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Gazette: Neue Musik in NRW von Petra Hedler (erste Ausgabe vom 11.09.2000) |
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Düsseldorf, 25.04.2007, 21:43, von Petra Hedler, homepage, , Rubrik: Alle
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| NM Mai 2007
Gewesen: Witten Angekündigt: Musiktheater in Bielefeld und Gelsenkirchen – earport, e-mex, ensemblia – Hombroich - YOUrope together u.a. [Wittener Tage für neue Kammermusik] Wieder in Witten. Bereits zum 39. Mal war die kleine Stadt am Rande des Ruhrgebiets vom 20. bis 22.4. Austragungsort eines der wichtigsten und traditionsreichsten Festivals der Neuen Musik, den Wittener Tagen für neue Kammermusik. Auch wenn ich nicht von Anfang an dabei war, inzwischen ist mir alles hier sehr vertraut: jedes Jahr die gleichen Lokalitäten, die gleichen Abläufe, die gleichen Gesichter bei Publikum und Interpreten (u.a. Arditti String Quartet, trio recherche, Ensemble Modern, Salome Kammer). Nur die Musik, die sollte eigentlich neu sein. Neu in Witten waren in diesem Jahr auf alle Fälle einige Namen. Selten gab es so viele Newcomer und ein großer Teil der vertretenen Komponisten wurde in den 60er oder 70er Jahren geboren (womit man in Neue Musik-Kreisen bereits zum Nachwuchs gehört!). Auch wenn es in Witten kein übergeordnetes Motto gibt, lässt sich meist ein roter Faden ausmachen, der sich durch das Programm zieht. Ein solcher Faden war heuer das Verhältnis von Sprache/Stimme und Musik. Das Thema beschäftigt bekanntermaßen schon seit Jahrhunderten die Gemüter, wobei es oftmals um die Frage des Vorrangs des einen vor dem anderen ging. Der Prioritätenstreit ist inzwischen weitgehend zu den Akten gelegt, stattdessen werden die verschiedenen Spielarten der wechselseitigen Einflussnahme erkundet. Ein eigenwilliger Beitrag von Peter Ablinger eröffnete das diesjährige Festival im Haus Witten, wo traditionsgemäß die experimentellen Ansätze ihren Ort haben. Ablinger nimmt in Voices and Piano Originalaufnahmen bekannter Persönlichkeiten (von Ezra Pound über Morton Feldman bis Mao Tse-Tung) als Ausgangspunkt und überschreibt bzw. überblendet sie mit einer Klavierstimme. Die Musik schmiegt sich dem Sprachklang und -rhythmus so eng wie möglich an, doch nach einer Weile scheint sich das Verhältnis umzukehren. Die Musik saugt die Sprache auf und die Sprechstimmen, obwohl technisch unverändert, beginnen scheinbar zu singen. Ein ähnliches Verfahren verwendet Ablinger in seiner Installation Portrait meiner Eltern für zwei computergesteuerte Selbstspielklaviere, bei der er die Rosenkranzlitaneien seiner Eltern auf die Tastatur überträgt, diesmal aber auf die Zuspielung des O-Tons verzichtet. Die Klaviere hämmern mit großer Energie und Lautstärke drauflos und ihre Unerbittlichkeit, der auch ein gehöriges Maß an Aggressivität innewohnt, erinnert durchaus an monotone Gebetsrituale. Auch Walter Zimmermann überträgt Sprache in Musik. Voces Abandonadas, ein 40-minütiges Werk für Klavier, ist „der Versuch, die 514 Sentenzen des gleichnamigen Buches von Antonio Porchia in Klangembleme zu übersetzen.