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Gazette: Neue Musik in NRW - Ausgabe Juni 2007 |
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| (möchten Sie diese Gazette monatlich neu per e-mail erhalten?
Dann senden Sie bitte eine mail an redaktion-nrw@kulturserver.de mit dem Betreff: Neue Musik) Düsseldorf, 26.05.2007, 18:00, von Petra Hedler, homepage, , Rubrik: Alle
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| NM Juni 2007
Gewesen: Kammeropern in Essen/Duisburg – experimentelles Musiktheater in Gelsenkirchen Angekündigt: Ensemblia – KGNM-Musikfest – Raumklänge in Puhlheim – Mittelmeerprojekt der Tonhalle – Gesänge im Düsseldorfer Kunstraum – Uraufführungen von Rihm und Kagel usw. [Kammeropern von Gerhard Stäbler und Kunsu Shim in Essen/Duisburg] Nachmittagssonne – Eine Poesie des Alltags war das Konzert mit Werken von Gerhard Stäbler, Kunsu Shim u.a. überschrieben, das am 11.5. in der Folkwang Musikschule Essen stattfand (Wiederholungskonzert am 12.5. im Duisburger Lehmbruck Museum). Zunächst war da der Alltag: ein nicht ganz optimaler Raum, Störgeräusche von außen und ein gesundheitlich etwas indisponierter Sänger. Doch allen Widrigkeiten zum Trotz wurde es ein Abend voller Poesie. Nachmittagssonne ist der Titel von Stäblers neuer Kammeroper, die in Seoul uraufgeführt wurde und nun konzertant als deutsche Erstaufführung zu erleben war. Auch sie handelt von der Poesie des Alltags. Zugrunde liegen Gedichte des griechischen Dichters Konstantinos Kavafis. Er spricht von Lust und Begehren, Liebe und Tod, Erinnern und Vergessen. Seine Sprache ist eine Sprache des Alltags und sie scheut nicht davor zurück, die alltäglichen Banalitäten beim Namen zu nennen: Abhängigkeit, Käuflichkeit, Betrug. Doch gerade durch den Verzicht auf jedes Pathos entsteht zwischen den Zeilen Poesie – wie Blumen auf einer Schutthalde. Dem entspricht die Musik (Bariton, Streichtrio und elektronische Klänge). Sie ist leidenschaftlich und direkt, einfühlsam und subtil. Zum Auftakt ertönt chaotisches Getöse vom Band, das mitten ins Geschehen wirft, sich jedoch bald verflüchtigt. Auf der Bühne die Musiker: Violine und Viola sitzen sich gegenüber und bespielen zum Auftakt des anderen Instrument, tasten sich vor in des anderen Terrain. Die Indisponiertheit des Baritons Martin Lindsay ging nicht zu Lasten seiner Ausdruckskraft. Voller Wucht und Präsenz – mal sprechend, mal singend – trug er den englischsprachigen und gut verständlichen Text vor und zog die Zuhörer in seinen Bann. Auch Kunsu Shim arbeitet an einer Kammeroper, der Texte von Robert Creely zugrunde liegen. Einen ersten Eindruck vermittelte das an diesem Abend uraufgeführte Werk Your Face für Bariton und Streichtrio. Bei ihm vermittelt sich Ausdruck auf völlig andere Weise. Lange gehaltene, zarte, behutsame Streicherklänge fügen sich zu filigranen Harmonien, in die die Stimme eingebettet ist. Es entsteht ein in sich geschlossenes, introvertiertes Werk von suggestiver Wirkung, in dem jede kleine Regung und Veränderung Wellen schlägt. Hoffentlich wird es bald eine Gelegenheit geben, die beiden Kammeropern vollendet und in szenischer Fassung zu erleben. Ergänzt wurde der Abend durch Werke der Koreanerin Bohyun Kim und des Norwegers Geir Johnson. http://www.gerhard-staebler.de/ http://www.kunsu-shim.de/ [Experimentelles Musiktheater in Gelsenkirchen] Eine Eiskunstläuferin zieht holprige Bahnen über die Bühnenbretter. Sie ist nicht in ihrem Element. Das ewige Eis der fernen Antarktis ist Ziel ihrer Wünsche, es fungiert als modernes Atlantis. Aber schon bald bricht sich die Banalität des Alltags Bahn. Utopien haben hier längst ausgedient. Menschen in ihren stereotypen Rollen als Touristen und Konsumenten beherrschen die Szene. Jeder ist vor allem auf sich bezogen. Nur einmal, da pflanzt sich ein Frösteln von einem zum anderen fort, so berührend, dass es auch