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Gazette: Neue Musik in NRW - Ausgabe Juli/August 2009 |
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Dann senden Sie bitte eine mail an redaktion-nrw@kulturserver.de mit dem Betreff: Neue Musik oder tragen Sie sich hier ein: http://lists.kulturserver-nrw.de/cgi-bin/mailman/listinfo/neue-musik Düsseldorf, 28.06.2009, 16:25, von Petra Hedler, homepage, , Rubrik: Alle
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| Gewesen: comprovise-Festival in Köln – Jazzfestival in Moers
Angekündigt: Klangraum Düsseldorf – Stockhausenkurse – Ruhrtriennale usw. [comprovise-Festival in Köln] Das Kölner ZAM – Zentrum für Aktuelle Musik – veranstaltete am 19. und 20.6. in der Alten Feuerwache das Festival comprovise, das sich mit der Begegnung von Komposition und Improvisation befasste. Längst schon stehen sich die beiden musikalischen Ausdrucksformen nicht mehr feindlich gegenüber und auch die Frage nach der Überlegenheit der einen über die andere ist weitgehend obsolet geworden. Viele Musikschaffende fühlen sich beiden Bereichen zugehörig. So waren mehrere Beteiligte (Elisabeth Harnik, Frederic Rzewski, Melvyn Poore und Jennifer Walshe) sowohl als improvisierende Musiker als auch als Komponisten vertreten. Vom Konzept her standen sich Kompositionen und Improvisationen gleichberechtigt gegenüber und wechselten sich im Programmverlauf ab. Dabei stellte sich dem Hörer schnell die Frage, ob sich der Unterschied hörend erschließt – zumal das verwendete Klanginventar sehr ähnlich war. Die Antwort fällt differenziert aus. Einige Beiträge waren klar als Kompositionen zu erkennen, so zum Beispiel Caspar Johannes Walters durchscheinende Etüde IV/d, Klangminiaturen, die sich durch Kürze und Stringenz auszeichnen. Auch Frederic Rzewskis Nanosonatas, bei denen eine zunächst geradlinige, fast traditionell anhebende Klangsprache sich auf vielfältige Seitenpfade begibt, wirkte trotz oder gerade wegen dieser Bocksprünge wohlgesetzt. Schwieriger war es da schon, die improvisierten Beiträge eindeutig als solche zu bestimmen. Die Mitwirkenden trafen in den verschiedensten Kombinationen vom Duo bis zum Nonett aufeinander und agierten dabei meist so stimmig miteinander, dass man kaum glauben wollte, dass einige von ihnen erstmals zusammen spielten. Besonders eindrucksvoll waren die ausdrucksstarken Vokaldarbietungen von Jennifer Walshe, aber auch was Lê Quan Ninh mit einer großen Trommel und vielfältigen Utensilien (einschließlich Tannenzapfen) anstellte, war bemerkenswert. Richard Barrett agierte sehr energie- und phantasievoll am Laptop und zeichnete für die abschließende Komprovisation verantwortlich, die nicht nur alle Beteiligten sondern auch die beiden Pole Komposition und Improvisation zusammenführte. In bekannter Weise orientierten sich die Musiker an vorgegebenen Strukturen, die genug Platz für Eigenes und Spontanes ließen. Barrett wies darauf hin, das bei größeren Gruppen kompositorische Vorgaben nicht nur einschränken sondern im Gegenteil sogar Freiräume schaffen, da sie verhindern, dass der Einzelne im Klangchaos versinkt. Auch bei den reinen Improvisationen stand nicht wie in den frühen Zeiten des Free Jazz ekstatische Entäußerung im Vordergrund sondern sensible Klangerforschung und –interaktion, was gelegentliche energetische Turbulenzen durchaus einschloss. In der abschließenden Diskussion wurde daraufhin gewiesen, dass der vermeintlich wahrnehmbare Unterschied zwischen Improvisiertem und Komponiertem sich nicht nur dem Klangresultat, sondern ebenso der Erwartungshaltung des Hörers und der Herangehensweise der Interpreten verdankt. Womöglich hätte man anders und Anderes gehört, wenn nicht aufgrund des Programmheftes stets klar gewesen wäre, wann Improvisiertes, wann