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Gazette Neue Musik in NRW - Ausgabe Februar 2008 |
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Dann senden Sie bitte eine mail an redaktion-nrw@kulturserver.de mit dem Betreff: Neue Musik oder tragen Sie sich hier ein: http://lists.kulturserver-nrw.de/cgi-bin/mailman/listinfo/neue-musik Düsseldorf, 31.01.2008, 13:51, von Petra Hedler, homepage, , Rubrik: Alle
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Gewesen: Agon Orchestra beim WDR – Mücken und Elefanten in Bonn Ausschreibung: Deutscher Klangkunst-Preis in Marl Ausstellung: Das verdächtige Saxophon – „Entartete Musik“ im NS-Staat Angekündigt: Klangzeitfestival in Münster – Holliger UA in Köln – Plural Ensemble beim WDR – Rotter an der Kölner Oper – Juan Allende-Blin in Essen etc. [Agon Orchestra beim WDR] Als das Agon Orchestra 1983/84 von Petr Kofroň, Martin Smolka und Miroslav Pudlák gegründet wurde, hatte avancierte Musik in der Tschechoslowakei noch einen schweren manchmal sogar gefährlichen Stand, zumal wenn sie sich nicht nur neu sondern auch kritisch zeigte. Inzwischen haben sich die Zeiten geändert, aber die Musiker haben ihre Wurzeln noch nicht vergessen, wie das Konzert in der Reihe ensembl[:E:]uropa am 19.1. beim WDR in Köln zeigte. Im Zentrum standen die Werke zweier Dichter, die zu Symbolfiguren des tschechischen Untergrunds wurden und dafür einen hohen Preis zahlten. Ivan Martin Jirous, der sich Magor nennt, war achteinhalb Jahre als politischer Gefangener in Haft und Pavel Zajìček entzog sich der Verfolgung von 1980-1989 durch Emigration. Alle Stücke des Abends setzten sich mit Texten der beiden auseinander und ihre Anwesenheit und Mitwirkung gab den Interpretationen die erforderliche Authentizität. Die Kompositionen stammten allerdings aus den Federn oder Computern einer nachwachsenden Generation. Von der alten Gründungsriege war lediglich Petr Kofroň beteiligt. Michal Nejtek, Marko Ivanović, Ivan Acher und Petr Wajsar wurden zwischen 1973 und 1978 geboren und sind in eine Zeit hineingewachsen, in der künstlerisch alles verfügbar und verwertbar geworden ist. Entsprechend vielfältig sind ihre Bezugspunkte. Aus den Biographien lässt sich die Nähe zu Film, Theater und Tanz herauslesen und die musikalischen Wurzeln liegen mehr im Bereich Rock und Minimal Music als im Bereich ausgefeilter Neuer Musik. Das wirkt noch am stimmigsten, wenn wie in Petr Wajsars Hrůzy (Grauen) ein penetranter, stampfender Rockrhythmus mit schräg-schrillen aufgesetzten Figuren im Einklang mit Zajìček rauer Sprechstimme die aggressive Botschaft seiner Texte untermauert. Manchmal wird allerdings sehr dick aufgetragen und das Ganze droht ins Pathetische umzukippen oder die Stimme wird wie in Kofroňs Magor mit mechanistisch ins Leere laufenden Kaskaden zugekleistert. www.wdr.de www.agon-orchestra.cz/ [Mücken und Elefanten in Bonn] Mit dem Fonds Experimentelles Musiktheater möchte das NRW Kultursekretariat das Experiment in die Opernhäuser holen und in besonderer Weise die Zusammenarbeit von Komponist, Autor und Regisseur bereist im Entstehungsprozess einer neuen Produktion fördern. Nach einem Pilotprojekt in Hagen 2006 folgte 2007 die Uraufführung von Der Sonne entgegen am Gelsenkirchener Musiktheater im Revier (s. Gazette NM Juni 2007). Der aktuelle Kooperationspartner, das