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Gazette: Neue Musik in NRW - Ausgabe Dezember 2008 |
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Dann senden Sie bitte eine mail an redaktion-nrw@kulturserver.de mit dem Betreff: Neue Musik oder tragen Sie sich hier ein: http://lists.kulturserver-nrw.de/cgi-bin/mailman/listinfo/neue-musik Düsseldorf, 23.11.2008, 14:06, von Petra Hedler, homepage, , Rubrik: Alle
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| Gewesen: november music an der Folkwang Hochschule – Input-Output mit notabu
Angekündigt: Gedenken an Mauricio Kagel – 25 Jahre musikTexte – 100 Jahre Carter und Messiaen u. v. m. [november music an der Folkwang Hochschule] ‚Mensch und Maschine in der Musik’ war eines der Themen, mit dem sich die diesjährige Ausgabe des Festivals november music der Folkwang Hochschule beschäftigte. Nach einem einleitenden Vortrag des Berliner Komponisten Roland Pfrengle erklang dessen Werk SprachMusik, in dem er die Flötistin Lesley Olson mit Martin Riches Talking Machine zusammentreffen lässt. Hierbei handelt es sich um eine computergesteuerte mechanische Orgel, deren 32 Pfeifen den menschlichen Sprechapparat nachbilden und entsprechende Laute von sich geben. Doch trotz ausgeklügelter Technik wirkt die Apparatur, zur Nachahmung verdammt, anachronistisch, unbeholfen, fast Mitleid erregend. Dem begegnet die Instrumentalistin flüsternd, hauchend, lallend und stotternd, so dass aus der Begegnung zwischen Mensch und Maschine ein ironisch gebrochener Parcours der Be- und Verhinderung wird. Im Gegensatz dazu herrscht in Stockhausens Gesang der Jünglinge aus dem Jahr 1956 noch ungebrochene Zuversicht. Die unschuldige Knabenstimme vereint sich mit den noch frischen und unerhörten Elektronikklängen zu einem Hymnus, in dem Lob der Technik und Lob Gottes zusammenkommen. Mehr Bodenhaftung bewies da schon Nonos Werk La Fabrica Illuminata, in dem eine Stimme zu einem Zuspielband agiert, das u. a. verzerrte Fabrikgeräusche hörbar macht. Inzwischen wirkt die aus den Lautsprechern tönende Geräuschkulisse gegen Almerija Delics ausdrucksstarke Darbietung allerdings etwas angestaubt. Umgekehrt stehen die Vorzeichen in Trevor Wisharts Tongues of Fire. Er dreht die menschliche Stimme durch den Elektronikwolf, so dass sie bald jeder Menschlichkeit entkleidet zur schnatternden und knatternden Maschine wird. Zum Abschluss gab es noch eine Uraufführung von Dirk Reith. Sein sound poem, in dem die Stimme, zwischen Wohlklang und Geräuschakrobatik pendelnd, auf wabernde Klänge und elektronische Echos trifft, konnte mich jedoch nicht ganz überzeugen. Ein weiterer Schwerpunkt des Festivals war Wolfgang Rihm und seiner Karlsruher Kompositionsklasse gewidmet. Zunächst interpretierte das Ensemble folkwang modern seinen Chiffre-Zyklus. Dieser entstand zwischen 1982 und 1988 als work in progress und ist somit ungefähr so alt wie die ausführenden Musiker. Während Rihm sich in späteren Werken verstärkt mit linearen, melodischen Verläufen befasste, geht er in Chiffre von den Einzelereignissen aus mit dem Ziel, sie voraussetzungs- und folgenlos im hic et nunc anzusiedeln. Daraus entsteht eine ungemein kraftvolle Musik voll harter Schnitte und abrupter Klangskulpturen. Rihm beschreibt sie als mineralisch-kristallin im Gegensatz zum Organisch-Fließenden. Dem liegt die Idee einer Musik zugrunde, die sich nicht hinter schützenden Strategien versteckt sondern für jeden Moment die Verantwortung übernimmt. Dieser Gedanke tauchte auch in dem Gespräch auf, das dem Konzert der Kompositionsklassen vorausging. Wolfgang Rihm und der Kompositionsprofessor der Folkwang Hochschule, Günter Steinke, diskutierten mit ihren Studenten darüber, was es heutzutage heißt, am Anfang einer Komponistenlaufbahn zu stehen. Alles ist schon einmal da gewesen, alles ist bekannt, mit jedem gesetzten Ton landet man in einer