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Gazette: Neue Musik in NRW - Ausgabe September 2009 |
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Dann senden Sie bitte eine mail an redaktion-nrw@kulturserver.de mit dem Betreff: Neue Musik oder tragen Sie sich hier ein: http://lists.kulturserver-nrw.de/cgi-bin/mailman/listinfo/neue-musik Düsseldorf, 28.08.2009, 10:37, von Petra Hedler, homepage, , Rubrik: Alle
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| Gewesen: Eichbaumoper – Klangraum Düsseldorf
Angekündigt: Konzerthäuser – Beethovenfest – Kölner Musiknacht u. v. m. [Eichbaumoper] Es ist wirklich ein verrückter Ort, unter uns donnert die U-Bahn in beide Richtungen, links rast die A40 als Hochbahn an unseren Köpfen vorbei, von rechts schiebt sich die B1 ins Bild – aber auch Natur ist nicht weit. Hinter Draht und Beton wuchert es und fast hat man den Eindruck, die allgegenwärtigen Absperrungen sollen die Natur daran hindern, sich dieses Areal zurückzuerobern. Sie dienen jedoch dem Schutz vor menschlichen Übergriffen und obwohl dies objektiv womöglich gelungen ist (laut Polizeistatistik ist es hier nicht gefährlicher als anderswo), ist das Unbehagen geblieben. Der Eichbaum, eine U-Bahn-Station irgendwo zwischen Mühlheim und Essen, ist ein unwirtlicher Ort, ein so genannter Angstraum, an dem man sich nicht länger als unbedingt nötig aufhält. Was Staatsgewalt und Ratio nicht vermochten, soll nun die Kunst richten. Der Eichbaum soll erlöst werden, durch eine Oper. Im September letzten Jahres erschienen deren Abgesandte, konkret Jan Liesegang und Matthias Rick vom raumlaborberlin, und nisteten sich am Eichbaum ein. Eine Opernbauhütte wurde errichtet und der Versuch unternommen, die Anwohner mit Workshops, Ausstellungen, Grillfesten und Diskussionsrunden mit ins Boot zu holen. Die Oper, Inbegriff einer abgehobenen und überfinanzierten Elitekultur, sollte nicht aufoktroyiert werden, sondern gemeinsam mit den Menschen vor Ort entstehen. Hierzu waren drei Künstlerduos, jeweils bestehend aus einem Musiker und einem Librettisten, eingeladen worden, sich der Sache anzunehmen. Im Juni und Juli war es dann soweit und die „Standortbestimmung in drei Zügen“ konnte Fahrt aufnehmen. In jedem Fall ist es gelungen, den Eichbaum zumindest vorübergehend ins Licht der Öffentlichkeit zu rücken. Die Vorstellungen sind gut besucht bis ausverkauft, am Ausgangspunkt, der U-Bahn-Station Hirschlandplatz in Essen, herrscht lebhaftes Gedränge und der Sonderzug, in dem der erste Akt (Titel: Entgleisung, eine Kammeroper), verantwortet von Ari Benjamin Meyers (Musik) und Bernadette La Hengst (Libretto), beginnt, ist gut gefüllt. Die beiden spielen mit unseren täglichen U-Bahn-Erfahrungen. Alltagspersonen, ein Ehepaar, ein Straßensänger, eine Jugendliche mit Ausreißerfantasien und ein Paranoiker treten aus der Menge und offenbaren ihre Gedanken und Gefühle im Gesang. Dadurch entsteht jener bekannte Effekt, dass das Alltägliche, gegen das wir uns normalerweise gut zu wappnen wissen, durch Entfremdung plötzlich erstaunlich nahe rückt. Die gut geölten Abwehrmechanismen verweigern für Momente ihren Dienst und wir sind irritiert, peinlich, unbehaglich oder diffus berührt. Am Eichbaum werden wir alle auf den Bahnsteig gespuckt und jetzt ist es die U-Bahn selbst, die sich singend an uns wendet. In Gestalt von Bernadette La Hengst klagt sie, begleitet von einer Kapelle in Schaffnerkluft und mit dem U-Bahn-Chor im Schlepptau, dass es ihr nicht vergönnt ist, „nur einmal diese Gleise zu verlassen.