Theater Bonn, hat mit seiner Reihe bonn chance! bereits einige Erfahrungen mit neuem Musiktheater. Aber wie überall ist der Finanz- und Legitimationsdruck groß und das Debakel mit der geplatzten Schlingensiefinszenierung (s. Gazette Oktober 2007) hat die Sache nicht leichter gemacht. Unterstützung von außen und frischer Wind können da nicht schaden. Am 23.1.2008 hatte das neue Projekt mit dem Titel Von Mücken, Elefanten und der Macht in den Händen in der Kunst- und Ausstellungshalle in Bonn Premiere. Konzept und Regie lagen in den Händen von Melanie Mohren und Bernhard Herbordt, die bereits mehrfach zusammengearbeitet haben (u. a. für das Staatstheater Stuttgart). Für die Musik zeichnete Hannes Galette Seidl verantwortlich, der bei N. A. Huber und Beat Furrer studierte. Bereits beim Betreten des Zuschauerraums wird das Publikum von der Schauspielerin Katharina Zoffmann empfangen und mit einem Schwall von Erläuterungen, Hinweisen und Kommentaren geradezu überrumpelt. Sie legt Fährten aus und verwischt sie wieder, macht aufmerksam und lenkt ab und endet schließlich mit der Aufforderung, man solle alles, was sie gesagt habe, sofort wieder vergessen – was natürlich weder gewollt noch möglich ist. Dieser Auftakt ist Programm. Inszeniert wird ein Spiel um Macht und ihren Verlust. Dabei geht es weniger um die reale Macht über Menschen, Länder und Material sondern um die diese erst ermöglichenden „unbarmherzigen Verteilungskämpfe um die Grenzen von Realität und Fiktion“ bzw. „zwischen einer Vorstellungswelt und der nächsten.“ In den folgenden sechzig Minuten begegnen uns mehr oder minder bekannte Figuren, die jeweils auf ihre Weise an diesen Fronten gekämpft haben. Es treten auf: Daniel Paul Schreber, Sohn des Erfinders der Schrebergärten und aufgrund seiner fantastischen Wahnvorstellungen begehrtes Objekt diverser Deutungsbemühungen, der amerikanische Senator D’Amato, der mit einer 15 Stunden und 14 Minuten währenden Dauerrede die Geschichte aufhalten wollte und dadurch in sie eingegangen ist, Neill Armstrong, von dem man plötzlich nicht mehr weiß, ob er wirklich den Mond oder nur unsere Phantasie okkupiert hat, Werner Heisenberg, dessen Unschärfetheorie hier keinesfalls fehlen darf, und natürlich Prospero, der Herrscher über Stürme und Träume, der selbst nur ein Phantasieprodukt ist. „….we are such stuff as dreams are made on…“ Dem Kampf um Deutungshoheiten wird ein Labyrinth an Deutungsmöglichkeiten entgegengesetzt, aber statt eines Sturms wird letztlich nur laue Luft erzeugt. Die Darsteller agieren in reduzierten Kulissen, bauen Türme aus Pappkartons und laufen letztlich ins Leere. Was Prospero zu hören bekommt, möchte man auch dem Stück zurufen: Du bist nur eine Idee (und kein Musiktheater)! Es bleibt bei einem intellektuellen Spiel, das durchaus intelligent gemacht ist, so zum Beispiel wenn sich verschiedene Koinzidenzen zwischen Gesagtem, Hörbarem und Sichtbarem ergeben. Aber leider springt kein Funke über die Rampe. Das Gesehene und Gehörte bleibt im Kopf hängen und geht nicht unter die Haut. Daran ändert auch Seidls Musik nichts. Sie wirkt wie ein Fremdkörper, obwohl die Instrumentalisten ins Bühnengeschehen integriert werden. Weder nimmt sie Kontakt zum Geschehen auf, noch ist sie in der Lage, ihre durchaus vorhandenen eigenständigen Qualitäten zu entfalten. Auch die aus dem