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Gazette Neue Musik in NRW - Ausgabe Mai 2008 |
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Dann senden Sie bitte eine mail an redaktion-nrw@kulturserver.de mit dem Betreff: Neue Musik oder tragen Sie sich hier ein: http://lists.kulturserver-nrw.de/cgi-bin/mailman/listinfo/neue-musik Düsseldorf, 01.05.2008, 17:04, von Petra Hedler, homepage, , Rubrik: Alle
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Gewesen: Forum neuer Musik beim DLF – Wittener Tage für neue Kammermusik Angekündigt: Bergische Biennale – Inselfestival Hombroich u.a. [Forum neuer Musik beim Deutschlandfunk] In den letzten Jahren hat mich das jeweils im Frühling vom Deutschlandfunk ausgerichtete dreitägige Forum neuer Musik wenig überzeugt, manchmal sogar geärgert, so dass ich es schon fast aus meinem Terminkalender streichen wollte. Am Samstag, dem 5.4. war ich dann aber doch neugierig und zwar auf ein neues Werk von Samir Odeh-Tamimi. Odeh-Tamimi wurde 1970 als Palästinenser in Israel geboren und kam früh mit traditioneller arabischer Musik in Berührung, insbesondere durch seinen Großvater, der ihn mit dem Sufismus vertraut machte. 1992 zog es ihn nach Deutschland, wo er bis heute lebt. Einem Studium der Musikwissenschaft in Kiel, folgte ein Kompositionsstudium bei Younghi Pagh-Paan in Bremen. Inzwischen weist seine Vita eine lange Liste an Stipendien, Preisen und Kompositionsaufträgen auf, 2005 hatte er sein Debüt in Donaueschingen. In Köln kam ein längeres Werk für Stimme, Blockflöte, Posaune, Schlagwerk und Klavier zur Uraufführung, das von Gedichten Selma Meerbaum-Eisingers inspiriert ist. Die Dichterin wurde 1924 in der Bukowina geboren und starb 1942 nach ihrer Deportation durch die Nazis in einem Arbeitslager. Ihre Gedichte sind voll sanfter Schwermut und Sehnsucht, sie handeln von Verlust und Vergeblichkeit. In Challumót (hebräisch für Träume) möchte Odeh-Tamimi mit seiner Musik diesem behutsamen Tasten einen starken körperlichen Aspekt hinzufügen, „das Gefühl der Sehnsucht muss wie eine Gewalt im Körper stattfinden“. Dem entspricht ein oftmals dramatischer, zupackender Gestus, das Klavier ergeht sich in schweren Clustern, die auftrumpfende Posaune wetteifert mit der ängstlich-nervös vibrierenden Flöte. Aber dazwischen gibt es auch leise Töne. Insbesondere wenn die Stimme anhebt, sprechend oder in einem angestrengten Sprechgesang, treten die Instrumente zurück, so dass sie, manchmal nur von einer Rahmentrommel begleitet, ihre ganze Verletzlichkeit und Zerbrechlichkeit zeigen kann. Auf diese Weise gelingt es dem Komponisten, den Texten eine neue Ausdrucksnuance hinzuzufügen ohne sie zu überwältigen. Leider sank meine Stimmungskurve bereits am Sonntag wieder deutlich. Eingeladen war das kanadische Streichquartett Quatuor Bozzini, dem auch der deutsche Geiger Clemens Merkel angehört. Die vier waren an die beiden Québecer Künstler Joane Hétu und Jean Derome herangetreten mit der Idee, „etwas Politisches zu schreiben“. Hétu und Derome sind selbst Musiker (Saxophonisten) und Grenzgänger zwischen verschiedenen Szenen. Experimente mit Pop, Rock, Jazz und Volksmusik sind ihnen vertraut, die Arbeit mit einem klassischen Streichquartett jedoch ist Neuland für sie. Grenzüberschreitungen dieser Art sind inzwischen keine Seltenheit mehr und manchmal gelingen sie auch. Allzu oft ist das Ergebnis aber weder Fisch noch Fleisch und die unterschiedlichen Ansätze paralysieren sich gegenseitig – so auch