mich im Publikum erreicht. Die Eiskunstläuferin ist hier nur Fremdkörper und wird schließlich zwangsassimiliert. Es heißt von ihr, sie könne nur deshalb ihre Pirouetten drehen, weil ihr Gehirn durch jahrelanges Training gelernt hat, die schwindelerregenden Signale, die Notrufe, zu ignorieren. Doch eigentlich sind wir es, für die Abstumpfung zum Überlebensprinzip geworden ist. Selbst der Terror gehört bereits zum Spiel und sorgt nur für kurzfristige Irritation. Wie im Computerspiel stehen die Opfer schon bald wieder auf den Beinen und machen weiter, als wäre nichts geschehen. Die Antarktis, das ferne Utopia, wird derweil von den Politikern einem Reglement unterworfen und auf Verwertbarkeit geprüft. Der Sonne entgegen heißt das Werk, das am 12.5.2007 am Musiktheater im Revier in Gelsenkirchen uraufgeführt wurde. Es ist das erste, das von einer Jury ausgewählt und vom Fonds Experimentelles Musiktheater des NRW KULTURsekretariats und der Kunststiftung NRW finanziert wurde. Einst war es an den Opernhäusern üblich, pro Saison ein zeitgenössisches Werk auf die Bühne zu bringen. Inzwischen wurde dieser Anspruch entweder ersatzlos gestrichen oder man entledigt sich seiner, indem man scheinbar publikumsverträgliche konventionelle Ware oder zweifelhafte Events aufs Programm setzt. Für Experimente ist da wenig Platz. An dieser Stelle springt der neue Fonds ein. Im Gegensatz zum nach wie vor existierenden Fond Neues Musiktheater soll eine Jury für Qualität und experimentellen Charakter bürgen. Ihr gehört neben Heiner Goebbels, Amélie Niermeyer (der neuen Intendantin des Düsseldorfer Schauspielhauses) u.a. auch Paul Esterhazy an, der einst als Chefdramaturg in Bonn und als Generalintendant der Städtischen Bühnen Aachen letzte Bastionen des Experiments aufrecht erhielt. Eine weitere Forderung des Fonds ist es, dass Komponist, Librettist und Regie von Anfang an einen gemeinsamen Entwicklungsprozess gestalten. In diesem Fall machten sich die Komponistin Lucia Ronchetti, die Autorin Steffi Hensel und der Regisseur Michael v. zur Mühlen zusammen ans Werk, das um die Themen Migration, Ausgrenzung, Transit kreist. Herausgekommen ist ein spannender Abend, der eine Vielzahl lose verknüpfter Bilder dem Publikum zur freien Assoziation anbietet und nach Nachdenken anregt. Ronchettis Musik vertraut in erster Linie der menschlichen Stimme – ergänzt durch die Blechbläser der musikFabrik und elektronische Klänge. Die 14 Darsteller sind allesamt ausgebildete Sänger, deren Stimmen sich in diffizilen Linien umschlingen und verschränken – dem bedrückenden Thema zum Trotz oftmals in berückender Schönheit. Manchmal hat es den Anschein, als habe sich die Utopie in die Musik zurückgezogen. Zitate tauchen auf, manchmal in nicht zu überhörender Deutlichkeit, doch nie entsteht der Eindruck postmoderner Flickschusterei. Im Schlussbild treten die Sänger ganz dicht an die Rampe heran und vereinigen sich in einem ausdrucksstarken Gesang der direkt unter die Haut geht. http://www.musiktheater-im-revier.de/main/detail.php?id=504&sparte=2 Bevor uns die Utopien wie das Eis der Antarktis unter den Füßen wegschmelzen, setzt der Fonds weiter auf Experimente. Die nächsten Werke stehen bereits fest. Premieren sind für Januar 2008 in Bonn und Juni 2008 in Bielefeld geplant. http://www.nrw-kultur.de/output/controller.aspx?cid=206 Am ersten Juniwochenende ist die Konkurrenz der Veranstalter groß. [Ensemblia] Die Ensemblia in Mönchengladbach eröffnet am 31.5. mit einem Konzert der Via Nova Percussion Group. An den folgenden Tagen ist ein buntes Programm an den verschiedensten Spielorten zu erleben, u. a. eine installative Tanzoper von Rochus Aust nach Dantes Commedia im Skulpturengarten des Museums Abteiberg. Den Höhepunkt bilden am Sonntag die Uraufführungen aus dem internationalen Kompositionswettbewerb mit anschließender Preisverleihung. www.ensemblia.de [Festival Raumklänge in Puhlheim] Das Festival Raumklänge in Puhlheim steht diesmal ganz im Zeichen der Chormusik. Am 31.5. wagt sich der in Basel ansässige Chor Millefleurs unter seinem Leiter Christoph Schiller auf das Feld der freien Improvisation. Am 1.6. lassen die Chöre Ars Choralis Coeln und Camerata Vocale Brauweiler Alte Musik mit Arvo Pärt zusammentreffen und zum Abschluss tritt Gabriele Hasler am 3.6. mit dem Kölner Vokalensemble Les Saxosythes auf. www.raumklaenge.de [ wem gesang gegeben im Klangraum Düsseldorf] Auch der Klangraum in Düsseldorf widmet sich unter dem Motto wem gesang gegeben der menschlichen Stimme. Bereits am Pfingstmontag findet ein Auftaktkonzert statt. Weiter geht es dann vom 1. bis 3.6..Auf dem Programm stehen Werke der Wandelweisergruppe (Antoine Beuger, Jürg Frey, Eva-Maria Houben, Carlo Inderhees u.a.) ww.timescraper.de/ [Mittelmeerprojekt der Düsseldorfer Tonhalle] Die Düsseldorfer Tonhalle wendet sich dem Süden zu. In einem Mittelmeerprojekt wird zunächst am 1.6. Dimitri Terzakis in einem Komponistenporträt vorgestellt. Am folgenden Tag präsentieren das ART Ensemble NRW und das Cantus Ensemble Zagreb alte und neue Musik von den Gestaden des Mittelmeeres. www.tonhalle-duesseldorf.de/programm [Musikfest der KGNM] Die Kölner Gesellschaft für Neue Musik feiert am 1. und 2.6. in der Alten Feuerwache ihr Musikfest, das neben einem Querschnitt durch die Kölner Szene auch ein Diskussionsforum zur Situation der Neuen Musik Köln einschließt. www.kgnm.de/Seiten/Aktuelles/Aktuelles.html Danach geht es etwas ruhiger weiter: [Klavier-Festival Ruhr] Beim Klavier-Festival Ruhr treffen am 3.6. in der Essener Folkwang Hochschule in einem von Siegfried Mause konzipierten Programm Werke von Wolfgang Rihm und Wilhelm Killmayer (jeweils mit einer Uraufführung vertreten) auf Beethoven. Am 4.6. erklingt im Duisburger Lehmbruck Museum George Crumbs Vox Balaenae für Flöte, Cello und Klavier. Crumb ließ sich vom Gesang der Buckelwale inspirieren, seine Musik wiederum war Ausgangspunkt für ein Projekt mit Grundschülern aus dem Ruhrgebiet, das ebenfalls im Konzert vorgestellt wird. Im Rahmen des vierteiligen Discovery Projects kommen noch weitere Schüler zum Zug. Die Inspirationsquellen reichen von den Beatles (15.6.) bis zu George Benjamin (18.6.). www.klavierfest.de [Rihm-Uraufführung in der Kölner Philharmonie] In der Kölner Philharmonie wird am 8.6. in Anwesenheit des Komponisten Diptychon (2006) nach Dichtungen Hölderlins für hohen Sopran und Orchester von Wolfgang Rihm uraufgeführt (außerdem Werke von Scelsi, Varèse und Ginastera) www.koelner-philharmonie.de/ . [Mauricio Kagel in der Essener Philharmonie] Die Essener Philharmonie hat bei ihrem Composer in Residence Mauricio Kagel ein Streichquartett in Auftrag gegeben, das am 11.6 aus der Taufe gehoben. Am 15.6. führt die unter dem Motto Yourope together angetretene Reise durch die europäischen Beitrittsstaaten nach Tschechien. www.philharmonie-essen.de www.philharmonie-essen.de/?SECTION=Magazin&PAGE=&SID=137&LID=1 [Internationales Kagel-Symposium in Siegen] Kagel begegnet uns im Juni noch ein weiteres Mal. Am 28.6. ist ihm in Siegen ein von Werner Klüppelholz organisiertes Internationales Symposium gewidmet. http://idw.tu-clausthal.de/pages/de/event19695 [Opernprojekt: St. Kilda – Insel der Vogelmenschen] Eine üppig dimensioniertes Opernprojekt steht uns am 22. Juni ins Haus. In fünf europäischen Staaten wird das Musiktheaterwerk St. Kilda - Insel der Vogelmenschen - The Echo of Birds synchron auf fünf Bühnen gespielt, eingebettet in Live-Bilder aus St. Kilda. Die Musik stammt von David Paul Graham und Jean-Paul Dessy. Erlebbar ist das Spektakel im Düsseldorfer Medienhafen. http://www.6-tage-oper.de/2007/index.php Zum Inhaltsverzeichnis aller bisher erschienenen Gazetten zur neuen Musik. |
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