|
||
|---|---|---|
Gazette: Neue Musik in NRW - Ausgabe Februar 2009 |
||
| möchten Sie diese Gazette monatlich neu per e-mail erhalten?
Dann senden Sie bitte eine mail an redaktion-nrw@kulturserver.de mit dem Betreff: Neue Musik oder tragen Sie sich hier ein: http://lists.kulturserver-nrw.de/cgi-bin/mailman/listinfo/neue-musik Düsseldorf, 18.01.2009, 14:36, von Petra Hedler, homepage, , Rubrik: Alle
|
||
| Gewesen: Klappstuhlfest in Wuppertal– musikFabrik mit Schönberg, Poppe und Heiniger
Angekündigt: Mundry, Rihm, Brötzmann, Knox, Frankreich, Island usw. [Klappstuhlfest] Am 15. und 16.1.2009 fand bereits zum neunten Mal das gemeinsam von der Peter-Kowald-Gesellschaft und dem Verein „Unerhört“ veranstaltete Klappstuhlfest statt, das stets zum Jahresanfang einen Einblick in die höchst lebendige Wuppertaler Improvisationsszene gibt. Im Mittelpunkt stand diesmal das Wuppertaler Improvisationsorchester (WIO), das im August 2007 gegründet wurde und seine Mitstreiter inzwischen nicht nur aus Wuppertal sondern aus halb NRW rekrutiert. Zum Auftakt in den Räumen der Peter-Kowald-Gesellschaft hatten einzelne Mitglieder die Gelegenheit, in kleineren Formationen ihr Schaffen vorzustellen. Der rechte Funke wollte bei mir jedoch zunächst nicht überspringen. Axel Petri (Saxophon) und Dietrich Rauschtenberger (Text, Schlagzeug) versprachen in einem bemühten, gestelzten Text eine Zeitreise, die aber mit angezogener Handbremse über allzu vertraute Pfade führte, auch wenn Petri wahlweise zur Flöte griff oder in zwei Hörner gleichzeitig pustete. Wenn „Grenzverletzung“ und „Schubladenerweiterung“ explizit angekündigt werden, finden sie meistens nicht statt! Der zweite Beitrag rankte sich um eine Performance von Irmel Droese, die lachend, schwadronierend und gestikulierend mit Papierutensilien und einer fast lebensgroßen Papppuppe agierte, während sie von Streicher- und Flötenklängen begleitet wurde. Das Duo Peter Wolf (Stimme, Dinge) und Matthias Kaiser (Geige) unternahm eine Erkundungsreise durch skurrile Geräuschlandschaften. Es wurde einiges ausprobiert, aber gleichzeitig entstand der Eindruck, als kämen sie über das Vorspiel nicht hinaus. Für den eigentlichen Höhepunkt des Abends sorgten schließen Geraldo Si (Tanz), Justin Sebastian (Trompete) und Kai Angermann (Schlagzeug). Als Bühne, Hindernisparcours und Instrumentarium zugleich dienten ihnen Stuhlreihen. Aus einem zunächst ziellosen Mäandern der Klänge und Bewegungen entstand eine ungeahnte Dynamik, in deren Verlauf das Trio in waghalsigem Getümmel und Getöse kollabierende Türme aus Stühlen und Körpern errichtete. Ein eindrucksvoller Ausklang eines ansonsten etwas halbherzigen Abends. Am zweiten Abend, der in der Neuen Kirche an der Sophienstraße stattfand, kam ich dann doch noch auf meine Kosten. Gleich zum Auftakt präsentierte sich das Improvisationsorchester in seiner Gesamtheit. Derartige Formationen gab und gibt es viele – mit unterschiedlichen Konzepten. Beim WIO übernehmen ein oder wie beim Intro auch mal zwei Mitglieder die Leitung und steuern durch einfache Handzeichen das Geschehen. Einsätze, Register, Spielweisen, Dynamik usw. lassen sich auf diese Weise aus dem Moment heraus gestalten. Je nach Dirigat entstehen sehr unterschiedliche Verläufe und Strukturen – was für die Flexibilität und Vielseitigkeit der Musiker spricht. Während ein Dirigent Spannungsbögen formt, setzt ein anderer harte Kontraste blockartig nebeneinander, ein dritter baut subtile Klangflächen auf und setzt sie in kreisende Bewegung. Dabei darf auch