hier. Das Projekt, das unter dem Titel La mensonge et l’identité (Die Lüge und die Identität) firmiert, überzeugt weder musikalisch noch konzeptuell. Die Musik klingt altbacken und uninspiriert – sowohl die Avanciertheit der neuen Musik als auch die Spontaneität und Dynamik von Jazz und Rock sind auf der Strecke geblieben. Um den politischen Anspruch einzulösen, werden Zitate, Statistiken und Selbstaussagen in vier Sprachen teils von den Instrumentalisten live gesprochen, teils vom Band eingespielt. Irgendwann beginnen die Musiker durch den Raum zu wandern. Derartige Standortwechsel sind ebenfalls vielfältig erprobt und lassen sich in alle Richtungen interpretieren. Hier bringen sie jedoch nur Orientierungslosigkeit und Beliebigkeit zum Ausdruck. Das könnte man natürlich als politischen Kommentar verstehen, was aber wohl kaum so gemeint war. Gestreckt auf über eine Stunde Spielzeit verbreitet sich nur Langeweile. www.dradio.de [Wittener Tage für neue Kammermusik] Bereits zum 40. Mal traf sich vom 25. bis 27.4. die Neue-Musik-Szene in Witten, der kleinen Stadt am Rande des Ruhrgebietes. Anhand einer kleinen Ausstellung im Märkischen Museum konnte man die Zeit Revue passieren lassen und in Erinnerungen schwelgen. Neu für mich war, dass es bereits in den 30er und 40er Jahren einen Vorläufer gab. Robert Ruthenfranz hat sich in finsteren Zeiten in Witten für zeitgenössische Musik eingesetzt. Nach dem Krieg kam es ebenfalls aufgrund seiner Initiative zu einer Wiederbelebung, die dann 1969 in Kooperation mit dem WDR zur Gründung der heute bekannten Wittener Tage für neue Kammermusik führte. Der 40. Jahrgang brachte ein besonders volles Programm, das kaum zu bewältigen war. Neben den normalen Konzerten gab es wie in den Vorjahren Performances im Haus Witten, die unter dem Motto Mund-Stücke Vokal- und Instrumentalsolisten auf die Bühne brachten (am meisten hat mir Dorothee Oberlinger mit ihren Blockflöten imponiert). Vorab fanden eine Podiumsdiskussion und ein Symposion in den Räumen der Universität Witten/Herdecke statt, das Labor Witten bot dem Nachwuchs die Möglichkeit, einen Blick hinter die Kulissen zu werfen und Klanginstallationen belebten die Zeche Nachtigall. Einer der Höhepunkte des Konzertprogramms war für mich die Begegnung mit Rebecca Saunders. Für die 1967 in London geborene und heute in Berlin lebende Rihm-Schülerin ist die Körperlichkeit der Musikerfahrung von besonderer Bedeutung. Vor allem in ihren raumbezogenen Werken arbeitet sie mit ausdrucksvollen Klanggesten, die sie – dem jeweiligen Raum angepasst – präzise überlagert und collagiert. Zu erleben war dies bei der Aufführung von Chroma, das nach seiner erstmaligen Darbietung in der Tate Modern 2003 nun in erweiterter Form die Räume des Märkischen Museums beseelte. An verschiedenen Orten erklingen kammermusikalische Miniaturen, deren Ausdruckspalette vom kraftvollen Klavier- und Schlagzeugeinsatz bis zum geheinmissvollen, untergründigen Sirren von 105 Spieluhren reicht. Es entsteht ein vielschichtiges Geflecht, das sich der Hörer selbst erwandert. In dem komplexen Wechselspiel von Nähe und Ferne muss er seine Ohren immer wieder neu fokussieren. Gleichwohl folgt das Geschehen einer klaren Dramaturgie und verliert sich nie in der Beliebigkeit des Flanierens. In ihrem Werk Company bleiben die Zuhörer an ihrem Platz, während die Musiker über den Raum verteilt sind. Die anfangs behutsamen Klänge wandern durch den Raum, kreuzen und begegnen sich, verdichten und vereinzeln