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Gazette Neue Musik in NRW - Ausgabe Juni/Juli 2008 |
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Dann senden Sie bitte eine mail an redaktion-nrw@kulturserver.de mit dem Betreff: Neue Musik oder tragen Sie sich hier ein: http://lists.kulturserver-nrw.de/cgi-bin/mailman/listinfo/neue-musik Düsseldorf, 26.05.2008, 15:17, von Petra Hedler, homepage, , Rubrik: Alle
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| Gewesen: 12. Inselfestival in Hombroich mit Symposium
Angekündigt: Raumklänge Puhlheim – Musiktheater Bielefeld – Festival Klangkörper – Romanischer Sommer Köln – Klavierfestival Ruhr – Stockhausen-Kurse Kürten u.a. [12. Inselfestival in Hombroich mit Symposion] Gibt es, wie von Isabel Mundry vermutet, „eine neue Sehnsucht, über Musik zu reden“? Man könnte es fast glauben, denn zurzeit kommt kaum ein Festival ohne entsprechende Begleitveranstaltung aus. Die Wittener Tage für neue Kammermusik wurden von einer Podiumsdiskussion sowie einem Symposion zum Thema ‚Musik – Raum – Resonanz“ flankiert. Jetzt verhandelte man am 2. und 3.5. parallel zum 12. Inselfestival in Hombroich unter dem Motto Vorzeitbelebungen Vergangenheits- und Gegenwarts-Reflexionen in der Musik heute. Es ging mal wieder um die Frage ‚Wie hältst du’s mit der Tradition?’. Spannend daran war, dass bei dem von Jörn Peter Hiekel geleiteten Symposium nicht Musikwissenschaftler das Feld beherrschten, sondern Komponisten über ihr Selbstverständnis referierten. Da Musik der Beteiligten Teil des Konzertprogramm war, entstand außerdem ein unmittelbarer Bezug zur Praxis. Schon immer war der Traditionsbezug der Musik, die sich mit dem Beiwort ‚neu’ schmückt, ein vieldiskutiertes und zum Teil hart umkämpftes Thema. So sehr man sich auch bemühte, das Gewesene hinter sich zu lassen, letztlich gilt, was Mundry treffend auf den Punkt brachte: „Das leere Blatt ist voll“. Auch und gerade die Negation des Bestehenden nimmt Bezug darauf. Doch der Umgang mit Tradition hat sich offensichtlich geändert. An die Stelle harter Polemik (wie sie zum Beispiel einst Henze und Lachenmann austrugen) ist zunehmende Gelassenheit getreten. Aber auch die Unbekümmertheit der so genannten Postmoderne (ein Begriff, der den Referenten offenbar nach wie vor Unbehagen bereitet) ist Schnee von Gestern. Isabel Mundry setzt stattdessen auf die individuelle Perspektive. Jeder einzelne ist aufgerufen, seinen Standpunkt zu bestimmen – was, wie man hinzufügen könnte, sowohl für den Komponisten als auch für den Rezipienten gilt. Um dabei nicht in die Beliebigkeitsfalle des Anything goes zu tappen, fordert sie, dass der persönliche Reflex von Reflexion begleitet wird, dass also eine bewusste Auseinandersetzung mit den Einflüssen stattfindet. Durch diese Individualisierung entgehen die Komponisten dem Dogma einer ununterbrochenen Fortschrittsfortschreibung, verlieren aber das Geländer, an dem man sich in den Zeiten ungetrübter Avantgardeeuphorie entlang hangeln konnte. Mundry erläuterte ihren Ansatz anhand ihres im Entstehen befindlichen Zyklus Schwankende Zeit, in dem unter anderem sehr direkte Bezugnahmen auf Couperin auftauchen. Bereits früher ist sie durch Bearbeitungen alter Musik (z. B. von Dufay) hervorgetreten. Mit derartigen komponierten Interpretationen habe ich so meine Schwierigkeiten; allzu groß ist die Gefahr, dass sich die Komponisten an die Vorlage verlieren, den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sehen, sich darin verlaufen und mit netten kunsthandwerklichen Schnitzereien daraus hervorkommen. Zenders Winterreise kann ich - je nach Stimmung – noch durchgehen lassen, aber spätestens wenn, um ein Beispiel zu nennen, Manuel Hidalgo unverfroren die Instrumentierung eines Beethovenstücks als Uraufführung ausgibt, ist für mich die Schmerzgrenze erreicht. Neue Musik muss und kann das Rad nicht immer wieder neu erfinden, etwas mehr als Etikettenschwindel sollte aber schon dabei heraus komme. Im anschließenden Konzert mit dem ensemble recherche erklang Mundrys diesbezüglich völlig unbelastetes