einziger konnte sich Fabio Nieder mit Witz und Charme aus der Affäre ziehen. In seinem Stück mit dem langen Titel Sogno 10 lunedi / gennaio 1892 / in una casa / molte gente / musiche son / entrato a casa, der Bezug nimmt auf Visionen des Triester Malers Vito von Thümmel, schaffen sanfte, manchmal aufbegehrende Klänge von Streichtrio und Klavier eine traumverlorene Stimmung, in die immer wieder Fremdkörper einsickern: brüchiger Singsang, Pfeifen, Topfschlagen, Klänge einer gescrachten, krächzenden LP. Letzteres wird von einem sogenannten DJ-Perkussionisten in Szene gesetzt. In Anspielung auf Lachenmanns angebliche heimliche Passion für italienische Schlager entpuppt sich die Platte als Fassung von Di mi quando. Wenn der Schlagzeuger zum Schluss die LP geräuschvoll verpackt, die Melodie pfeifend aufgreifend, entsteht eine Atmosphäre von wunderbarer humorvoller Leichtigkeit. Bei aller Kritik war es natürlich doch ein schönes Wochenende. Dafür sorgten vor allem ein Wiederhören mit so manchem, viel zu selten live zu hörendem Lachenmann-Klassiker und die hervorragenden Interpreten (allegro sostenuto und temA mit Musikern des ensemble recherche und Linda Hirst, Salut für Cauldwell mit den Interpreten der Uraufführung Wilhelm Bruck und Theodor Ross). Lachenmann selbst spielte seine Klavierstücke Ein Kinderspiel. Les Consolations aus den 60er und 70er Jahren, frühe Vorboten der Oper Das Mädchen mit den Schwefelhölzern, habe ich überhaupt zum ersten Mal live gehört (gespielt wurden Fassungen für Chor und Orchester sowie für Chor bzw. Chor und Schlagzeug mit den fantastischen Sängern und Sängerinnen der Schola Heidelberg). Bereits im Oktober fand im Konzerthaus Berlin eine ganze Woche für Helmut Lachenmann statt, die eine gute Ergänzung zum WDR-Wochenende darstellte. Leider konnte ich erst zur Wochenmitte einsteigen und habe daher die Aufführungen der drei Streichquartette verpasst. Dafür habe ich die Konzerte mit dem ensemble modern und dem ensemble modern orchestra erlebt, in denen größere Werke für Orchester gespielt wurden, die man ebenfalls nicht alle Tage hört: Ausklang (1984/1985), Kontrakadenz (1970/71), NUN (1999) und das taufrische Concertini (2005). Lachenmann erfüllt darin den Anspruch, auch jenseits der für seine frühe Musik typischen Verfremdung des Instrumentalklangs im eigentlichen Sinne neue Musik zu machen. Er selbst äußert dazu, sein kompositorisches Denkmodell habe sich „von Anfang an gewandelt und geöffnet, und nicht bloß ‚Geräuschhaftes’ und Verfremdetes, sondern ebenso das Unverfremdete, Vertraute, im weitesten Sinne ‚Konsonante’ in den Griff genommen: Nicht weniger als ‚Geräuschhaftes’ bezieht es Rhythmisches, Gestisches, gar Melodisches, Intervallisches, Harmonisches ein, in der Absicht, alles Klingende und klingend Bewegte in so verändertem Kontext neu anzuleuchten.“ Dass das gerade nicht auf gefällige Klassikerwiederkäuungen hinauslaufen muss, macht Concertini auf eindrucksvolle Weise deutlich. Beindruckend war auch das Konzert mit Marino Formenti, der Lachenmanns Klaviermusik aus vier Jahrzehnten zum Erklingen brachte. Flankiert wurden beide Konzertreihen von Gesprächen mit Helmut Lachenmann, bei denen er deutlich machte, wie man ohne ideologischen Ballast und Ego-Allüren konsequente Musik machen kann. Erhellend fand ich den Hinweis, dass für ihn beim Komponieren oftmals auditive und besonders haptische jedoch fast nie visuelle Eindrücke am Anfang stehen. Daraus erklärt sich für mich die unmittelbare Sinnlichkeit und Körperlichkeit seiner Musik, die direkt unter die Haut geht und ihr eine besondere Schönheit verleiht. In Lachenmanns Worten: Musik als Körpersprache des Geistes. www.wdr.de www.konzerthaus.de [open systems] Vom 17. bis 20. 