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Gazette Neue Musik in NRW - Ausgabe vom Oktober 2008 |
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Dann senden Sie bitte eine mail an redaktion-nrw@kulturserver.de mit dem Betreff: Neue Musik oder tragen Sie sich hier ein: http://lists.kulturserver-nrw.de/cgi-bin/mailman/listinfo/neue-musik Düsseldorf, 28.09.2008, 17:31, von Petra Hedler, homepage, , Rubrik: Alle
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| Gewesen: Ruhrtriennale – asiatischer Auftakt in Düsseldorf
Angekündigt: Netzwerk Neue Musik Essen – Utopie jetzt! in Mühlheim u.v.m. [Ruhrtriennale] Neue Musik i. e. S. gab es in diesem Jahr bei der Ruhrtriennale nicht, aber Musik spielt bei fast allen so genannten Kreationen eine wichtige Rolle und neugierig machte das Programm, das diesmal unter dem Motto ‚Aus der Fremde’ stand, allemal; zum Beispiel darauf, was Schorsch Kamerun und sein Team mit Rolf Dieter Brinkmann anstellen. Sie verwandeln die Gladbecker Maschinenhalle in eine riesige Versuchsanordnung und schicken das Publikum durch einen Plastiktunnel, der sich durch den Raum windet wie ein Rattenlabyrinth im Versuchslabor. Der Blick durchs milchige Plastik fällt auf merkwürdige Geschehnisse: In einer Turnhalle entsteht ein improvisiertes Bettenlager, eine notdürftige Duschanlage wird installiert, in der Kantine wird Suppe verteilt. Vielleicht ist eine Katastrophe passiert, wir wissen es nicht, aber alles verläuft erstaunlich unspektakulär und unaufgeregt; 150 Komparsen spielen Alltag im Ungewöhnlichen, „Starre im beweglichen Ausnahmezustand“. Genau dieser Stagnation des Alltags, diesem täglichen Brummkreisel, dem sich keiner entziehen kann, diesen Gespenstermenschen und Gespensterentzückungen hat Brinkmann mit nicht nachlassender Energie seine Empörung und seine Wut, seine „fluchende Verzweiflung“ entgegengeschleudert. Leicht erhöht, unter einer Kuppel befinden sich das aus Streichern, Harmonium und Schlagzeug bestehende Ensemble und Sandra Hüller, die Brinkmanns Texte spricht und singt (vorzugsweise aus seinem letzten Gedichtband Westwärts, der dem Abend auch den Namen gab). Aber die Fronten sind nicht mehr so klar wie damals, wer will sich heute noch gerechten Zorn und heilige Empörung leisten. Nur selten bricht es aus Sandra Hüller heraus, meist dringen die Worte unter die Haut wie Nieselregen, litaneiartig, schleichend und ätzend, begleitet von einer minimalistischen streicherlastigen Musik, die mit ihrer harmlosen Eingängigkeit einlullt und gleichzeitig unterschwellig aggressiv macht ohne Angriffsfläche zu bieten. Nach eineinhalb Stunden, in denen sich jeder irgendwie in seinem Unbehagen, seiner Irritation oder seiner Langeweile einrichtet, kontaktlos durch die Gänge wandelt oder sich auf eine Tribüne zurückzieht, die Überblick vorgaukelt, tritt Hüller zwischen die Statisten und macht sich in einem langen Schlussmonolog auf die Suche nach Leben, Poesie, vor allem aber nach dem Du. „Wo aber ist das Leben? Was ist denn mit der Poesie? Hallo, ist denn keiner hier?“ Eine Antwort bleibt aus und ebenso eine Katharsis. Kein wütender Brinkmann wird auf die Bühne gezaubert, um uns mit seinem Stellvertreterzorn zu erlösen. Jeder muss selbst sehen, wo er bleibt. Und dann kann es passieren, dass plötzlich nichts mehr alltäglich ist, ja dass diese niederträchtige Alltäglichkeit gerade die Rettung wäre. Die Diagnose lautet Krebs, besonders heimtückisch. Das ist Christoph Schlingensief passiert und anstatt abzutauchen hat er das gemacht, was man wohl auch von ihm erwartete. Getreu dem Beuysschen Motto „Zeige deine Wunde!