sorgsam etikettierten Schublade. Aber Geräuschklänge machen noch keinen Lachenmann und Komplexität noch keinen Ferneyhough sondern bringen höchstens das Verdikt des Epigonentums ein. In dieser Zwickmühle rät Rihm, bei sich selbst anzufangen, nach den eigenen Obsessionen zu fragen, die eigene Ratlosigkeit im empirischen Umgang mit den Klängen als Ausgangspunkt zu nehmen. Was damit gemeint ist, muss jeder selbst herausfinden, und die musikalischen Antworten der sieben anwesenden Kompositionsstudenten fielen erfreulicherweise sehr unterschiedlich aus. Am meisten hat mich die asiatische Fraktion überzeugt. Die Chinesin Sijie Zhang lässt in ihrem Bläserquintett eine schlichte Floskel wuchern und in immer neuen Verästelungen und Arabesken durch das mal schrill-helle, mal rau-dunkle Klangspektrum der Bläser wandern. Auch die Koreanerin Jagyeong Ryu beschränkt sich in ihrem Kaleidoprisma für 8 Streicher auf eine Instrumentenfamilie. Das Ergebnis ist jedoch kein Einheitsbrei sondern eine komplexe Textur voll innerer Lebendigkeit und Bewegung, in der die einzelnen Stimmen ihre Eigenständigkeit bewahren. „…auf Linie…..“ des Koreaners Jeong-Hun Choi zeichnet sich durch hohe Intensität aus. Die Musik wirkt wie ein Lebewesen, das sich vorwärts tastet, mal aufschreit, dann wieder den Atem anhält. Aus dem Rahmen fiel Florian Mattils Saft für Stimme solo. Almerija Delic steht an einem Rednerpult und suggeriert durch Gestik und Mimik eine Bedeutungsebene, die die verfremdeten Sprachlaute zunächst nicht einzulösen scheinen. [Input-Output mit dem notabu-Ensemble] 1984 gründete Raimund Juelich eine Komponisteninitiative, die seit 1993 unter dem Namen Input-Output firmiert und jährlich mit einem Konzert in Düsseldorf und Ratingen, dem gegenwärtigen Wohnort des Komponisten, auf sich aufmerksam macht. Im diesjährigen Konzert des notabu-Ensembles am 21.11. im Düsseldorfer Robert-Schumann-Saal war Juelich mit dem Werk Anschläge – Schlagzeilen vertreten. Der Titel lässt vielfältige Assoziationen zu, vom Terroranschlag über den Anschlag der Schreibmaschinen- oder Computertastatur bis zum Klavieranschlag. Letzterer beherrscht das Stück; aufwühlend-hektisch, monoton-hämmernd jagt das Klavier ziellos voran, akzentuiert von aggressiven Einwürfen des Ensembles - Gewehrsalven der Trommel, schrille Schreie der Flöte. Zweimal kommt die Maschinerie ins Stocken, doch die vorwärtsdrängende Bewegung gewinnt immer wieder die Oberhand; in Zeiten der Bedrohung ist alles erträglicher als Stillstand. Auch Carola Bauckholt holt die Realität in ihre Musik, aber es ist nicht der Ausnahmezustand sondern der Alltag, der sie fasziniert. In ihrem Stück mehr oder weniger sind zu Beginn einige Musiker zwischen den Zuhörern plaziert, wo sie mit Stühlerücken und Papierreißen auf sich aufmerksam machen. Doch die scheinbar banalen Störgeräusche werden im Verlauf des Stücks auf wundersame Weise verzaubert. Von den Instrumenten aufgegriffen und weitergeführt gehen sie schließlich in einem schwebenden, transparenten Klangbild auf. Enno Poppe suggeriert mit dem Titel Salz ebenfalls einen Realitätsbezug, der sich jedoch als falsche Fährte entpuppt. Stattdessen wird die Musik von streng konstruierten Steigerungsprozessen bestimmt, die jedoch immer wieder abgewürgt und zerstückelt werden, wodurch die Ordnung zunehmend in Chaos umschlägt. Klanglich bekommt die Komposition durch den Einsatz einer Hammondorgel einen eigenwilligen Charakter. Diese wummert anfangs geheimnisvoll im Hintergrund, drängt sich mit befremdlich-gequältem Ton immermehr in den Vordergrund und stürzt schließlich das gesamte Geschehen in ein exaltiertes Klangchaos. Außerdem waren noch Valerio Sannicandro und Herbert Callhoff im Programm vertreten. [Geburtstage und Gedenktage] Die Zeitschrift MusikTexte wird 25 Jahre alt! Seit einem Vierteljahrhundert versorgen Gisela Gronemeyer und Reinhard Oehlschlägel nun