“ Der Bezug zum Text erschließt sich allerdings nur aus dem Programmheft. Das Ergebnis ist ein Mosaik aus Klangfloskeln, das schön anzuhören ist, doch meines Erachtens geht die Logik des Textes verloren ohne dass musikalische Logik entsteht. Eine gelungene Variante führt Isabel Mundry in gesichtet, gesichelt für Stimme, Trompete und drei Chorgruppen nach einem Text von Thomas Kling vor. Wie ein Schutzwall umschließt der Chor räumlich und klanglich Stimme und Trompete, legt sich schützend um den Text, der selbst schon Musik ist, nimmt die Sprache auf und reicht sie weiter. Unmittelbar im Anschluss erklingt Four² für Chor, eines von Cages Number Pieces, als unendlicher fein ausmodellierter Klangstrom. Dann erklingt gesichtet, gesichelt erneut, wodurch die beiden Werke zu einem stimmigen Gesamtgefüge verschmelzen. Der Klassiker der Verbindung von Sprache und Musik ist natürlich der Gesang, den Klaus Ospald wie schon Schönberg vor ihm mit dem Streichquartett vermählt. Ganz so klassisch ist sein Stück dann aber nicht geraten, wie der Titel Wolkenwald, Humoreske und Gassenhauer bereits ahnen lässt. Die Sopranstimme (Text: Konrad Bayer, Arno Schmidt) bewegt sich über dem Streicherklang wie auf dünnem, vom Bersten bedrohten Eis, wobei die Doppelbödigkeit immer wieder aufbricht, ins Leere läuft und ins Groteske umschlägt. Ein Höhepunkt war sicherlich die Uraufführung von Georges Aperghis’ Zeugen, einem Spectacle musical mit Texten von Robert Walser und sieben Handpuppen von Paul Klee. In einer Guckkastenbühne, vor der die Musiker platziert sind, erscheinen die Puppen. Außer gelegentlichem Ortswechsel bleiben sie jedoch bewegungslos. Dafür rückt ihnen der Puppenspieler mit einer Minikamera, deren Perspektive oberhalb der Bühne als Projektion erscheint, zu Leibe. Doch obwohl die Puppen dadurch ganz dicht herangerückt, nahezu seziert werden, behalten sie ihre Unnahbarkeit, bleiben stumme Zeugen, die letztlich nichts preisgeben. Ähnlich kreisen Walsers manchmal naiv anmutende Texte um ein Ich, das sich stets entzieht („Ich bin stumm und unterhaltend.... Ich sage weder ja noch nein. Ihr könnt es erraten.“). „Es geht um die Erinnerung der Puppen“, sagt Aperghis, aber letztlich geht es um unsere eigenen Erinnerungen, die in unserem Inneren als Teil unserer selbst siedeln, sich jedoch dem voyeuristischen Zugriff und der willkürlichen Verfügbarkeit versagen. An genau diesen Kern, der immer dann im Spiel ist, wenn wir wirklich berührt sind, rührt auch die Musik, mal schrill, sich aufbäumend und aufbegehrend, mal schwebend, träumerisch, geheimnisvoll – eine Suche nach der verlorenen Zeit. Von den übrigen Werken ist mir Olga Neuwirths Verfremdung/Entfremdung für Sopransaxophon, Klavier und Tonband in positiver Erinnerung geblieben. Ein geheimnisvoller Tonbandsound schiebt sich immer wieder in den Vordergrund und nimmt Facetten des Instrumentalspiels in sich auf jedoch ohne seine eigentümliche Fremdheit zu verlieren (wodurch wie im Titel angekündigt Verfremdung in Entfremdung umschlägt). Dem setzen die Musiker ihr energie- und phantasievolles, widerspenstiges Spiel entgegen, das sich letztlich nicht vereinnahmen lässt. Das Abschlusskonzert bestritt das Ensemble Modern, das vier Uraufführungen junger Komponisten (Márton Illés, Sun-Young Pahg, Markus Hechtle, Bruno Mantovani) im Gepäck hatte. Dabei ging es zum Teil recht dramatisch zu, Klangmassen wurden bewegt und Hechtle sorgte für einige Irritation, als er das Ensemble aus dem Off mit dem Megaphon anfeuern ließ. So richtig überzeugt hat mich allerdings keines dieser Stücke. www.wittenertage.de Der Mai steht ganz im Zeichen der MusikTriennale Köln. www.musiktriennalekoeln.de Aber es gibt auch noch diverse andere Aktivitäten im Land: Bei dem von der Robert-Schumann-Gesellschaft Düsseldorf e.V. vom 1. bis zum 5. Mai 2007 bereits zum vierten Mal veranstalteten internationalen Klavierwettbewerb Concours Clara Schumann gehört auch Zeitgenössisches zum Pflichtprogramm. Charlotte Seither, Mauricio Sotelo und Manfred Trojahn haben hierfür