“ Dies gilt in jedem Fall für die Komposition. Die musikalische Ebene ist denkbar schlicht, eine Art Chanson mit minimalistischer Untermalung, auch die Inszenierung bedient sich simpler, fast kindlicher Mittel. Aber gerade diese Naivität und Direktheit gepaart mit der Nähe zum Geschehen und dem Gedränge auf dem Bahnsteig entwickelt einen eigentümlichen Reiz und macht neugierig auf das Folgende. Die U-Bahn-Station mit ihren Über- und Unterführungen wird nun zur Bühne, während das Publikum, mit Regencapes ausgestattet, auf einer Zuschauertribüne Platz nimmt. Über uns dräuen Gewitterwolken, die allemal spannender sind als die nun folgende Darbietung. Simon, der Erwählte (Musik: Isidora Žebeljan, Libretto: Borislav Čičvači) erzählt die verquaste Geschichte eines von seiner Mutter Ausgesetzten, der, in Mühlheim gestrandet, ebendort seiner Mutter wiederbegegnet, sich in Unkenntnis der Verhältnisse in sie verliebt und mit ihr eine Beziehung eingeht. Nachdem die Wahrheit offenbar geworden ist, vergeht er vor Reue und kasteit sich so lange, bis er ob seines reinen Herzens selbst zum Wunderheiler wird. Mit dem Eichbaum und seinen Anwohnern hat diese Geschichte natürlich gar nichts zu tun, daran kann auch die krampfhaft eingefügte Mühlheimer Kneipenszene nichts ändern. Es handelt sich um eine jener überflüssigen Literaturopern (Thomas Manns Erzählung Der Erwählte muss herhalten), die von einfallslosen Opernintendanten auf den Spielplan gesetzt werden, wenn sie glauben, Zeitgenössisches bringen zu müssen, aber keinen verschrecken wollen. Da wundert es nicht, dass Simon als einziger Beitrag einen Verleger (Ricordi) gefunden hat. Was im Opernhaus nur langweilt, ist hier am Eichbaum ärgerlich. Ich bin froh, als es vorbei ist. Zum Glück werde ich durch den dritten Akt, Fünfzehn Minuten Gedränge, wieder versöhnt. Felix Leuschner (Musik) und Reto Finger (Libretto) gelingt, was ich mir von dem ganzen Abend gewünscht hätte: Der Eichbaum wird Oper. Anwohner sind als Statisten auf der Bühne und mit Texten im Libretto präsent, ohne dass es anbiedernd wirkt. Die Geräuschkulisse des um uns wogenden Verkehrs vermischt sich mit den aus den U-Bahnkatakomben dringenden Orchesterklängen. Im Vordergrund stehen jedoch die Stimmen, die sich, sprechend, singend, stammelnd zu einem akustischen Gedränge fügen. Die Regie (Cordula Däuper) mischt alltägliche und surreale Elemente. Ist das Märchenwesen, das auf dem Balkon der Opernbauhütte erscheint, vielleicht die gute Fee, die gekommen ist, den Eichbaum zu erlösen? Hier macht jeder, wie ein Mitwirkender im Interview enthüllt, ein bisschen was er will und doch fügt es sich zu einem lebendigen Ganzen, dem ich mich gerne überlasse. Das Wetter hat übrigens gehalten, ob der Eichbaum dauerhaft aus seinem Dornröschenschlaf erwacht, wird sich zeigen. [Klangraum Düsseldorf] Zwei Abende im Klangraum Düsseldorf waren am 14. und 19.7. den Linien des Lebens gewidmet. Es sind die Linien der Stimme, die die Sopranistin Irene Kurka in den Raum zeichnet. Im Zentrum stand Antoine Beugers neue CD two (for erwin-josef speckmann) für Sopran und Klarinette. Man