schon die Szene mit Informationen. So manchen Namen, der später Furore gemacht hat, habe ich hier zum ersten Mal gelesen. Wer mitfeiern möchte, kann sich am 7.12. um 18 Uhr in Köln im Belgischen Haus einfinden (Infos unter 0221-9520215). Gemeinsam mit Frau Musica (nova) wird ein Konzert veranstaltet, das der koreanischen Komponistin Younghi Pagh-Paan einen Schwerpunkt widmet und ihrer Musik Werke ehemaliger Schülerinnen sowie traditionelle koreanische Musik gegenüberstellt. Messiaen wäre in diesem Jahr viermal so alt geworden. Das Dortmunder Konzerthaus richtet ihm aus diesem Anlass vom 12.12. bis 16.12. ein Festival aus, das große Namen wie Zubin Mehta und Pierre-Laurent Aimard versammelt. Ein weiteres Messiaen-Festival findet am 5. und 6.12. in der Kunststation Sankt Peter statt. Am gleichen Ort erklingt am 21.12. passend zur Weihnachtszeit sein Orgelwerk La Nativité du Seigneur. Noch mehr Messiaen ist in Düsseldorf (3.12. Tonhalle, 7.12. Palais Wittgenstein und 10.12. Robert-Schumann-Saal) und in Recklinghausen (3.12. Ruhrfestspielhaus) zu hören. Elliot Carter feiert seinen 100. Geburtstag am 11.12. Pi-chao Chen (Violine) und Yin Chiang (Klavier) gratulieren musikalisch im Bechstein Centrum in Köln. Am 13.12. widmet ihm die Musikhochschule Köln in Kooperation mit dem WDR ein kleines Festival. Zum Gedenken an Mauricio Kagel findet am 2.12. ein Konzert mit der musikFabrik und dem Gürzenich-Orchester in der Kölner Philharmonie statt. Die Silvesternacht kann man mit Werken von Kagel in der Kunststation Sankt Peter verbringen. [weitere Tipps für den Dezember] Das Bonner Theater hat eine neue musiktheatralische Reihe ins Leben gerufen, deren Ziel es ist, in kleiner Besetzung und mit minimaler Ausstattung fantasiereiche Musikwerke mit visuellem Charakter in Szene zu setzen. Am 2. und 10.12. stehen Phil Minton und Georges Aperghis auf dem Programm. Die Reihe ‚Konzerte mit Werken von Komponistinnen aus NRW’ des Landesmusikrates wird am 13.12. mit einem Portraitkonzert Khadija Zeynalova in Detmold fortgesetzt. Am 15.12. ist Christina Fuchs mit Jazz im Kölner Stadtgarten zu Gast. Noch mehr Jazz und Improvisation ist am 12.12. im Alten Kurhaus Aachen mit dem Alexander von Schlippenbach Trio und am 13.12. mit Martin Blume und Gästen im Museum Bochum zu erleben. Professor York Höller verabschiedet sich von der Kölner Musikhochschule. Aus diesem Anlass wird am 11.12. ein Konzert mit Werken ehemaliger und aktueller Studierender veranstaltet. Weitere Neue-Musik-Konzerte finden am 8.12. (Kompositionsabend), am 16.12. (Klavier- und Improvisationsabend) und am 19.12. (Studio elektronische Musik) statt. Rundfunkchor und Sinfonieorchester des WDR präsentieren gemeinsam mit dem SWR Vokalensemble Stuttgart am 4.12. in der Kölner Philharmonie Werke von Ligeti, Fedele und Strawinsky. Die Kölner Initiative ON widmet sich den Schlüsselwerken der Neuen Musik: Zu Gehör kommen am 3.12. das e-mex-Ensemble u. a. mit Schönbergs Pierrot lunaire (Belgisches Haus), am 5. und 6.12. die musikFabrik u. a. mit Werke von Varèse, Cage, Stockhausen, Boulez, Ligeti und B.A. Zimmermann (KOMED Saal) und am 19.12. das Asasello Quartett mit Lachenmanns Gran Torso (Sancta Clara Keller). In einem von musik21 – dem Düsseldorfer Verein zur Förderung zeitgenössischer Musik – veranstalteten Konzert trifft am 13.12. in der Thomaskirche Neue Musik auf Barockmusik. Das notabu-Ensemble begibt sich am 12.12. auf Spurensuche mit Musik von Philipp Jarnach, Thomas Blomenkamp, Norbert Laufer, B.A. Zimmermann und Jürg Baur. Im Düsseldorfer Klangraum spielt Eva-Maria Houben am 8.12. ihr Werk zweihändig sowie same or different von Tom Johnson. Eine Klangbrücke zwischen Köln und Moskau wird am 9.12. in der Alten Feuerwache in Köln aufgespannt. Zum Inhaltsverzeichnis aller bisher erschienenen Gazetten zur neuen Musik. |
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