11. fand in vier Städten des Ruhrgebietes das Festival open systems statt – zum 6. Mal und ab jetzt im 2-jährigen Rhythmus. Die Offenheit bezieht sich in erster Linie auf die Programmgestaltung. Außerdem wird die Zusammenarbeit mit dem belgisch-holländischen Festival ‚November Music’ weiter gepflegt und WDR und DLF konnten als neue Partner gewonnen werden. Zum Auftakt in den Bochumer Kammerspielen gab es ein relativ traditionelles Programm mit namhaften Interpreten und weniger bekannten Komponisten. Die Luxembourg Sinfonietta präsentierte ziemlich brave Musik. Das einzig Interessante war die verblüffende Erkenntnis, dass es in Zeiten der Globalisierung doch noch so etwas wie Nationalstile zu geben scheint: minimalistisch Angehauchtes bei den Niederländern (Anthony Fiumara), modernistisch Angehauchtes mit Traditionsbezug (hier Brahms) bei den Deutschen (Georg Graewe) und bei den Belgiern (Boudewijn Buckinx) jener verquaste, unbekümmert Melodien und Harmonien verwurstende Stil, den man auch bei den Quotenbelgiern, die regelmäßig beim Brüsseler Ars Musica Festival eingeschleust werden, gelegentlich zu hören bekommt. Gehaltvoller fiel das Konzert mit dem Arditti Quartett aus. Die Komponisten Gerhardt Müller-Goldboom, Robin de Raaff und Luc Brewaeys haben zwar alle das Rad nicht neu erfunden, aber immerhin Streichquartette abgeliefert, mit denen sich die Ardittis hören lassen konnten. Das Highlight des zweiten Abends im Dortmunder Domicil war für mich der Auftritt von Yoko Higashi & Lionel Marchetti. Während Marchetti mit seinem Elektronikequipment scheinbar unberührt eine fiebrig-dunkle von Störgeräuschen durchsetzte Musik erzeugte, kauerte die vom Butho beeinflusste Tänzerin Higashi auf seinem Schoß, hing ihm wie ein Alpdruck im Nacken, bedrängte ihn, schien sich in ihn hineingraben zu wollen und suchte schließlich auch das Umfeld inklusive Publikum heim – eine eindrucksvolle Performance. Ansonsten gab es Elektronisches von Yasunao Tone und The Hub und leider auch posthume Uraufführungen von Moondog. Mit dessen mechanisch-monotoner Strickmustermusik, die es, wie ich mich ungern erinnere, immerhin schon mal bis nach Witten geschafft hat, kann ich überhaupt nichts anfangen. Auch am dritten Abend in der Essener Philharmonie musste man beim Zusammentreffen zweier Cello-Duos zunächst durch seichte Gefilde waten. Duo Dubbelduet aus den Niederlanden spielte eine rhythmisch orientierte, elektronisch aufgemotzte und effekthafte Musik, bei Tara Fuki aus Tschechien werden die Rhythmen noch mit einlullenden Melodien und Singsang garniert. Das konnte nur besser werden und dafür sorgte dann zum Glück das Berliner Ensemble Zeitkratzer. Reinhold Friedl, Gründer und künstlerischer Leiter, entfaltet in seinem Stück no:no ein geräuschhaftes und doch zartes, hochdifferenziertes Klangband, das sich immer enger um den Hörer zu schließen scheint, mit Nono allerdings relativ wenig zu tun hat. Als sehr erfrischend und wohltuend empfand ich das anschließende Lärmstück des japanischen Musikers Merzbow, das die Ohren ordentlich frei pustete. Marko Ciciliani zieht in seiner Spice Melange alle Register vom Walzer bis zur Noise-Musik. Dazu erzählen von den Notenständern herabbaumelnde Texte und Bilder eine seltsame Geschichte von der Feindschaft zwischen Mensch und Schlange. Unterm Strich kam dabei aber nicht viel mehr als ein buntes Sammelsurium zustande, mehr Melange als spicy. Angekündigt war schließlich noch eine Begegnung von Zeitkratzer mit Arto Lindsay, doch diese fand nicht statt. Lindsay betrat zwar die Bühne, setzte sich verheißungsvoll hinters Mikro und ließ sich vom Zeitkratzer-Sound umwehen, aber dann verschwand er unverrichteter Dinge. Bekanntlich hat er schon auf vielen Hochzeiten getanzt und ist immer für eine Überraschung gut. Auch bei seinem anschließenden Auftritt mit eigenen Leuten gönnte er sich einen weiten Spagat. Brasilianische Schlager und Popsongs konterkarierte er mit brachialen Gitarrenattacken – eher etwas für Fans und Freunde des Skurrilen. Die Abschlussveranstaltung fand in den Flottmannhallen in Herne statt. Der stimmgewaltige David Moss demonstrierte mit seinem Partner Michael Rodach auf amüsante Weise wie man den Blues zerschreddern, zerheckseln, abwürgen und dann wieder auf lustvolle Weise auferstehen lassen kann. Anschließend betraten Jeff Parker (Tortoise) und die beiden Münchner Ulrich Müller und Siegfried Rössert (48nord) mit schwerem