mal richtig aufgedreht werden, aber durch die Steuerung wird verhindert, dass das Ensemble im Chaos versinkt. Im Vordergrund steht nicht ekstatischer Furor sondern feinfühlige Arbeit am Klang. Das machten auch die Beiträge kleinerer Formationen deutlich, die kammermusikalische Qualität und Dichte erreichten wie zum Beispiel die Trios Angelika Sheridan (Flöte)/Ute Völker (Akkordeon)/Erhard Hirt (E-Gitrre) und Martin Verborg (Geige)/Annette Maye (Klarinette)/Reinhard Gagel (Klavier). Eindrucksvoll auch das Duo Paul Hubweber (Posaune)/Jean Sasportes (Tanz), bei dem sich der Tänzer in nervöser Eleganz von der Posaune locken, umgarnen, verführen und elektrisieren ließ, um schließlich mit ihr zu verschmelzen. Ebenfalls ungewöhnlich war der Auftritt von Mitch Heinrich (Stimme), Mark Charig (Kornett, Althorn), Georg Wissel (Saxophone) und Christian Ramond (Kontrabass). Die Instrumentalisten erzeugten eine ungemein dichte Atmosphäre, in die Heinrich seine skurrilen Lautäußerungen setzte. Es lohnt sich, das WIO im Auge zu behalten. Weitere Auftritte im Jahresverlauf sind geplant. [musikFabrik mit Schönberg, Poppe und Heiniger] Im Zentrum des 27. Konzertes der musikFabrik beim WDR am 9.1.2009 stand neue Musik von Enno Poppe und Wolfgang Heiniger, eingebettet in Schönbergs Sechs kleine Klavierstücke op. 19 (wunderbar behutsam in der Interpretation des neuen musikFabrik-Mitglieds Benjamin Kobler) und seine noch ganz spätromantisch schwelgenden Sechs Orchesterlieder op.8 vorgetragen von Rosemary Hardy. Für ihr gemeinsames Werk Tonband haben sich Poppe und Heiniger etwas ganz besonderes einfallen lassen, wobei der Titel in die Irre führt. Auf der Bühne agieren zwei Schlagzeuger und zwei Keyboarder, letztere erzeugen jedoch keine eigenen Töne sondern übernehmen die live-elektronische Bearbeitung der Schlagzeugklänge – also das, was normalerweise über die Regler eines Mischpultes oder die Computertastatur geschieht. Durch die Überantwortung der elektronischen Klangumwandlung an die flinken Hände der Pianisten erfolgt diese wesentlich schneller und flexibler. Die Schlagzeugklänge werden vervielfältigt, verstärkt, verfremdet und über sechs Kanäle in den Raum projiziert. Kontraste, Überblendungen und fließende Übergänge zwischen elektronischem Sound und originalem Schlagzeugklang bestimmen das Bild. Die Beteiligten gehen mit viel Spielfreude ans Werk und das Ergebnis ist über weite Strecken recht virtuos und turbulent. Rockige und jazzige Passagen sorgen für zusätzlichen Schwung. Allerdings verliert sich die Spannung etwas, nachdem man das Prinzip erst mal erfasst hat. Poppe ist bekannt für seine schlichten Titel, die man oftmals kaum mit der dazugehörigen Musik in Verbindung bringen kann. Holz, Tier, Knochen, Rad oder Salz sind einige Beispiele. In seinem Werk Scherben, das in einer neuen und nach Poppes Auskunft nun verbindlichen Fassung zur Aufführung kam, lässt sich noch am ehesten ein Bezug zwischen Titel und Musik herstellen. Dem Werk liegt ein starrer Formplan aus elf mal elf Teilen zugrunde, wodurch häufige Brüche und Kontraste entstehen. Auch das Klangbild lässt manchmal an splitterndes Glas denken, zum Beispiel wenn die Musik zwischen scharfkantigem Blechbläsersound und metallenem Schlagzeugklang fast zerrieben wird. Mal eilt sie rastlos dahin, dann wieder droht sie in einem vereinzelten Paukenschlag zu verebben. Dadurch wirkt sie eigenartig orientierungslos – trotz (oder wegen?) des, wie der Komponist versichert, rigide eingehaltenen Formplans. [Konzerte im Februar] Am 15.2. ist