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Gazette: Neue Musik in NRW - Ausgabe Oktober 2007 |
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Dann senden Sie bitte eine mail an redaktion-nrw@kulturserver.de mit dem Betreff: Neue Musik oder tragen Sie sich hier ein: http://lists.kulturserver-nrw.de/cgi-bin/mailman/listinfo/neue-musik Düsseldorf, 25.09.2007, 19:56, von Petra Hedler, homepage, , Rubrik: Alle
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| Gewesen: ungewöhnliche Begegnungen bei Beethovenfest, Ruhrtriennale und Altstadtherbst
Gewesen und angekündigt: Boulez und Voilà la France in der Essener Philharmonie Angekündigt: notabu – Bayle-Symposium – WDR – Kunsthalle Düsseldorf etc. [Freax in Bonn] Die Bonner Oper hatte sich zusammen mit dem Beethovenfest einen besonderen Coup ausgedacht und Christoph Schlingensief mit der Inszenierung der neuen Oper Freax von Moritz Eggert beauftragt. Mit Schlingensief als Mann fürs Grobe und Skandalöse und Eggert als Mann fürs Seichte glaubte man sich offenbar auf der sicheren Seite. Doch Schlingensief machte einen Strich durch die Rechnung, indem er die Reißleine zog und die Inszenierung verweigerte. Zu dieser Entscheidung kann man ihm nur gratulieren. Grundlage des von Hannah Dübgen zu verantwortenden Librettos ist Tod Browings Film Freaks, der von einer Liebestragödie im Schaustellermilieu handelt und seinerzeit (1932) durch die Mitwirkung richtiger Freaks, also missgebildeter Menschen, für Skandal und Furore sorgte. Dübgen macht daraus eine Horrorschmonzette auf Seifenoperniveau, zu der Eggerts Musik kongenial passt. Mit seinem Gemischtwarenladen, der von der Operettenschnulze bis zum lärmenden Humtata reicht, kleistert er jeden noch so kleinen Riss im Gefüge schonungslos zu, kein Effekt ist ihm zu plakativ, kein Zitat zu billig, kein Pathos zu klebrig. Aber schlimmer noch als Libretto und Musik ist die Tatsache, dass allen Programmheftbeschwörungen zum Trotz zu keinem Zeitpunkt spürbar wird, was das Thema – Ausgrenzung, Gewalt - mit Eggert, Dübgen oder mit uns zu tun hat. Die Story wird aalglatt abgespult, von keinem Hauch der Reflektion angekränkelt. In der hier gebotenen Form lässt sie völlig kalt. Dass Schlingensief da nicht mitgehen konnte, muss sehr schnell klar gewesen sein. In dem vergeblichen Versuch, zu retten was zu retten ist, entschloss man sich, die Oper konzertant aufzuführen. Für ein bisschen Optik sorgten Kostüme im Schlemmer-Stil und ein Bühnenbild, dessen gähnende Leere das Debakel nur noch offensichtlicher machte. Die halbstündige Pause durfte Schlingensief für einen ‚installativen und filmischen Diskurs’ nutzen. Hinter einem durchsichtigen Vorhang spielte sich live ein lustvolles Bankett ab, an dem auch jene Freaks teilnahmen, die man auf der Opernbühne offenbar nicht sehen wollte. Erinnerungen an das Abendmahl der Outcasts in Buñuels Viridiana stiegen auf. Aber jetzt waren wir, die Zuschauer, ausgeschlossen – dieses Gefühl des Draußenstehens, das Gefühl, auf der falschen Seite zu stehen, war der berührendste und bedrückendste Moment des ganzen Abends. Er machte den Abgrund, der zwischen den üblichen Eventhaschereien und dem, was möglich wäre, wenn wir uns nur trauten, mit einem Schlag deutlich. Über den Vorhang flimmerte ein Film, der Ausschnitte aus der anfänglichen Probenarbeit zeigt und in einer Kreuzigungsszene gipfelt, bei der ein Krüppel zum Stellvertreter Christi wird. Sich danach dem zweiten Akt auszusetzen, war wahrhaftig eine Strafe, der ich mich aus unerfindlichen Gründen unterzogen habe. Einige der von Schlingensief eingeblendeten Texte passten genau auf das im Opernsaal Gebotene. ‚Takten nach Noten ist wie Malen nach Zahlen’ war noch die harmloseste Variante. Natürlich ist in Bonn nicht die Unmöglichkeit heutiger Oper verhandelt worden, wie von Eggert im Programmheft in völliger Selbstüberschätzung postuliert, sondern die Unmöglichkeit seines Machwerks, das eben deshalb keinen Endpunkt sondern höchstens einen Tiefpunkt der Operngeschichte darstellt. Man darf auch nicht hoffen, dass für ihn das ‚Scheitern zur Chance’ wird, da