Werk Sandschleifen . Wie gerade die Bezugnahme auf Vergangenes zu neuen Ufern führen kann, erläuterte Hans Zender anhand seines Zyklus Hölderlin lesen, von dem vorab der IV. Teil zu hören war. Nach Zenders Lesart unterhöhlt Hölderlin in seinen Gedichten die unser Denken bis heute prägenden Gegensätze (Mythos vs. Logos, Antike vs. Bibel, Sprache vs. Musik) und bewirkt damit eine belebende Enthierarchisierung. Hölderlin wird zum antiken Trümmerfeld, das Zender in seiner Musik auf sehr persönliche Weise zusammenfügt ohne dabei Gegensätze vorschnell einzuebnen. So stehen sich in seinem Zyklus Sprache und Musik gleichwertig gegenüber; nur ganz zum Schluss hebt die Stimme zu singen an – jedoch ohne dass sich daraus eine Beziehung der Unterordnung ableiten ließe. Rolf Riehm bezog sich auf Konzepte des kreativen Fehllesens, wie sie in der Literaturwissenschaft von Harald Bloom entwickelt wurden. Danach kommt es nicht darauf an, herauszufinden, was der Dichter/Musiker/Komponist uns sagen wollte, sondern es geht darum, ihn gegen den Strich zu bürsten. Gerade scheinbare Fehlinterpretationen lösen, anstatt auf den letztlich nicht existenten Punkt zu kommen, zentrifugale Kräfte aus, die Neues ermöglichen. Anhand seines Werkes Double Distant Counterpoint zeigte Riehm auf, wie er darin nicht etwa versucht hat, Bachs Kunst der Fuge zu verstehen oder neu zu interpretieren, sondern wie er sich von den Anmutungen einzelner Stellen hat hinreißen lassen. In seinem von Nicolas Hodges zu Gehör gebrachten Werk Hamamuth – Stadt der Engel ist Riehm dagegen ganz in der Gegenwart angekommen. Ausgangspunkt waren für ihn die Bilder der Verwüstung im Irak und, wenn Hodges dem Klavier mit harten Attacken und schweren Clustern zu Leibe rückt, so ist der Krieg nicht nur hör- sondern auch spürbar. Hans Thomalla bezog sich in seinem Referat auf die ebenfalls im Tagungstitel erwähnten Gegenwartsreflexionen und befasste sich mit der Frage, wie Gegenwart in der Musik entsteht und erlebbar wird. Gegenwart wird dabei verstanden als Moment der Präsenz und Ereignishaftigkeit, als Augenblick der Herkunfts- und Richtungslosigkeit. Anhand eigener Werke versuchte er, derartige Momente aufzuzeigen, in denen sich verschiedene Richtungen überschneiden oder zum Stillstand kommen. Dabei betonte er, dass Gegenwart in diesem Sinne nicht analysier- und planbar und letztlich rezeptionsabhängig ist. Sebastian Clarens machte darauf aufmerksam, dass klassische Musik inklusive die aus ihr hervorgegangene Neue Musik besonders historisch geprägt ist, was vor allem durch ihre sehr determinierten Ausbildungs-, Herstellungs- und Rezeptionsrituale bedingt ist. Im Gegensatz zu Kunst und Literatur haben Dilettanten und Quereinsteiger hier kaum eine Chance. Die Befreiungsversuche der Avantgarde führten oftmals zu leer laufenden Überbietungsstrategien, die neue Tabus und die Gefahr einer neuen Betriebsblindheit mit sich brachten. Aus dem Rahmen fiel Manos Tsangaris’ Beitrag, der sich auf sehr persönliche Weise mit seinen Erinnerungen an Thomas Kling befasste. Von Kling, der das künstlerische und literarische Leben in Hombroich bis zu seinem Tod 2005 maßgeblich prägte, stammt auch der Tagungstitel Vorzeitbelebungen, der Tsangaris zu vielfältigen Assoziationen verführte. Letztlich gab Tsangaris ein anschauliches Beispiel für jenen kreativen Umgang mit Erinnerung, der in den anderen Beiträgen beschworen wurde – geprägt von Reflex und Reflexion, Permeabilität und Unverfügbarkeit, Gegenwärtigkeit und Abschweifung. Das alles wird zusammen gehalten – und das gilt für Kling und Tsangaris gleichermaßen – von der persönlichen Bereitschaft sich auszusetzen, sich einzulassen, sich gefährden zu lassen. www.inselhombroich.de/pdf/inselfest_2008.pdf [Termine im Juni und Juli 2008] Auch das von Nora Bauer initiierte Festival für zeitgenössische Musik und Gender Klang.Körper wird von einem Symposium begleitet. In deutscher und englischer Sprache wird vom 13. bis 15.6. über bewegte Körper, Männlichkeitskonstruktionen, Identitätsmanagement u. v. m. diskutiert. Zum Konzertprogramm gehört