Peter Brötzmann, ein Urgestein der Wuppertaler Szene, mit seinem Tentet im Café ADA zu erleben. Im ort geht es am 21.2. mit elektroakustischen Improvisationen von Marion Wörle (Laptop) und Maciej Sledziecki (Gitarre) weiter. Auch neues Areal wird in Wuppertal erobert: Im von Tony Cragg eingerichteten Skulpturenpark Waldfrieden sollen Kunst und Natur zukünftig durch Musik ergänzt werden. Die Reihe „Klang_Art“ startet am 8.2. mit Rob Brown (Saxophon) und Dietrich Rauschtenberger (Schlagzeug) im Pavillon, der zurzeit von den Skulpturen Eduardo Chillidas bevölkert wird. In der Reihe Solisten ist am 1.2. Garth Knox, der ehemalige Bratscher des Arditti Quartets, zu Gast im Alten Pfandhaus Köln. Die Initiative nimm! - Netzwerk Improvisierte Musik Moers, eines von bundesweit fünfzehn Projekten, die im Rahmen des Netzwerkes Neue Musik von der Kulturstiftung des Bundes gefördert werden, begrüßt am 1.2. seinen neuen „Improviser in Residence“ Simon Rummel zu einem Gesprächskonzert. Rummel, der Jazzpiano und Komposition an der Musikhochschule Köln sowie freie Kunst an der Kunstakademie Düsseldorf studiert hat, wird als Nachfolger von Angelika Niescier ein Jahr lang in Moers tätig sein. Die aus dem gleichen Topf gespeiste Initiative ON – Neue Musik Köln veranstaltet am 13.2. im Alten Wartesaal ein Konzert mit Mesopotamia Jazz. Compone nennt sich ein Projekt, in dessen Rahmen Komponisten der Hochschule für Musik Köln und Medienkünstler der Kunsthochschule für Medien neues Terrain entdecken und gemeinsam Installationen und Musik-Performances entwickeln, die vom 3. bis 5.2. in den Räumen der Kunst Praxis Staab (ehem. Galerie Haferkamp) präsentiert werden. Im Konzertsaal des Wuppertaler Standortes der Musikhochschule Köln findet am 15.2. eine Klaviermatinée zum 90sten Geburtstag von Jürg Baur statt. Im Italienischen Kulturinstitut Köln ist am 3.2. der Violinist, Pianist und Komponist Luca Ciarla zu Gast und am 14.2. steht anlässlich des 100. Jahrestages des futuristischen Manifestes von Filippo Tommaso Marinetti eine poetische Performance mit futuristischen Musikeinlagen auf dem Programm. Im Japanischen Kulturinstitut spielt Kôtarô Fukuma am 27.2. Klaviermusik von Tôru Takemitsu. Das nächste Konzert der musikFabrik beim WDR am 27.2. ist Isabel Mundry gewidmet. Einen Tag später ist am gleichen Ort in der 17. Ausgabe der Reihe ensembl[:E:]uropa das isländische Caput Ensemble zu Gast. Die Philharmonie Essen widmet sich erneut ihrem „Composer in Residence“ Wolfgang Rihm. Am 1. sowie am 13, 14. und 15.2. sind Werke von ihm zu hören. Am 10.2. wird die Konzertreihe „YOUrope together“ mit Musik aus Frankreich fortgesetzt. In Düsseldorf gibt es Cage am 10.2. im Klangraum, Blarr, Messiaen und Zabel am 20.2. mit dem notabu-Ensemble in der Clara-Schumann-Musikschule und in der Tonhalle am 12.2. Klaviermusik von Stockhausen und am 26.2. Werke von Boulez, Zabel und Stefan Thomas mit dem Ensemble Differance zu hören. Zabels Objets sombres – sons niers werden bereits am 22.2. im Am 17.2. produzieren Eva Zöllner (Akkordeon) und Verena Wüsthoff (Blockflöten) unterstützt von elektronischen Klängen im Kölner Loft Orange Noise. Werke von Joan Towers sind am 12.2. in der Kölner Philharmonie und am 15.2. in der Wuppertaler Stadthalle zu hören. Laut Ankündigung gehört „die in Europa bislang kaum bekannte Komponistin ….zu den erfolgreichsten amerikanischen Komponisten überhaupt und hat jüngst einen der begehrten Grammys gewonnen.“ Zum Inhaltsverzeichnis aller bisher erschienenen Gazetten zur neuen Musik. |
|
|