“ packt er den ganzen Horror auf die Bühne und wirft ihn vors Publikum. Das Ganze wird als Fluxusoratorium inszeniert, als Kirche der Angst vor dem Fremden in mir, die Duisburger Gebläsehalle wird zum Kirchenschiff, die Zuschauer auf harte Kirchenbänke gebannt. Früher hätte man das als Parodie durchwinken können, aber bereits Kierkegaard hat die Ironie und den Humor als Inkognito des Ethikers und des Religiösen ausgewiesen. Was bei Kierkegaard im schwarzen Loch der verborgenen Innerlichkeit verschwindet, wird bei Schlingensief zur Supernova, vor der es kein Entrinnen gibt. Das Privateste und das Allgemeinste, Kindheitsvideos und Parsifal, Familienquerelen und Kunstgeschichte bevölkern Bühne und Leinwände, musikalisch aufgemischt von Michael Wertmüllers Schlagzeugattacken und Dominik Blums (Steamboat Switzerland) vergleichsweise verhaltenem Orgeleinsatz. Mitten drin agieren zwei Opernsängerinnen und auch Mahlers „Ich bin der Welt abhanden gekommen.“ darf nicht fehlen. Aber die Welt hat ihn vorerst wieder! Dem „zukünftig Verstorbenen“ wird eine überbordende Trauerfeier ausgerichtet, durch das Kirchenschiff rauscht ein gewichtiger Gospelchor mit üppigem Gefolge und erobert mit wogendem Gesang die Bühne. Aber vorläufig ist er noch nicht gestorben: Als würde ein Film zurückgespult, legt der ganze Trupp den Rückwärtsgang ein und verschwindet wie er gekommen ist. Schlingensief selbst zelebriert das Abendmahl und inszeniert sich als leidenden Christus, aber das kühl-abwehrende ‚Noli me tangere’ Jesu’ wird zum jammernden Flehen des auf dem Krankenlager Liegenden: „Bitte nicht berühren“ und der Verrat ist nicht mehr göttlich-dramaturgischer Kunstgriff sondern tiefe persönliche Kränkung, existentielle Beleidigung, im wahrsten Sinne des Wortes tödlich. Und da ist nicht einmal ein Judas, den man zum Sündenbock machen könnte, höchstens in uns selbst. Der Wunsch nach Autonomie zerschellt an der Einsicht, dass man die „eigenen Gesetze“, auf die man sich einlässt, „natürlich nicht selber macht“ und auch das „Wer seine Wunde zeigt, wird geheilt.“ ist letztlich nur ein frommer Wunsch, denn, noch einmal Kierkegaard, „ die Gewissheit des Glaubens ist ja kenntlich an der Ungewissheit, und …so ist diese selbe Gewissheit die ironischste von allen.“ Das Ganze könnte peinlich oder hohl-pathetisch sein, fauler Abwehrzauber, aber das ist es zu keinem Zeitpunkt. Schlingensief hat es schon immer verstanden, einem mit einer Wucht zu Leibe zu rücken, der man sich kaum entziehen kann. Jetzt geht es endgültig um Sein oder Nicht-Sein. www.kirche-der-angst.de www.ruhrtriennale.de (Kleiner Tipp für kommende Winterabende: Lest doch noch mal Kierkegaard, zum Beispiel seine Ausführungen zu Ironie, Glaube und Gewissheit aus der Unwissenschaftlichen Nachschrift – gibt es ganz billig bei 2001! Auch über Angst wusste er eine Menge zu sagen) [asiatischer Auftakt in Düsseldorf] Einen Saisonauftakt mit doppeltem Blick nach Asien gab es im September in Düsseldorf. Das notabu-Ensemble eröffnete seine inzwischen sechste Spielzeit mit einem Isang Yun -Portrait. Das Schöne an den Konzerten in der Clara-Schumann-Musikschule, denen ich noch etwas mehr Publikum wünschen würde, ist, dass hier nicht von Uraufführung zu Uraufführung gehetzt sondern der Blick auch einmal zurückgeworfen wird. Man kann sich der Musik hingeben, ohne ständig nach dem definitiv Neuen zu lechzen, das dann meistens doch nicht kommt. Auf dem Programm standen Werke von Isang Yun aus den 80er Jahren, also noch gar nicht so lange her. Manches, wie Intermezzo für Violoncello und Akkordeon, wirkt geradezu romantisch angehaucht. In Monolog für Fagott solo lässt sich besonders die Arbeit am Einzelton