spezielle Auftragswerke geschrieben. www.concours-clara-schumann.de/ Am 5.5 wird Wasser.Zeichen für Sopran, Sinfonieorchester, Ensemble und Zuspielung von Gerhard Stäbler als Auftragswerk der Philharmonie Südwestfalen im Leonhard-Gläser-Saal in Siegen uraufgeführt. Die konzertante deutsche Erstaufführung von Stäblers Kammeroper Nachmittagssonne sowie Uraufführungen von Bohyun Kim, Geir Johnson und Kunsu Shim erklingen am 11.5. in der Folkwang Musikschule Essen und am 12.5. im Lehmbruck Museum Duisburg. www.gerhard-staebler.de www.kunsu-shim.de www.earport.de Die Niederrheinischen Sinfoniker heben am 8.5. in Krefeld Oliver Kortes Werk Die Elemente aus der Taufe (weitere Aufführungen am 9. und 10.5. in Mönchengladbach). www.theater-krefeld-moenchengladbach.de Am 12. (20 Uhr) und am 13.5. (11 Uhr) stehen in der von Christoph Staude geleiteten Veranstaltungsreihe Neue Musik in Hombroich u.a. Stücke von Iris der Schiphorst, Thomas Bruttger (UA) und Toshio Hosokawa auf dem Programm. www.inselhombroich.de Am 12.5. findet am Theater Bielefeld die Premiere von Toshio Hosokawas Musiktheater Hanjo als deutsche szenische Erstaufführung statt. (uraufgeführt 2004 als Auftragswerk des Festival d'Aix-en-Provence). Das Werk basiert auf einem Nô-Spiel von Yukio Mishima und kreist um eine von Begehren, Eifersucht und Hoffnung geprägte menage á trois. www.theater-bielefeld.de/goto/programm_veranstaltung/6/1/2679/?theater_bielefeld=fc1 Ebenfalls am 12.5. hat am Musiktheater im Revier Gelsenkirchen das Musiktheater Der Sonne entgegen Premiere, das sich in fragmentarischen, teilweise ins Surreale kippenden Situationen mit den Widersprüchen einer Welt auseinandersetzt, die den Warenverkehr immer freier und die Menschen immer unfreier macht. Das Projekt mit Musik von Lucia Ronchetti nach einem Text von Steffi Hensel, das unter der Regie von Michael v. zur Mühlen aufgeführt wird, ist Gewinner der ersten Ausschreibung des Fonds Experimentelles Musiktheater NRW. Weitere Aufführungen mit der musikFabrik am 19. und 20.5. . Die musikFabrik ist außerdem am 28.5. im WDR mit Werken von Jörg Mainka, Cage, Kagel, Gervasoni und Mauro Lanza zu erleben. www.musikFabrik.org www.musiktheater-im-revier.de/main/index.php?titel=Kalender&link=termine_kalender.php?menu=kalender www.wdr.de Die Reihe YOUrope together der Philharmonie Essen, in der die neuen EU-Betrittsländer aus musikalischer Perspektive vorgestellt werden, wird nach einigen Terminverschiebungen am 24.5. fortgesetzt. Diesmal richtet sich der Blick auf Litauen. Zu Gast ist das Vaivora Ensemble. www.philharmonie-essen.de Am Pfingstwochenende ist im Rahmen des Klavier-Festivals Ruhr Jürgen Hocker mit seinen Player Pianos zu erleben. Am 26.5. führt er in der Essener Philharmonie von den Anfängen bis zur Gegenwart des Selbstspielklaviers und am 27.5. geht am gleichen Ort das von Hocker konzipierte Fest für klingende Maschinen über die Bühne. www.klavierfest.de Die neue Reihe des e-mex neue musik ensemble im Dortmunder domicil wird am 29.5. mit einem Porträtkonzert der Japanerin Yasuko Yamaguchi fortgesetzt. Das Konzert bietet einen umfassenden Einblick in das Schaffen der inzwischen in Düsseldorf lebenden Komponistin, wozu auch die Uraufführung eines neuen von e-mex in Auftrag gegebenen Werkes gehört. www.e-mex-ensemble.de/de/07_05_29YasukoYamaguchi.domicil.html Am 31.5 ist Auftakt der Ensemblia in Mönchengladbach, die diesmal an einem verlängerten Wochenende, aber dafür mit reichhaltigem Programm stattfindet. Mehr davon demnächst. www.ensemblia.de/ |
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