Nichts gezauberte Schlussarie kann weder verführen noch versöhnen. Calibans Vision wurde leider nicht wahr, auch wenn der eine oder andere vielleicht phasenweise weggedämmert ist. Be not afeard. The isle is full of noises, Sounds, and sweet airs, that give delight and hurt not. Sometimes a thousand twangling instruments Will hum about mine ears, and sometime voices That, if I then had waked after long sleep Will make me sleep again; and then in dreaming The clouds methought would open and show riches Ready to drop upon me, that when I waked I cried to dream again. Das wär’s gewesen! Die aktuelle Ausschreibung für weitere Projekte des Fonds Experimentelles Musiktheater läuft übrigens noch bis zum 15.2.2008. Im April wird dann die Jury ihre Auswahl treffen. www.oper.bonn.de www.nrw-kultur.de/output/controller.aspx?cid=422 [Deutscher Klangkunst-Preis in Marl] Bereits zum vierten Mal wird in diesem Jahr der Deutsche Klangkunst-Preis verliehen, der gemeinsam vom Kulturradio WDR 3, von der Initiative Hören und vom Skulpturenmuseum Glaskasten Marl herausgegebenen wird. Einreichungen sind noch bis Ende März möglich. www.marl.de/skulpturenmuseum www.klangkunstpreis.de [Das verdächtige Saxophon – „Entartete Musik“ im NS-Staat] 1938 – ein Jahr nach der Münchner Ausstellung „Entartete Kunst“ – wurde in Düsseldorf im Rahmen der Reichsmusiktage die Propagandaschau „Entartete Musik“ eröffnet. Ob Schlager oder Operette, Jazz oder Atonales, alles was den Nazis irgendwie suspekt erschien wurde mit dem Verdikt der jüdischen Zersetzung belegt – mit entsprechenden Folgen für die Verfemten. Bereits 1988 entstand, initiiert vom damaligen Intendanten der Düsseldorfer Symphoniker Peter Girth und konzipiert von Albrecht Dümling, eine kommentierte Rekonstruktion dieser Ausstellung, die durch diverse Städte tourte und inzwischen auch in einer englischen und einer spanischen Version verfügbar ist. Zwanzig Jahre später hat Dümling nun eine Neufassung erarbeitet, in die eine Reihe neuer Erkenntnisse eingegangen ist. Die Nazischau war offenbar auch bei sonst durchaus loyal Gesinnten nicht unumstritten. Peter Raabe zum Beispiel, der 1935 Richard Strauss auf dem Posten des Präsidenten der Reichsmusikkammer gefolgt war, reagierte sogar mit einem Rücktrittsgesuch, das von Goebbels jedoch abgelehnt wurde. An den verheerenden Folgen für die deutsche Musikkultur sowie für die vielen unmittelbar betroffenen Menschen änderten derartige Gesten freilich wenig. Die Ausstellung ist vom 25.1. bis 10.3.2008 in der Rotunde der Düsseldorfer Tonhalle jeweils montags bis freitags von 15 – 18 Uhr bei freiem Eintritt zu besichtigen. Ergänzend sind ein Katalog und eine vier CDs umfassende Tondokumentation erschienen. www.tonhalle-duesseldorf.de/programm/entartet_tipp [Tipps für den Februar] Spannendes ist vom 2. bis zum 17.2. beim Klangzeitfestival in Münster zu entdecken. Am 3.2. spielt das Pellegrini Quartett Morton Feldmans legendäres 2. Streichquartett, das mit seinen vier bis fünf Stunden Spielzeit eines der längsten Kammermusikwerke aller Zeiten ist. In einem weiteren Langzeitkonzert stehen am 10.2. Werke der Wandelweiser-Gruppe auf dem Programm. Parallel zum Festival wird an den Städtischen Bühnen Münster Luciano Berios Oper Un re in ascolto inszeniert. www.gnm-muenster.de/ www5.stadt-muenster.de/theater/detail.cfm?id=Unreinascolto&v_link=spielzeit