sich. In den intensivsten Momenten entsteht der Eindruck, als würde die Musik – wie von einem schwarzen Loch angezogen – in einem Punkt zusammenstürzen. Es entsteht eine Atmosphäre, die gleichzeitig von Härte und Zerbrechlichkeit geprägt ist. Dies ist es auch, was Saunders an Beckett fasziniert, dessen Sprache das Stück inspiriert hat. Beeindruckt und berührt haben mich die durch ein Projekt der Schola Heidelberg angeregten Vertonungen von Texten der Prinzhorn-Sammlung. Auf sehr unterschiedliche Weise haben Johannes Kalitzke, Nigel Osborne und Jay Schwartz sich den Schriften der psychiatrischen Patienten genähert, die oftmals von dem Bemühen geprägt sind „ dem eigenen inneren Chaos eine Ordnung abzuringen…mit Worten, die keinen gewohnten Halt mehr bieten.“ Kalitzke konfrontiert in -inn Stufender sonderung ein Akkordeon mit vier Männerstimmen, die mit ihren oft nur hinter vorgehaltener Hand gebildeten, wechselweise klagenden, drohenden, erstickenden, aufbegehrenden, gehetzten, letztlich aber immer wieder in sich zurücksinkenden Tönen Vergeblichkeit, Isolation und Fremdheit zum Ausdruck bringen. Dies wird noch verstärkt durch die Einbettung klanglicher Fremdkörper, die vom Geräusch obsessiver Schreibgesten bis zu Walzeranklängen reichen. Ausgangspunkt von Schwartz’ Music for Six Voices III sind die Briefe der Emma Hauck, die oftmals auf ein sich manisch wiederholendes sehnsuchtvolles „Herzensschatzi komm“ reduziert sind. Bei Schwartz bleibt davon nur noch der Vokal ‚o’. Aus einem vibrierenden anonymen Pfeifchor, lösen sich individuelle Gesangsstimmen, als wollten sie ausbrechen. Sie schwellen an, sehnsuchtsvoll, bedrängend, fallen resignativ in sich zurück, halten auf einer Bassstimme inne, um den Prozess von hieraus umzukehren. Die Musik löst sich auf in hohen Pfeiftönen – wie aufsteigender Rauch, der sich im Nichts verliert. In Osbornes Naturtöne/Abschied wird eine klassisch-sangliche Ebene unterspült und überwuchert von geheimnisvollem Wispern und Sprechen. Die trügerische Ruhe und Harmonie des Schlusses wird konterkariert von einer kaum hörbaren, geflüsterten „Erklärung über Erduntergang“ von Oskar Herzberg. Ein weiteres Highlight war das Konzert mit dem Arditti-Quartett. Die Werke der alten Meister Ferneyhough und Birtwistle brachten zwar keine Überraschungen, aber besonders an Ferneyhoughs energievoller und vielschichtiger Musik kann man sich kaum satt hören. Immer wieder bemerkenswert ist für mich die Musik von Mark Andre, dessen neues Ensemblestück …..es….. vom Klangforum Wien uraufgeführt wurde. Kurze knackige Einwürfe, die sich über einem kaum wahrnehmbaren Grundrauschen erheben, metallisch-scharfkantige Klänge, dramatische Verdichtungen, auslaufend in diffusem tonlosem Klopfen, Streichen, Reiben, das den Hörer irritiert zurücklässt. Andres Musik bleibt sperrig, unmittelbar und unnahbar zugleich. www.wittenertage.de [Termine im Mai] Bereits zum 7. Mal richtet die Bergische Gesellschaft für Neue Musik vom 9.5. bis 8.6. die Bergische Biennale für Neue Musik aus. Unter dem Motto 1908-2008: 100 Jahre später, 100 Jahre weiter? wird ein Blick zurück geworfen und versucht, Querverbindungen innerhalb eines Jahrhunderts aufzuzeigen. Zum Beispiel werden Streichquartette von Webern, Tan Dun, Rihm, Bartók, Kurtág und Cage einander gegenübergestellt. Durch Seminare, Diskussionen und die Beteiligung junger Musiker aus der Region soll außerdem der Kontakt zur Basis gestärkt werden. www.bergische-biennale.de/ Ein vielfältiges