nachvollziehen. Heutzutage sind mikrotonale Einfärbung und Betonung der Ein- und Ausschwingvorgänge Mittel, die in keinem Komponistenbaukasten fehlen. Zu hören waren außerdem Aphierosis von Günther Becker, dem notabu in der letzten Spielzeit einen Schwerpunkt widmete, und Like a Water-Buffalovon Yuji Takahashi. Allen drei Komponisten gemeinsam ist ihr politischer Ansatz, der insbesondere bei Isang Yun aus seiner eigenen dramatischen Betroffenheit erwachsen ist. www.notabu-ensemble.de/ In der Tonhalle wurde am 19.9. der frisch renovierte Helmut-Hentrich-Saal ebenfalls mit einem Portraitkonzert eingeweiht. Das e-mex ensemble spielte Werke der jungen japanischen Komponistin Yasuko Yamaguchi. Yamaguchi wurde 1969 in Nagasaki geboren und ist dort vorzugsweise mit klassischer westlicher Musik groß geworden. Weder im Alltag noch während ihres Kompositionsstudiums an der Tokyo National University of fine Arts and Music spielte traditionelle japanische Musik eine nennenswerte Rolle. 1997 kam sie nach Deutschland und absolvierte ein Aufbaustudium bei Manfred Trojahn in Düsseldorf, wo sie noch heute lebt. Nicht komplizierte Berechnungen sondern spontane Inspirationen stehen am Anfang ihrer Werke. Eine besondere Bedeutung haben Natureindrücke wie in Nachtlied, dem ein abendlicher Spaziergang am Rhein vorausging, oder Wind.Regen.Tanz. Letzteres ist ein Auftragswerk der Tonhalle, das anlässlich der Verleihung des Förderpreises 2005 entstand, aber erst jetzt uraufgeführt wurde. In Die lebenden Spuren verarbeitet sie „ausnahmsweise“ ein sehr persönliches und emotionales Erlebnis, den Tod ihrer geliebten Großmutter. Dabei geht es ihr jedoch nie darum, Programmmusik zu schreiben. Nur selten sind die Spuren der Inspiration so unmittelbar nachvollziehbar wie in Parabel, das von einem kurzen Gedicht über Papierballons von Saburo Kuroda angeregt wurde. Die Schwerelosigkeit und das Auf- und Abgleiten der Ballons drückt sich unmittelbar in der Musik aus (da hätte es der leibhaftig platzenden Luftballons gar nicht bedurft). Grundlegendes Charakteristikum aller Werke ist das feinsinnige Spiel mit Klangfarben. Dabei tut es Yamaguchis Musik durchaus gut, dass sich in den subtilen Farbrausch gelegentlich auch raue und aufgewühlte Passagen mischen. So zum Beispiel in Lichttempel (angeregt durch die hölzernen Figuren des Tempels Byodo-in in Uji/Kyoto): Nachdem das Klavier zunächst recht brav vor sich hin perlt, stürzen sich Klavier und Flöte in einen heftigen Wirbel, bevor das Stück sanft ausklingt. www.tonhalle-duesseldorf.de/ www.e-mex-ensemble.de/de/komponisten.YasukoYamaguchi.html Gefördert von der Kulturstiftung des Bundes hat sich jetzt auch im Ruhrgebiet ein Netzwerk Neue Musik zusammengefunden, dem die fünf Partner Philharmonie Essen, Folkwang Hochschule, Folkwang Musikschule, die Gesellschaft für Neue Musik Ruhr (GNMR) und der Landesmusikrat NRW angehören. Eine Broschüre mit dem Titel „Entdeckungen“ kann unter welcome@philharmonie-essen.de angefordert werden. Das Grußwort stammt noch von Michael Kaufmann. Neuer „In Residence“-Komponist der Philharmonie Essen ist kein geringerer als Wolfgang Rihm. Seine Werke sind im Oktober am 1., 2., 3., 4. und 26. zusammen mit Musik klassischer Meister zu hören. Am 6.10. ist das Ensemble Wien-Berlin mit Musik von Brett Dean, Ligeti und Kurtág zu Gast. Außerdem stehen Jörg Widmann (23.10.) und Frank Zabel (25.10.) auf dem Programm. www.philharmonie-essen.de ChorWerk Ruhr ist am 5.10. gemeinsam mit dem Ensemble Modern auf Zollverein zu erleben. Neben alter Musik von Hildegard von Bingen und Perotin erklingt neue von Feldmann, Rubert Huber und Cage (darunter eine