könnte diese Musik minimalistisch nennen, aber das würde zu Missverständnissen führen, denn mit der amerikanischen Minimal Music hat sie nichts zu tun. Während dort die einzelnen Töne ihrer Eigenwertigkeit entkleidet zum Rädchen im Getriebe werden, erhält hier jeder Klang maximale Präsenz. Irene Kurka und Jürg Frey platzieren abwechselnd Töne im Raum, die sich nur durch Tondauer und –höhe unterscheiden. Scheinbar. Denn in Wahrheit gewinnt durch diese Reduktion jeder Klang Eigenleben und Individualität. Bei aller Präzision der Intonation sind es menschliche Klänge, das sanfte Vibrieren, das zarte An- und Abschwellen der Töne, kaum wahrnehmbare Anblasgeräusche der Klarinette hauchen den Klängen Leben ein. Hinzu kommt der Raum, der kein Konzert- sondern Ausstellungsraum und mit seiner halligen Akustik für Musik eigentlich ungeeignet ist. Diesen Klängen aber gibt er Räumlichkeit und Fülle. Es ist genau diese Mischung aus Purismus und Körperlichkeit, aus Intimität und Distanz, aus Perfektion und Zerbrechlichkeit, die berührt und in den Bann zieht. Jürg Frey, nicht nur Interpret sondern wie Beuger Mitglied der Komponistengruppe Wandelweiser, verwendet in seinem eigenen Werk und ging II; und ging III eine ähnliche Musiksprache. Der zugrunde liegende Text von Robert Walser geht in der Musik fast unter, umso eindringlicher wirken vereinzelte gesprochene Worte. Außerdem standen auf dem Programm noch ein kurzes Werk von Luigi Nono (djamila boupacha) und Musik des wenig bekannten Komponisten Lars Hallnäs, der in und strom, und wind und zeit in unbeirrbarer Schlichtheit einen Hölderlintext abschreitet. Der traditionelle Gesang, der in Vivienne Olives whispers of heavenly death angestimmt wird, wirkt in diesem Kontext wie ein Fremdkörper. Die hallige Akustik sorgt zudem für eine Verunklarung der Gesangslinie, die dem Stück nicht gut tut. [Vorschau September] Auf die Ruhrtriennale habe ich bereits in der letzten Gazette hingewiesen. Im September neigt sich die Sommerpause langsam dem Ende und die Saison in den Konzerthäusern beginnt. Die Kölner Philharmonie startet am 30.8. mit einem Tag der offenen Tür in die neue Saison. Dabei spielt Heinz Holliger als Solist Jörg Widmanns Konzert für Oboe und Orchester in deutscher Erstaufführung. Außerdem steht George Benjamins A Mind of Winter auf dem Programm. Dem allgegenwärtigen und unvermeidlichen Widmann ist in der kommenden Saison in Köln ein Schwerpunkt gewidmet. Am 1.9. trifft Musik von Toshio Hosokawa auf traditionelle Gagakumusik, am 6.9. erklingt Ligetis Athmosphères und am 13.9. hebt die Junge Deutsche Philharmonie unter der Leitung von Susanna Mälkki Enno Poppes neues Werk Markt aus der Taufe. Composer in Residence der Philharmonie Essen ist diesmal die Koreanerin Unsuk Chin. Zum Auftakt erklingt am 20.9. Miroirs des temps, ein Zyklus über die Themen Liebe und Tod für Solostimmen und Orchester, in dem Chin sich mit mittelalterlicher Musik beschäftigt. Passend dazu ergänzen Motetten von Machaut das Programm. Bereits am 18.9. ist Das Konzerthaus Dortmund hat mit der Aufmachung seines neuen Programmheftes alle Kitsch- und Schwulstrekorde gebrochen. „Als erhellte ein Licht die Hallen der Wahrheit“, das kann noch nur Parodie sein oder? Neue Musik muss man mit der Lupe suchen. Am 17.9. hat sich ein Häppchen Kurtág ins