Leute wie er gegen jegliches Scheitern von vorneherein immunisiert sind. Den Preis, den sie dafür zahlen – und wir mit ihnen –, ist der Verzicht auf Lebendigkeit, Intensität, auf Kunst und letztlich auch auf Schönheit. Denn: There is no beauty without the wound. www.theater-bonn.de/neu_popup.php?stuecke_id=430 www.schlingensief.com/ [Marthaler trifft Scelsi bei der Ruhrtriennale] Zu einem ebenfalls ungewöhnlichen Zusammentreffen kam es wenige Tage später bei der Ruhrtriennale – diesmal zum Glück mit günstigem Ausgang. Der Regisseur Christoph Marthaler hatte den Auftrag erhalten, sich mit Giacinto Scelsis Musik auseinanderzusetzen. Das Ergebnis kam nach seiner Premiere im Rahmen eines Scelsi-Schwerpunkts der Salzburger Festspiele nun in die Maschinenhalle nach Gladbeck. Scelsi sind schon viele Rollen angedichtet worden – vom Scharlatan bis zum Guru. Insbesondere seine ungewöhnliche Kompositionsmethode, bei der er von ihm selbst improvisierte Musik anschließend von Mitarbeitern transkribieren ließ, hat die Gemüter bewegt. Trotz der Anspielung im Titel Sauser aus Italien. Eine Urheberei nimmt Marthaler darauf jedoch keinen Bezug, sondern geht völlig eigene Wege. In einem muffigen Sechziger-Jahre-Ambiente lässt er namenlose Personen, Gäste einer italienischen Pension, aufeinander treffen. Sie ergehen sich in scheinbar sinnlosen Handlungen, hängen Wäsche auf, frühstücken und manchmal verhalten sie sich auch zur Musik. Das reicht von einer kleinen Handbewegung über mimisches Ballett und Gesellschaftstanz bis zur Ekstase. Auch der Humor kommt nicht zu kurz. Wer hier nach eindeutigem Sinn sucht, geht hoffnungslos verloren. Das Programmheft legt weitere Fährten, die nirgendwohin führen und sich manchmal doch ganz unvermutet berühren. In diesem Spiel mit dem Geheimnisvollen begegnen sich die auf den ersten Blick unvereinbaren Welten Marthalers und Scelsis. Passionierte Nussknacker werden, obwohl sie einiges an Nahrung erhalten, letztlich auf der Strecke bleiben, aber wer sich einlässt auf das Seltsame, fremdartig Vertraute, der erhält Zutritt zu einer Welt der Poesie, in der sich die Parallelen dann doch berühren. Scelsi-Puristen werden mit Recht einwenden, dass man seiner Musik dabei nicht immer gerecht werden kann. Aber in diesem Fall heiligt das Ziel die Mittel, denn es entsteht ein berührender Abend, der zu keinem Zeitpunkt langweilig ist. www.ruhrtriennale.de [Barock trifft Modern beim Altstadtherbst] Zu guter Letzt gibt es noch von einer dritten Begegnung der ungewöhnlichen Art zu berichten. Barockoper trifft Elektronik heißt es im Untertitel von Eurydike hinter den Grenzen. Das beim Düsseldorfer Altstadtherbst aufgeführte Projekt wurde in enger Zusammenarbeit des auf frühe Oper spezialisierten Barockensembles pazzaCaglia mit dem Performance-Ensemble Liquid Penguin entwickelt. Ausgangspunkt war die L’Orfeo-Vertonung des Frühbarock-Komponisten Luigi Rossi, doch in der Bearbeitung, die auf die Bretter des Düsseldorfer Schauspielhauses kam, wird der Orpheus-Mythos gründlich gegen den Strich gebürstet. Nicht Eurydike bleibt zurück sondern Orpheus und zwar in der Oper, während Eurydike sich hinaus ins Leben wagt. Nicht weil er sie verloren hat, versinkt er in Trauer und Gesang, sondern er verliert sie, weil er seiner selbstbezüglichen Welt verhaftet bleibt. Eurydikes Spur ist es denn auch, die im weiteren Verlauf über die Generationen hinweg verfolgt wird. Bei ihrem Versuch die Welt zu ordnen und sich in ihr einzurichten, begleiten wir sie durch aller Herren Länder. Der rote Faden ihrer Irrfahrten ist die Abwesenheit oder das rasche Verschwinden der Männer. Bei der optischen Umsetzung kommen einfache aber wirkungsvolle Mittel zum Einsatz. Auf der Bühne zeichnen mosaikartig zusammengefügte Bildtafeln den Weg nach. Auf einer Miniaturbühne im Hintergrund geschehen geheimnisvolle Dinge, die auf eine Leinwand projiziert eine phantasievolle und anspielungsreiche Live-Collage ergeben. Musikalisch dominiert Rossis Barockmusik, insbesondere in Gestalt der beiden Gesangsprotagonisten Ralf Peter (Sopran) und Claudia Kemmerer (Mezzosopran). Zwischengeschaltet