Komponiertes erklingt. [Jazzfestival in Moers] In diesem Jahr hat es mich tatsächlich zum Jazzfestival nach Moers verschlagen – erstmals! Obwohl mir vor Ort der eine oder andere versprengte Wittenianer begegnete, war mir von Anfang an klar, dass ich mich auf ungewohntes Terrain begab. Bei einigen Sachen habe ich mich wirklich gefragt, was das mit Jazz bzw. improvisierter Musik zu tun hat, z.B. bei den mystisch angehauchten Popliedchen einer Blondine von den Färöer Inseln. In der Regel merkte man aber schon nach wenigen Takten, wohin der Hase läuft, und konnte den Ort des Geschehens verlassen. Anderen hat’s womöglich gefallen und da es viel mehr Spaß macht, zu preisen als zu verreißen, werde ich mich hier weitgehend auf die Musik konzentrieren, die mir in positiver Erinnerung geblieben ist. Denn die gab es durchaus! Den kürzesten und prägnantesten Auftritt hatte das New Yorker Trio Zs bestehend aus Saxophon, Schlagzeug und Gitarre. Aus einem enervierenden Grundmuster wurden ordentlich Funken geschlagen, Chaos quoll aus allen Fugen und kreierte eine herrliche Mischung aus Penetranz und Anarchie, die nach 15 Minuten wie ein Spuk endete und trotzdem noch lange nachhallte. Auch die drei japanischen Girlies von Nisennenmondai (deutsch: Jahr-2000-Problem) machten ordentlich Druck. Aus simplen Motiven und maschinenhafter rhythmischer Präzision bauten sie einen dichtgewebten Lärmteppich, der in der Hitze des Zeltes seine Wirkung nicht verfehlte. Nicht weniger energiegeladen aber subtiler ging das holländische Trio The Black Napkins ans Werk. Besonders der Schlagzeuger Gerri Jaeger beeindruckte. Er feuerte Salven ins Publikum und manchmal hatte man das Gefühl, der Geräuschsymphonie einer Werkshalle zu lauschen. Dazwischen gab es aber auch ruhigere, forschende Passagen, die manchmal allerdings etwas orientierungslos ausfransten. Das konnte man von der Musik des Trios, bestehend aus den Veteranen Muhal Richard Abrams (Piano) und Roscoe Mitchell (Sax) sowie dem Posaunisten George Lewis, nicht behaupten. Die Drei nahmen sich Zeit, zelebrierten einen Geräuschfetzen, meditierten über ein Glucksen, entfachten irre Wirbel, bohrten sich in Endlosklänge – was immer sie anstellten, es wirkte souverän und funktonierte. Wenig überzeugt haben mich die deutschen Beiträge. Der derzeitige Moerser „Improviser in Residence“ Simon Rummel hatte 10 Bläser auf der Bühne versammelt, allesamt gute Leute, die ihr Handwerk verstehen. Unter seiner Anleitung kam aber nur eine Aneinanderreihung netter Effekte, kleiner, durchaus gekonnter Soli und banaler Einlagen zustande. Tim Isfort integrierte in sein Moerser Tentett auch noch eine Tänzerin, Videos von Altenheimen und Abbruchhäusern und irgendwann ließen sich Fernmusiker vernehmen. Dies ergab eine völlig überladene Mischung und selbst da, wo Intensität entstand, steckte mehr Wucht als Substanz dahinter. Überhaupt, die Big Bands, sie sind offenbar nicht meine Sache! Während Guillermo Klein mit seinen Guachos immerhin ein paar polyrhythmische Raffinessen einbaute, verbreitete Darcy James Argue mit seiner Secret Society nur gepflegte Langeweile. 100mal spannender war der Soloauftritt des New Yorker Saxophonisten Colin Stetson. Mit Zirkularatmung erzeugte er Dauerklänge, dass einem schon beim Zuhören die Luft weg blieb. Er modulierte die Töne, als wären sie Wachs zwischen seinen Fingern, das Spektrum reichte vom zarten Flirren und Beben bis zum bohrenden, enervierenden Sound. Selbst einem Monster wie dem Kontrabasssaxophon konnte er nicht nur Töne entlocken sondern Leben einhauchen. Dass man sogar Jazzstandards Interessantes abgewinnen kann, bewies das Quartett Mostly Other People Do the Killing. Sie präsentierten einen fulminanten, humorvollen Ritt durch die Jazzgeschichte, schlugen extravagante