ein gemeinsam mit Frau Musica (nova) veranstaltetes Porträtkonzert der Kölner Komponistin Carola Bauckholt am 15.6. im Kammermusiksaal des Deutschlandfunk. http://klangkoerper-festival.de/programm.php?tag=all&order=&filter= Parallel dazu ist in der Halle Kalk Bauckholts neues Werk für Musiktheater Hellhörig zu erleben, das vor kurzem bei der Münchner Biennale Premiere hatte. www.schauspielkoeln.de/stueck.php?ID=80&tID=733 Im Theater Bielefeld geht am 6.6. experimentelles Musiktheater, gefördert vom gleichnamigen Fonds des NRW KULTURsekretariats, über die Bühne. Unter dem Titel Kann Heidi brauchen, was es gelernt hat? lassen Felizitas Ammann, Leo Dick und Tassilo Tesche 12 Musikerdarsteller die Höhen und Tiefen von Natur und Kultur, Wildnis und Zivilisation, Instinkt und Erziehung ausloten. Da denkt man natürlich sofort an Paul McCarthys und Mike Kelleys wüsten Heidi-Trip, aber so schlimm wird es wohl nicht werden. www.theater-bielefeld.de/spielplan/detail.php?id_event_date=3545780&bereich=spielplan&id_language=1 Das Festival Raumklänge der Stadt Puhlheim führt am 5.6. in die Abteikirche Brauweiler, wo Wolfgang Mitterer Orgel und Elektronik aufeinander treffen lässt. Am 6.6. erklingt in St. Martin in Stommeln Aura Christinae, eine musikalische Collage, in der Norbert Rodenkirchen und Harald Kimmig die mittelalterliche Welt der Christina von Stommeln mit der Gegenwart vermitteln. www.raumklaenge.de Das Festival Spannungen im Kraftwerk Heimbach hat vom 9. bis 15. Juni Werke von Detlev Glanert auf dem Programm. www.spannungen.de Beim Klavier-Festival Ruhr spielt Tamara Stefanovich am 22.6. in Essen neben Musik von Ligeti eine Uraufführung von Vassos Nicolaou. In Gelsenkirchen wird am 29.6. Schubert von Müller-Wieland, Pintscher, Feldman und Joneleit (UA) umrahmt. Vom 10.7. bis 12.7. dreht sich in der Essener Philharmonie alles um Tan Dun und Lang Lang und Steffen Schleiermacher spielt am 23.7. in Moers neben Eigenem Werke von Stockhausen, Scelsi, Cage und Messiaen. www.klavierfestival.de Zum 11. Mal und erstmals ohne Stockhausen finden vom 4. bis 20.7. in Kürten bei Köln die Stockhausen-Kurse statt. Das Konzertprogramm widmet sich in der ersten Woche der elektronischen Musik, anschließend steht Instrumentales auf dem Programm, u. a. die deutsche Erstaufführung von Glanz. www.stockhausen.org/skk08_concerts.html Köln zelebriert vom 22. bis 27. 6 den romanischen Sommer. Im Eröffnungskonzert spielen die musikFabrik und singer pur in St. Maria im Kapitol Rihms Vigilia. Hölszky u. a. gibt es in St. Kunibert zu hören, die Uraufführung von Mark Steinhäusers Begegnungen in St. Peter. Im Museum Kolumba und der Minoritenkirche stimmen Pauline Oliveros, Maria Jonas u. a. Gesänge der Welt an. Der Höhepunkt mit der romanischen Nacht bringt Uraufführungen von Hosokawa und Rupert Huber. Das Konzert mit dem Kölner Rundfunkchor wird am 28.6. im Essener Zollverein wiederholt. Parallel zum romanischen Sommer wird mit der 14. Brückenmusik die Deutzer Brücke beschallt. Die Klanginstallationen stammen von Yukio Fujimoto, Takehisa Kosugi, Hiroko Ichihara und Shinichi Yanai. www.romanischer-sommer.de/ www.zollverein.de/agenda.php?f_year=2008&f_month=6&f_day=28 Zum Saisonausklang hat die Essener Philharmonie bei York Höller ein Werk in Auftrag gegeben. Das Klavierquintett Zwiegestalt wird am 12.6. uraufgeführt. www.philharmonie-essen.de Im Duisburger Earport findet am 1.6. die Abschlusspräsentation des Seminars Fluxus von Achim Heidenreich an der Robert-Schumann-Musikhochschule in Düsseldorf statt. www.earport.de Die Kölner Termine finden sich wie immer unter www.kgnm.de Am 8.6. wird im Loft Elliott Carter zum Geburtstag gratuliert. Am 1.6. erklingt am gleichen Ort Musik für Instrumente und Lautsprecher. Die Alte Feuerwache präsentiert am 7.6. Neue Musik aus dem Irak und im Stadtgarten geht am 24.6. das ZAM Labor in die zweite Runde. www.stadtgarten.de/ www.loftkoeln.de/ www.altefeuerwachekoeln.de/ Zum Inhaltsverzeichnis aller bisher erschienenen Gazetten zur neuen Musik. |
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