sind Neukompositionen von Stefan Scheib, die vom brachialen Soundtrack über jazzige Passagen bis zu diffizilen Klanglandschaften reichen. Vielfalt ist hier offenbar im Kontrast zur einheitlichen und eingängigen Musiksprache des Barock Programm, sie führt jedoch dazu, dass die Neukompositionen manchmal zum musikalischen Füllsel werden und zu selten eigenständiges Gewicht bekommen. Dadurch verliert der Abend zum Schluss an Spannkraft, doch zurück bleibt die Erinnerung an eine phantasievolle Reise durch Raum und Zeit. www.altstadtherbst.de [Boulez in der Essener Philharmonie] Die Essener Philharmonie hat die laufende Saison unter das Motto Voilà la France gestellt, was uns zum Auftakt einen Besuch von Pierre Boulez bescherte. Vor dem Konzert war er im Gespräch mit Bernhard Wambach zu erleben, wobei sich Wambach nicht sehr anstrengen musste. Boulez sprudelte nur so über und pries die positiven Veränderungen, die es seit den Nachkriegsanfängen insbesondere bei den Instrumentalisten zu verzeichnen gibt. Werke, die man damals nach 49 Proben nur mit Mühe meisterte, sitzen heute nach nur 1 ½ Proben perfekt. Zu hören gab es im anschließenden Konzert mit der Lucerne Festival Academy das berühmte Frühwerk Le Marteau sans Maître sowie das hochvirtuose Sur incises (1996/98) für drei Klaviere, drei Harfen und Schlagzeug. Im Oktober ist Pierre Boulez erneut in der Essener Philharmonie zu erleben. Am 2.10. präsentiert er mit dem Ensemble Modern Orchestra Werke von Edgar Varèse, Mark André, Enno Poppe, Matthias Pintscher sowie von ihm selbst. Im Konzert der musikFabrik am 25.10. erklingt ebenfalls Musik von Boulez. Auch der diesjährige In-Residence-Komponist Pascal Dusapin kommt aus Frankreich. Werke von ihm sind am 3. und 26.10. zu hören. Einige neue Töne erklingen auch bei der Essener Chorwanderung, die am 21.10. von der Philharmonie über die Kreuzeskirche bis zur Erlöserkirche führt und u. a. Werke von Gerhard Stäbler (UA) und Juan Allende-Blin vorstellt. À Trois von Allende-Blin, ein Kompositionsauftrag der Kunststiftung NRW, erlebt seine Uraufführung bereits am 19.10. in der Wuppertaler Immanuelskirche. www.philharmonie-essen.de www.immanuelskirche.de Das Düsseldorfer notabu-ensemble gastiert am 14.10 im Kulturbahnhof Eller. Auf dem Programm steht u. a. Musik von Günther Becker, der im Januar dieses Jahres im Alter von 82 Jahren verstorben ist. Dem ehemaligen Professor der Robert-Schumann-Hochschule war bereits im September ein Portraitkonzert gewidmet worden. Am 24.10. schließt sich ein Peter-Maxwell-Davies-Portrait in der Tonhalle an. www.notabu-ensemble.de/ www.tonhalle-duesseldorf.de/ www.kultur-bahnhof-eller.de/ Das musikwissenschaftliche Institut der Uni Köln richtet vom 9. bis 12.10. ein Symposium zu Francois Bayle und seiner Klangwelt der akusmatischen Musik aus. Den musikalischen Höhepunkt der Veranstaltung bilden vier Portraitkonzerte. www.uni-koeln.de/phil-fak/muwi/events/bayle2007.html Einen Workshop mit Frederik Rzewski veranstaltet die Kölner Gesellschaft für Neue Musik am 13.10. im Loft. In der Kunst-Station Sankt Peter findet vom 31.10. bis zum 11.11. Orgel-Mixturen 2007, das 3. internationale Festival für zeitgenössische Orgelmusik, statt. Weitere Kölner Termine finden sich wie üblich auf der Seite der KGNM. www.loftkoeln.de/ www.sankt-peter-koeln.de www.kgnm.de/Seiten/aktuell_Folder.html Die Schola Heidelberg und das ensemble aisthesis sind am 6.10. mit Werken von Stockhausen, Vivier, Grisey sowie einem neuen Werk von Friedrich Jaecker beim WDR zu Gast. www.wdr3.de www.klanghd.de/Klangforum.html Ihren 40. Geburtstag feiert die Düsseldorfer Kunsthalle am 6. und 7.10. mit einem Festival zu Kunst und Musik aus Düsseldorf. Auch wenn die Landeshauptstadt nie eine Hochburg der neuen Musik war, so hat die Nähe zur bildenden Kunst doch einige interessante Blüten hervorgebracht. Fluxus, Punk, Elektronik sind nur einige Stichworte. www.kunsthalle-duesseldorf.de/d/ausstellung/vorschau/index.html Zum Inhaltsverzeichnis aller bisher erschienenen Gazetten zur neuen Musik. |
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