Haken und brachten scheinbar abgenutzte Phrasen zum Glühen. An jeder Ecke lauerte etwas Neues, Bläsereskapaden mündeten in simple, geruhsame Passagen, die aber sofort wieder kippten. Das machte auch mir Spaß! Die Vier gehören übrigens ebenfalls zur jungen New Yorker Szene, die in diesem Jahr prominent vertreten war. Alles in allem war die Ausbeute gar nicht so schlecht. [Termine im Juli und August] Am 3.7. setzt sich das neu gegründete Ensemble Garage im Belgischen Haus in Köln mit Alvin Luciers I’m sitting in a room auseinander. Am 5.7. treten in der Reihe sonic objects im Kulturbunker Mühlheim der Klangkünstler Marc Behrens und das Improvisationsduo Radu Malfatti und Lucio Capece in einen Dialog mit der Musik Luigi Nonos. (Infos siehe ON – Neue Musik Köln). In der Reihe Solisten ist die Flötistin Helen Bledsoe ebenfalls am 5.7. im Alten Pfandhaus zu Gast. In der Kölner Musikhochschule präsentiert der hauseigene Madrigalchor geistliche Chormusik unserer Tage von Stockhausen und Messiaen sowie eine Uraufführung von Johannes Fritsch. Die Stockhausenkurse finden - nun schon zum zweiten Mal ohne den Meister – vom 10. bis 26.7. in Kürten statt. Beim Auftaktkonzert sind auch Mitglieder der musikFabrik beteiligt. In der Reihe Klangart im Wuppertaler Skulpturenpark Waldfrieden feiert der Gitarrist Nguyên Lê am 5.7. Jimi Hendrix (Celebrating Jimi Hendrix). Ende August finden vom 28. bis 30.8. weitere Jazzkonzerte statt. Percussion & Strings, Europa und Fernost treffen am 5.7. im Wuppertaler ort in einem Konzert mit Günter Baby Sommer, Gunda Gottschalk, Xu Fengxia und Akira Ando aufeinander. Im Rahmen der Kirchenmusikwochen in Neuss kommen auch einige Zeitgenossen zur Aufführung, zum Beispiel Johannes Matthias Michel am 5.7. und Günter Berger und Oskar Gottlieb Blarr am 8.7. Das Sommerprogramm im Klangraum Düsseldorf umfasst Werke für Streichinstrumente von André Cormier am 8.7., Musik für Sopran von Jürg Frey, Luigi Nono, Vivienne Olive und Lars Hallnäs am 14.7. und Antoine Beugers two ( for erwin speckmann) am 19.7. Außerdem ist vom 15. bis 19.7. Tag und Nacht eine Performance/Installation rund um einen Tisch, einen Stuhl und ein Fahrrad zu erleben. Mit Klangwelten und Klangkörper von Mensch zu Stadt befasst sich eine interdisziplinäre und internationale Tagung mit abschließendem Konzert am 9. und 10.7. an der RWTH Aachen. (Infos siehe GfzM Aachen) In der Kunststation Sankt Peter kommt am 28.8. Andreas Wagners Komposition Slow Gait für vier Kontrabässe und Live-Elektronik zur Aufführung. Am gleichen Ort erklingen am 9.8. die August-Improvisationen an der Orgel. Die Kölner Philharmonie startet am 30.8. mit einem Tag der offenen Tür in die neue Saison. Dabei spielt Heinz Holliger als Solist Jörg Widmanns Konzert für Oboe und Orchester in deutscher Erstaufführung. Außerdem steht George Benjamins A Mind of Winter auf dem Programm. Am 15.8. geht die Ruhrtriennale in die nächste Runde. Für die nächsten drei Jahre bestimmt der neue Intendant Willy Decker das Programm. Zum Auftakt inszeniert er Schönbergs Oper Moses und Aron, die kürzlich erst in der Deutschen Oper am Rhein zu hören war. Ansonsten sind wieder so genannte Kreationen zu erleben zum Bespiel ein Ritual für den frankokanadischen, früh verstorbenen Komponisten Claude Vivier von Albert Ostermeier (Sing für mich, Tod) und die musikalische Installation Tamar von Rupert Huber mit Musik von Huber, Stockhausen und Bach. Das Musiktheaterstück Autland mit Musik von Ockeghem und Sergej Newski verspricht einen Kanon für ein unersättliches Gehirn und Christian Muthspiel befasst sich in seiner Soloperformance für und mit ernst mit Jandl. Zum Inhaltsverzeichnis aller bisher erschienenen Gazetten zur neuen Musik. |
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