Programm geschmuggelt. Die Düsseldorfer Tonhalle gratuliert am 6.9. Oskar Gottlieb Blarr zum 75. Geburtstag. Am 14.9. wird die Poppe-Uraufführung mit der Jungen Deutschen Philharmonie wiederholt (am Vortag in Köln, s.o.). Am 18.9. interpretiert die Sopranistin Irene Kurka, die im Juli im Klangraum zu hören war (s.o.), zusammen mit dem notau.ensemble Musik von Eötvös, Kurtág und Francesconi. Das Bonner Beethovenfest startet am 4.9. mit einer Uraufführung von Moritz Eggert. Am 6.9. präsentieren unter dem Motto Wege der Demokratie die musikFabrik, Salome Kammer, Stefan Litwin u.a. Zeitgenössisches an ungewöhnlichen und geschichtsträchtigen Orten wie dem Palais Schaumburg oder dem Plenarsaal des Bundesrates. Im Rahmen des Streichquartett-Projektes erklingen Werke von Crumb, Lachenmann, Ligeti u.a. Am 17.9. wird Frank Zabels Echos of Light als Auftragswerk des Beethovenfestes uraufgeführt. Am 12.9. kann man Köln musikalisch erwandern. Um 18 Uhr beginnt eine musikalische Stadtführung mit den Tierkreis-Melodien von Karlheinz-Stockhausen, die von St. Maria im Kapitol bis zur Musikhochschule führt. Am 19.9. findet wieder die Kölner Musiknacht mit vielfältigem Programm statt. Diesmal stehen Jazz und Improvisierte Musik in allen Spielarten im Fokus. Das Kölner Loft wird 20 Jahre alt und begeht seinen Geburtstag im September mit jungen und alten Helden, Freunden und Verwandten. Am 30.9. gibt es außerdem eine KGNM-Werkstatt mit dem Ensemble Contemporary Sounds Unity aus Palermo. Im Alten Pfandhaus Köln sowie in der romanischen Kirche Sankt Georg findet vom 17.9. bis zum 20.9. das Equinoxfestival statt (die Sonne überschreitet den Himmelsäquator am 22.9.09 um 23.19 Uhr Sommerzeit). Das Schwerpunktthema ist in diesem Jahr die norwegische Musikszene, die mit Jazz, Stummfilm plus Live-Musik, Liedern und Orchesterwerken vertreten ist. Im Belgischen Haus in Köln moderiert Egbert Hiller am 26.9. eine Gesprächsrunde mit anschließendem Konzert für Violine und Akkordeon. Das Hillard Ensemble und das WDR Sinfonieorchester heben am 18.9. im Funkhaus Wallrafplatz Steffen Schleiermachers Werk Die Beschwörung der trunkenen Oase nach Zaubersprüchen einer versunkenen Geheimsprache aus der Taufe. Die Klangbrücke Aachen veranstaltet am 12.9. ein Konzert mit dem Neue Musik Ensemble Aachen, bei dem Komponistinnen aus NRW auf dem Programm stehen. Unter dem Motto das entgrenzte Klavier - das unendliche Klavier findet am 5. und 6.9. in Düsseldorf ein kleines Klavierfestival statt. Es soll Einblick gewähren in die Vielfalt der zeitgenössischen Musik-Szene Düsseldorfs und ihrer Vernetzung mit dem In- und Ausland. Am 27.9. veranstaltet die Düsseldorfer Neue-Musik-Initiative musik21 ein Konzert mit dem Berliner ensemble kozmosz, das mit der aparten Mischung Blockflöte, Cimbalom, Akkordeon und Schlagzeug aufwartet. Ein Beispiel Köln-Düsseldorfer-Kooperation bereichert wie bereits in den Vorjahren den Altstadtherbst. Die Frischzelle bietet unter dem schönen Titel Düsseldorf/Köln und der Rest der Welt am 17. und 18.9. intermediale Improvisation und Komposition in der Düsseldorfer Bergerkirche. Bereits am 16.9. gibt es eine Auftaktveranstaltung im Sport- und Olympiamuseum in Köln. Zum Inhaltsverzeichnis aller bisher erschienenen Gazetten zur neuen Musik. |
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