Am 1.2. stellen Studierende der Kompositionsklasse von Manfred Trojahn an der Robert Schumann Hochschule in Düsseldorf ihre Werke vor. www.rsh-duesseldorf.de Am 3.2. besteht die Möglichkeit im Duisburger Earport die koreanische Komponistin Sueyoun Hong in ihren Werken und im Gespräch kennen zu lernen. www.earport.de An der Musikhochschule Köln sind am 6.2. neue Improvisationen mit Studierenden der Klasse Paulo Alvares zu erleben. www.mhs-koeln.de Im Konzert der musikFabrik beim WDR am 8.2. stehen neben Uraufführungen von Isabel Mundry Werke von B. A. Zimmermann und Brian Ferneyhough auf dem Programm. Zwei Tage später am 10.2. spielt die musikFabrik im Rahmen des Bayer Kulturprogramms Werke von Rihm, Messiaen und Lachenmann ( Gran Torso). www.musikfabrik.org www.kultur.bayer.de In der WDR-Reihe ensembl[:E:]uropa ist am 9.2. das Madrider Plural Ensemble zu Gast. Neben Werken spanischer Komponisten bringt es eine Uraufführung von Noriko Kawakami zu Gehör. www.wdr.de Die Kölner Philharmonie verspricht am 15.2. ein unwiderstehliches Ereignis. Mit Live-Loops und Sampler-Effekten mischen Kimmo Pohjonen und seine Musiker gewöhnliche Klänge von Akkordeon und Streichquartett zu spektakulären, durch Lichteffekte verstärkten Klangbildern. Wer es auch ohne Effekte mag, kann sich am 29.2. die Uraufführung von Heinz Holligers 2. Streichquartett (für Elliott Carter) angehören. Im Rahmen des Finnland-Schwerpunkts steht außerdem am 25.2. Arena für Orchester von Magnus Lindberg auf dem Programm. www.koelner-philharmonie.de Dem 80. Geburtstag von Juan Allende-Blin widmet die Essener Philharmonie am 6.2. ein Konzert, in dem neben Werken des Geburtstagskindes Musik von Webern, Karel Goeyvaerts und Klaus Linder zu hören ist. www.philharmonie-essen.de/ In der Düsseldorfer Tonhalle erklingt am 13.2 ein Konzert zur Ausstellung "Das verdächtige Saxophon - ,Entartete Musik' im NS-Staat“t. Am 19.2. findet eine erneute Begegnung der Düsseldorfer Symphoniker mit den Phoneheads statt und am 29.2. hält in der Reihe Tonfrequenz wieder elektronische Club-Musik Einzug in die heiligen Hallen. www.tonhalle-duesseldorf.de www.tonfrequenz.com Das notabu-Ensemble setzt am 15.2. in der Clara-Schumann-Musikschule Düsseldorf sein Günther Becker-Portrait fort, ergänzt durch eine Uraufführung von Oskar Gottlieb Blarr. www.notabu-ensemble.de/ Einen Ausflug in die zeitgenössische Musik Chiles kann man am 21.2. in der Alten Feuerwache Köln machen. Im Rahmen seiner ersten Europatournee ist das 2000 gegründete Ensemble Taller de música contemporánea zu Gast. www.altefeuerwachekoeln.de/programm-februar.htm Schließlich hat die Kölner Oper noch eine Uraufführung auf dem Programm. Am 23.2. hat Rotter Premiere. Aus dem gleichnamigen Theaterstück von Thomas Brasch haben Katharina Thalbach (die auch für die Inszenierung verantwortlich ist) und Christoph Schwandt einen Operntext entwickelt. Die Musik stammt von Torsten Rasch, der vor einigen Jahren mit seiner Adaption von Stücken der Band Rammstein für Schlagzeilen sorgte. Das Stück aus dem Jahre 1977 begleitet den Protagonisten Rotter über ein halbes Jahrhundert durch die Untiefen und Abgründe deutscher Geschichte. www.buehnenkoeln.de Zum Inhaltsverzeichnis aller bisher erschienenen Gazetten zur neuen Musik. |
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