Chorfassung seines stillen Stückes 4’33’’) www.ensemble-modern.de www.zollverein.de In der Kölner Philharmonie präsentiert das Ensemble intercontemporain mit Technikern des IRCAM-Instituts eine konzertante Aufführung von Michael Jarrells Cassandre. Am 11.10. spielen die Bang on a Can All-Stars neben Aktuellem von Thurston Moore (Sonic Youth), Michael Gordon und Don Byron Terry Rileys Klassiker In C. www.koelner-philharmonie.de/ Eingebettet in Düsseldorfer Hofmusik ist Manfred Stahnkes neues Werk HinterHofMusick, das am 12.10. als Auftragswerk der Tonhalle aus der Taufe gehoben wird. Am 14.10 wird er den dritten Preis des erstmalig im Rahmen des Internationalen Düsseldorfer Orgelfestivals ausgeschriebenen Orgel-Kompositionswettbewerbes entgegennehmen. www.tonhalle.de http://www.ido-festival.de/ORGEL-Wettbewerb-Urauffuhrungen.html www.manfred-stahnke.de/ Im Rahmen der Musikbiennale Niederrhein sind am 4.10. Werke u. a. von Kunsu Shim, Gerhard Stäbler und Michael Oesterle zunächst im Duisburger Lehmbruck Museum und anschließend im Innenhafen zu erleben. Auf der Museumsinsel Hombroich steht am 18. und 19.10. alte (Messiaen, B.A. Zimmermann, Stockhausen) und neue Avantgarde (Bruttger, Reudenbach, Staude, Haas) auf dem Programm. www.muziekbiennale.eu Zum 8mal findet vom 23. bis 26.10. in Mühlheim das Festival Utopie jetzt! statt. Hinter solch verheißungsvollen Namen wie Schall und Rauch, Hunger und Sättigung, Ferne und Näheverbergen sich u. a. Zenders Version der Winterreise, ein Obstsalat nach John Cage und ein Stück für 9 Harley-Davidsons von Dieter Schnebel. www.utopie-jetzt.de/ Da muss man schon aufpassen, dass man nichts durcheinander bringt. Unvorhergehört nennt sich eine neue Reihe im Alten Pfandhaus Köln, bei der, moderiert von Michael Struck-Schloen, jeweils ein Solist Musik nach 1945 spielt. Zum Auftakt am 5.10. ist Moritz Eggert zu Gast. www.minimal-productions.de Selten gehört heißen bekanntlich die Konzerte des Museums Moyland. Am 14.10 werden Suyoen Kim und Helge Slaatto erwartet. www.moyland.de Schließlich wäre da noch die Wuppertaler Reihe unerhört, die am 17.10. Thomas Lehn, Roger Turner und Tim Hodgkinson in der Neuen Kirche / Sophienstraße willkommen heißt. www.wuppertal-live.de/events/client=;show=75056;what=event In Aachen ist am 31.10. Morton Feldmans For Philip Guston zu hören. Julia Breuer (Flöte), Matthias Engler (Schlagzeug) und Elmar Schrammel (Klavier) haben das ob seiner Dauer von ca. 4 ½ Stunden berüchtigte Werk vor kurzem als Vierfach-CD bei Wergo eingespielt. In Aachen kann man nun live dabei sein. www.gzmklangbruecke.de Philipp Maintz hat mit Archipel ein Werk für großes Orchester geschrieben, das am 22.10. in seiner Heimatstadt Aachen von den dortigen Sinfonikern uraufgeführt wird. www.theater-aachen.de Zum 26. Mal ist die musikFabrik am 19.10. beim WDR zu Gast, diesmal mit Arrangements von Musik Sun Ras und einer Uraufführung von Olga Neuwirth. www.musikfabrik.org Im Düsseldorfer Salon des Amateurs findet vom 22. bis 26.10. ein Pianofestival der ungewöhnlichen Art statt. Versucht wird eine Neuverortung der zeitgenössischen Piano- Improvisation an den Schnittstellen zur elektronischen Musik, zur Neuen Musik, zur Minimal Music, zum Jazz und zum Songwriting. www.approximation-festival.de/ Am 13.10. wird Timo Ruttkamp anlässlich der Verleihung des Bernd-Alois-Zimmermann-Preises der Stadt Köln in der Kunststation Sankt Peter mit einem Portraitkonzert vorgestellt. http://timoruttkamp.de/ www.sankt-peter-koeln.de/index.php?id=89 Zum Inhaltsverzeichnis aller bisher erschienenen Gazetten zur neuen Musik. |
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