Gerät die Bühne. Die akustische Ausbeute stand dazu allerdings in keinem Verhältnis. Es entstand ein delikates Klanggespinst, das auf die Dauer aber etwas zu dünn ausfiel. Nach einer Weile wünschte ich, einer der unermüdlich betätigten Fußhebel möge ein Gaspedal sein. Open systems ist ein Festival, das stets für Überraschungen gut ist. Selbst bei bekannteren Namen, weiß man nie genau, auf was man sich einzustellen hat, und genau darin liegt der Reiz. Da lässt es sich auch verschmerzen, dass nicht alles auf der eigenen Wellenlänge liegt. Auf alle Fälle ist es eine gute Gelegenheit, eigene Hörgewohnheiten zu überprüfen und in Frage zu stellen. www.festival-open-systems.de www.novembermusic.net/ www.zeitkratzer.de/ [Winterausblick] Hier ein paar Tipps für lange Winterabende und da die nächste Gazette erst Ende Januar erscheint, wünsche ich jetzt schon allen da draußen einen guten Start ins neue Jahr! Die Orgelimprovisationen in der Kunst-Station Sankt Peter Köln gehen am 4.12. weiter und wer Lust hat, kann sich sogar zu Silvester musikalisch ins neue Jahr begleiten lassen. www.sankt-peter-koeln.de www.kunst-station.de/ Am 8.12. ist Robyn Schulkowsky, die sich durch ihr virtuoses Schlagzeugspiel auch in der Neuen Musik-Szene einen Namen gemacht hat, bei den Kammerspielen in Bochum zu Gast. www.schauspielhausbochum.de/ Im Musiksaal der Uni Köln ist am 9.12. elektronische Musik von Ludger Brümmer zu hören. Brümmer, der im April 2003 Leiter des Instituts für Akustik und Musik im Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe wurde, wird einen einführenden Vortrag halten. www.uni-koeln.de/phil-fak/muwi/events/raum.html www.kir.essen.de/asp/frame.asp?KOMPONIST=8 http://on1.zkm.de/zkm/stories/storyReader$3195 Ebenfalls am 9.12. eröffnet das Düsseldorfer notabu-ensemble die neue Saison seiner Konzertreihe „Na hör’n Sie mal...!“ mit Musik von Cathy Milliken, Uwe Dierksen, Robin Hoffmann, Stockhausen und Riehm. Weitere Konzerte sind für den 20.1, 17.2., 17.3. und 5.5.2006 geplant. www.notabu-ensemble.de/ www.duesseldorf.de/musikschule/kalender/index.shtml In der Wuppertaler Stadthalle findet am 14.12. im Rahmen des Festivals „Die dritte Art“ ein Konzert statt, das neben Heiner Goebbels Surrogate Sampler Suite Uraufführungen von Catherine Milliken, langjähriger Oboistin des ensemble modern, und Oxana Omeltschuk, einer jungen russischen, in Wuppertal lebenden Komponistin, auf dem Programm hat. www.stadthalle.de www.die-dritte-art.de Am gleichen Abend wird im Konzerthaus Dortmund alle kennen meine visage von Georg Graewe aufgeführt. Graewe setzt sich in seinem Werk für 3 Stimmen, 10 Instrumentalisten und Video-Projektionen mit Albert Einstein auseinander. Sänger und Sprecher kommentieren eine Collage aus vorgefundenem, historischem Bild- und Filmmaterial zu einer Musik mit Überblendungen, Überlagerungen und zeitlich-räumlichen Verschiebungen. www.konzerthaus-dortmund.de Am 18.12, dem 4. Advent, ist im Düsseldorfer Klangraum eine Konzertinstallation von André O. Möller für Flöte und Elektronik zu erleben. www.wandelweiser.de/klangraum.html In der Kölner Philharmonie ist am 13.1. eine Uraufführung von Aribert Reimann (Kompositionsauftrag des WDR!) zu hören und am 21.1. sind die Neuen Vocalsolisten Stuttgart mit Musik von Chen Qigang zu Gast. www.koelner-philharmonie.de/ Die Düsseldorfer Tonhalle beginnt das neue Jahr mit zwei erwähnenswerten Konzerten. Am 18.1.2006 wird das Saxophon als Stimme des 20. Jahrhundert beleuchtet mit Werken von Denhoff, Terzakis u.a. sowie John-Edward Kelly als Interpreten. Am 24.1.spielt das Symphonieorchester der Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf Musik von Kurtág und Bartók – aus Anlass des 80. bzw. 125. Geburtstags der Komponisten. www.tonhalle-duesseldorf.de In der Essener Philharmonie wird am 18.1.2006 Ad Absurdum für Trompete und Orchester, ein Werk des Composer-in-residence Jörg Widmann, uraufgeführt. www.philharmonie-essen.de Zum Inhaltsverzeichnis aller bisher erschienenen Gazetten zur neuen Musik. |
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