Programm präsentiert vom 1. bis 4.5. sowie vom 9. bis 12.5. das 12. Inselfestival auf der Museumsinsel Hombroich, diesmal ergänzt durch ein zweitägiges Symposion Unter anderem werden das Arditti Quartet, das Ensemble Recherche und das Ensemble Intercontemporain erwartet. http://www.inselhombroich.de/aktuell.htm www.inselhombroich.de Vom 15.5. bis zum 26.7. findet das Klavier-Festival-Ruhr statt – bereits zum 20. Mal! Wie üblich ist Jürgen Hocker mit seinen mechanischen Klavieren mit von der Partie. Er ist am 17.5. im Duisburger Wilhelm Lehmbruck Museum zu Gast. In Witten wird am 22.5. Karlheinz Stockhausens gedacht und am 31.5. gratuliert man in Düsseldorf Elliott Carter zum 100. Geburtstag. www.klavierfestival.de Im Rahmen des Düsseldorfer Schumannfestes findet am 17.5. eine musikalische Nachtwanderung statt, die mit Georg Friedrich Haas’ 3. Streichquartett und neuer Klaviermusik von Manfred Trojahn. Mauricio Sotelo und Charlotte Seither bekannt macht. www.schumannfest-duesseldorf.de In der Kölner Philharmonie ist am 3.5. neben Werken von Castiglioni, Kurtág und Donatoni eine Uraufführung von Georg Friedrich Haas zu erleben. Am 18.5. steht Matthias Pintscher Musiktheater L'Espace dernier (2002-03) auf dem Programm. Das Stück, das am Vortag an der Frankfurter Oper seine deutsche Erstaufführung erlebt, befasst sich mit Leben und Werk von Arthur Rimbaud. www.koelner-philharmonie.de Musik des In-Residence-Künstlers Pascal Dusapin erklingt in der Essener Philharmonie am 10., 20. und 23.5. Am 31.5. ist das Ensemble Intercontemporain mit Werken von Mantovani, Schönberg und Boulez zu Gast. In der Reihe YOUrope together stellt am 29.5. das Trio Triost Estland vor. www.philharmonie-essen.de Beim ihrem 24. WDR-Konzert präsentiert die musikFabrik am 25.5 ein italienisches Programm. Im Mittelpunkt steht Luca Francesconi, der eine Uraufführung beisteuert. Beim Moers Festival ist die musikFabrik diesmal ebenfalls mit dabei. Am 9.5. spielt sie Yannis Kyriakides The Queen is the Supreme Power in the Realm für Ensemble und Live-Elektronik. Auch sonst lohnt sich ein Blick auf das Moerser Programm, neben vielen anderen wird Cecil Taylor erwartet. www.musikfabrik.org www.moers-festival.de Im Düsseldorfer Kunstraum treffen am 3.5. Klavierwerke von Schubert und Eva-Maria Houben aufeinander. www.wandelweiser.de/klangraum.html An der Musikhochschule Köln hat bereits im April eine Ringvorlesung über Neue Musik seit 1950 begonnen. Wechselnde Referenten widmen sich jeweils dienstags verschiedenen Aspekten des Themas. Außerdem gibt es am 7.5. ein Abschiedskonzert für Prof. Krzysztof Meyer. Am 14.5. stellen sich die Kompositionsklassen vor, am 5.5. dreht sich alles um Scelsi und am 21.5. erklingen neue Improvisationen mit Studierenden der Klasse Paulo Alvares. www.mhs-koeln.de/ ON – Neue Musik Köln formiert sich! Die vom Netzwerk Neue Musik, einem Förderprojekt des Bundes, unterstützte Initiative vereinigt über 30 lokale Partner und hat sich die Vermittlung der Neuen Musik im Kölner Raum auf die Fahne geschrieben. Im Konzertbereich gibt es bereits erste Vorboten der vielfältigen geplanten Aktivitäten: In der Alten Feuerwache spielt das Ensemble Flautando Köln am 4.5. alte und zeitgenössische Musik. Die Initiative ZAM lässt am 26.5. im Stadtgarten diverse Turntabelmusiker aufeinander treffen. http://on-cologne.de www.z-a-m.eu/ Zum Inhaltsverzeichnis aller bisher erschienenen Gazetten zur neuen Musik. |
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